HOME

Russische Einstiegspläne: Was Putin mit Opel will

Im Kampf um Opel ist ein neuer Interessent aus der Deckung gekommen: Der russische Autohersteller Gaz. Zusammen mit dem Zulieferer Magna und Moskauer Banken will man bei den Deutschen einsteigen. Eine abenteuerliche Allianz, bei der Russlands Regierung ganz eigene Pläne verfolgt.

Von V. Diethel, M. Lambrecht und K. Spiller

"Ich hab hier so viel Spaß, wir drehen noch 'ne Runde!", rief der sichtlich begeisterte US-Präsident George W. Bush, als ihn der russische Staatspräsident Wladimir Putin während eines Staatsbesuchs im Mai 2005 ans Steuer seines Wolga Gaz-21 ließ. Die schneeweiße Limousine hatte sich Putin originalgetreu nachbauen lassen. Eine Reminiszenz an die prestigeträchtigen Sowjetschlitten der zweiten Wolga-Modellreihe, fabriziert von Gorkowski Awtomobilny Sawod (Gaz), dem 1932 in Gorki gegründeten Autohersteller.

Kriselnder Hoffnungsträger

Inzwischen heißt die Stadt Nischni Nowgorod, und vom einstigen Glanz des Wolga-Produzenten ist nicht mehr viel übrig. Russlands zweitgrößter Autobauer steht vor der Pleite. Unter Hochdruck wird derzeit mit den Banken über eine Umschuldung von Krediten verhandelt.

Auch Gaz-Eigner Oleg Deripaska, einstmals reichster Mann Russlands, steht das Wasser bis zum Hals. Sein Vermögen ist mit dem Einbruch an der russischen Börse von einstmals geschätzten 29 Milliarden Dollar auf kaum mehr als ein Zehntel zusammengeschrumpft. Überall muss der hoch verschuldete Oligarch nun Beteiligungen abstoßen, um nicht unterzugehen - denn viele seiner Geschäfte waren mit Aktien besichert.

All das scheint in Berlin und Rüsselsheim derzeit niemanden zu interessieren. Ausgerechnet der strauchelnde Deripaska und sein Not leidender Konzern gelten als Hoffnungsträger. Gemeinsam mit der staatlichen russischen Sberbank und dem kanadisch-österreichischen Zulieferer Magna will Gaz die Mehrheit an Opel erwerben, damit die europäische General-Motors-Tochter nicht mit dem US-Mutterkonzern in die Pleite rutscht.

Vor allem unter Gewerkschaften, Betriebsräten und den Sozialdemokraten um Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier steht das Konsortium für den Erhalt möglichst vieler Arbeitsplätze - während nach einem Einstieg des konkurrierenden Bieters Fiat ein schmerzhafter Jobabbau an den deutschen Opel-Standorten befürchtet wird. Die Magna-Lösung gilt Steinmeier als "interessante Option".

Putins Traum vom Weltkonzern

Bis zum kommenden Mittwoch müssen die Interessenten ihre Sanierungskonzepte für Opel vorlegen. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass es dem inzwischen als Ministerpräsidenten amtierenden Wolga-Fan Putin gelingt, den russischen Traditionsbetrieb mit deutscher Staatshilfe vor dem Untergang zu bewahren.

Putin hat ein Ziel: Er will aus den maroden Autowerken seines Landes eine schlagkräftige Fahrzeugindustrie schmieden. Zwar gab er sich zuletzt zurückhaltend und erklärte, es gehe allein "um kommerzielle Fragen". Doch er fügte hinzu, den Fortgang der Ereignisse genau zu beobachten.

Für Experten wie Jelena Sachnowa, Analystin der russischen Investmentbank VTB Kapital, ist klar, was damit gemeint ist: "Die russische Regierung besteht darauf, dass Gaz und die Sberbank für Opel bieten. Die heimische Autoproduktion benötigt einen Modernisierungsschub."

Das nötige Kapital soll von der Sberbank kommen, an deren Spitze der Putin-Vertraute German Gref sitzt. Schließlich ist die größte russische Bank laut Medienberichten praktisch bereits Eigentümerin von Gaz: Deripaska musste seinen 61-Prozent-Anteil als Sicherheit hinterlegen.

Doch die Konstruktion ist heikel: "Zwar hat die Sberbank das nötige Kapital", sagt Rustam Botaschew, Bankanalyst von Unicredit Securities in Moskau. Allerdings wäre es politisch nur schwer zu begründen, warum der größte russische Geldgeber gerade bei einem deutschen Konzern einspringen soll, wenn sich derzeit genug Unternehmen für in Russland einen Kredit anstellen.

Entsprechend skeptisch fällt bislang das Echo in Russland aus: "Große Ambitionen" titelte etwa das renommierte Wirtschaftsblatt "Wedomosti" zurückhaltend. "In den nächsten Jahren wird Gaz vor allem damit beschäftigt sein, seine Schulden zurückzuzahlen", sagt Autoexpertin Sachnowa. "Es gibt wenig Spielraum für neue Initiativen." Die Idee vom Einstieg bei Opel sei "hirnrissig". Der Autobauer wäre besser beraten, sich auf das Nutzfahrzeugsegment zu konzentrieren, in dem der Konzern bereits gut aufgestellt ist.

Doch in Moskau wittert man offenbar die Chance, den zuletzt scheinbar unaufhaltsamen Abstieg der russischen Hersteller auf dem Heimatmarkt zu stoppen. Denn vom stürmischen Wachstum des Marktes in den vergangenen Jahren hatten Gaz und der konkurrierende Lada-Produzent Awtowas nur wenig. Der Anteil der einst dominierenden Anbieter sank unter 30 Prozent.

Russische Autoindustrie am Abgrund

Marktkenner wie die Unternehmensberatung Roland Berger sehen keine Trendumkehr: Zwar soll sich das 2009 eingebrochene Geschäft schnell wieder erholen. Bis 2020 erwarten die Berger-Experten eine Verdoppelung des Absatzes auf 3,6 Millionen Fahrzeuge - doch nicht einmal mehr jedes fünfte Fahrzeug käme dann aus russischer Produktion.

Eine Entwicklung, der man im Kreml nicht tatenlos zusehen will. "Für die russische Regierung ist die Autobranche neben der Öl- und Gasindustrie sowie der Rüstungsindustrie einer der wesentlichen Wirtschaftszweige", sagt Nikolaus Lang, Russlandexperte bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group. Daher überlege Moskau derzeit, wie man Awtowas, Gaz und den Lkw-Bauer Kamas langfristig zu starken Spielern im Markt aufbauen könne.

Für Awtowas ist mit Renault bereits ein Partner aus dem Westen gefunden, der eine Sperrminorität erworben hat und nun helfen soll, die überalterten Produktionsanlagen an moderne Standards anzupassen. Bei Kamas ist Daimler Ende vergangenen Jahres mit umgerechnet rund 190 Millionen Euro eingestiegen und hat dafür ein Zehntel der Anteile erworben. Den ausländischen Konzernen verschaffen die Beteiligungen einen Zugang zum Markt ohne die sonst fälligen hohen Einfuhrzölle. Die russischen Partner hoffen im Gegenzug auf Zugang zu den modernen Technologien aus dem Westen.

Mit dem Fortschritt der vergangenen Jahre haben die Hersteller aus der ehemaligen Sowjetunion nicht mehr Schritt halten können. Umso härter trifft sie jetzt die Krise, die den Absatz im laufenden Jahr um rund ein Drittel einbrechen lässt. Gaz hat bereits 2008 einen Verlust von 5,2 Milliarden Rubel eingefahren (119 Millionen Euro) und sitzt auf einem Schuldenberg von umgerechnet rund einer Milliarde Euro, von dem der Großteil bis Jahresende fällig wird. Selbst wenn in diesem Jahr der angepeilte Gewinn von rund neun Millionen Euro erreicht wird - eine kaum zu stemmende Aufgabe. "Gaz muss mit dem Bankrott rechnen. Das ist eine reale Bedrohung", sagt Natalia Sorokina, Automobilanalystin der russischen Investmentbank Uralsib.

Der Kreis schließt sich

Noch düsterer sieht es für Gaz-Eigner Deripaska aus: Dessen Holding Basic Element sitzt nach eigenen Angaben auf einem Schuldenberg von rund 15 Milliarden Euro und ist derzeit auf Staatshilfen und den guten Willen der Banken angewiesen.

Basic Element verhandelt derzeit mit russischen und internationalen Gläubigern über die Verlängerung der Kreditlinien um weitere zwei bis fünf Jahre, sowie über einen Tilgungsaufschub. Um einen Teil seiner Schulden abzubauen, hat sich Deripaska bereits von seiner Bank Sojus getrennt und seine Anteile an den Baukonzernen Strabag und Hochtief abgestoßen. Und auch von einer Beteiligung an Magna musste er sich trennen. Doch die freundschaftliche Beziehung zu Magna-Gründer Frank Stronach, der auf den Wachstumsmarkt Russland strebt, half ihm, im Geschäft zu bleiben.

Offiziell hat Gaz wiederholt abgestritten, sich an Opel finanziell beteiligen zu wollen. Es gebe jedoch ein Interesse an einer Zusammenarbeit mit Magna und dem deutschen Autobauer, sollte das Konsortium den Zuschlag bekommen, hat die stellvertretende Gaz-Vorstandschefin Jelena Matwejewa mitgeteilt.

Konkurrenzfähige Pkw für Russland

Gemeinsam mit Magna und Opel wolle man moderne konkurrenzfähige Personenkraftwagen für Russland und die GUS-Staaten produzieren. Gaz könne dabei seine freien Produktionskapazitäten und sein Service- und Vertriebsnetz zur Verfügung stellen.

Eine Kooperation mit Opel würde Gaz helfen, im Pkw-Segment wieder Fuß zu fassen. Recht ordentlich schlägt sich der Hersteller aus Nischni Nowgorod nur noch im Geschäft mit Lieferwagen, Bussen und Lkw. Doch wenn es ernst würde, könnte Gaz wohl auf weitere Finanzspritzen aus Moskau zählen. In den vergangenen Wochen hat die Regierung die heimischen Hersteller bereits massiv unterstützt. Awtowas hat im März 26 Milliarden Rubel erhalten und weitere 90 Milliarden Rubel in Aussicht gestellt bekommen.

Und schließlich gibt es für das Gelingen der Zusammenarbeit von Gaz und Opel historische Belege, die das Herz jedes Wolga-Fans höher schlagen lassen. Das 1939 erstmals aufgelegte, legendäre Modell Probeda, das damals zu den modernsten Autos der Welt zählte, basierte auf dem in Deutschland entwickelten Opel Kapitän.

FTD