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Russland: Unser Opel!

Die Russen sonnen sich in der Rolle des neuen Opel-Retters und träumen von den großen Möglichkeiten. Aber wer ein russisches Autowerk mal von innen gesehen hat, bekommt erhebliche Zweifel.

Von Andreas Albes, Moskau

In Russland erzählt man sich, dass es in den 90er Jahren Leute gab, die ihre Wohnung verkauften, nur, um sich einen BMW oder Mercedes leisten zu können. Sie mussten dann auf der Rückbank übernachten. Nicht bekannt ist, ob dabei jemand erfroren ist. Autoverrückt genug sind sie, die Russen, dass solche Geschichten wahr sein könnten. In Moskau ist quasi jeden Tag IAA. Kaum kommt ein neues Modell von Bugatti, Maserati, Lamborghini auf den Markt - ein Russe gehört garantiert zu den ersten, die es kaufen. Im Straßenbild sieht man mit Swarowski-Kristallen besetzte Mercedes und vergoldete Porsche 911. Das Auto ist das wichtigste Statussymbol. So mancher steckt seinen letzten Rubel lieber in einen Extra-Spoiler oder das Auspuff-Sound-Paket, statt eine - wegen der Straßenzustände dringend angeratene - Vollkaskoversicherung abzuschließen.

Nun also ist die Sberbank, Russlands Sparkasse, Miteigentümer bei Opel, einer der berühmtesten deutschen Automarken. In den russischen Tageszeitungen wird die Entscheidung gefeiert, als hätte das Fußball-Nationalteam im WM-Finale gegen die Deutschen gewonnen. "Opel kommt nach Russland!" oder: "Unser Opel!" lauten die heutigen Schlagzeilen.

Auch ohne Beteiligung genug Sorgen

Aber wie russisch wird Opel wirklich? Die Sberbank ist Partner und wichtiger Geldgeber des kanadischen Autozulieferers Magna. Der wird 55 Prozent an Opel übernehmen, wobei die Russen den Löwenanteil finanzieren. Außerdem ist Oligarch Oleg Deripaska, der vor einem Jahr noch als Russlands eichster Mann galt, Mitaktionär bei Magna. Das heißt, er war es, denn inzwischen hat Deripaska durch die Finanzkrise soviel Geld verloren, dass er seine Magna-Aktien verpfänden musste. Dennoch dürfte er bei dem Handel die Fäden gezogen haben. Denn Deripaska ist auch noch Haupteigentümer des sanierungsfälligen russischen Autoherstellers GAZ, zu dessen Produktpalette die einstige russische Volkslimousine Wolga zählt. Bei GAZ träumt man nun davon, Opel zu bauen.

Sberbank-Chef German Gref, ein dynamischer und sehr talentierter Wirtschaftsliberaler, hält in Wahrheit wenig von dem Opel-Einstieg. Seine krisengebeutelte Großbank, deren Filialen den Charme sowjetischer Grenzposten verströmen, hat auch ohne Beteiligung an einem Autokonzern genug Sorgen. Doch Gref dürfte wohl kaum gefragt worden sein. Bei Wirtschaftsentscheidungen von solchem Ausmaß hat der Kreml das letzte Wort. Und dort sonnt man sich in den Schlagzeilen, als Opel-Retter dazustehen.

"Wie funktioniert ein Akkuschrauber?"

Von russischer Opel-Produktion im großen Stil ist die Rede. Zahlen, wie 20 Prozent Marktanteil schwirren, durch die Wirtschaftspresse. Rein theoretisch hätte Russland das Zeug dazu. Im ersten Halbjahr 2008 hatte es Deutschland als absatzstärkstes Autoland Europas überholt. In Russland kommen auf 1000 Einwohner 200 Autos, in Deutschland über 550. Zwar leidet der russische Automarkt durch die Finanzkrise ebenfalls, aber gerade die deutschen Hersteller setzen darauf, dass der Konsumhunger der Russen nur kurz pausiert.

Wer allerdings mal ein GAZ-Werk von innen gesehen hat, kann sich kaum vorstellen, dass hier eines Tages eines der modernsten Autos der Welt vom Band laufen soll. Zwar gibt es vereinzelt hochmoderne Produktions-Strecken, aber im Großen und Ganzen sieht das Bild anders aus: Da tropft durch die Hallendächer der Regen, und an den Wänden hängen noch die großen Kreidetafeln, an denen zu Sowjetzeiten das Plansoll sowie Über- und Untererfüllung vermerkt wurden. Schon seit Monaten warten Dutzende deutsche und kanadische Journalisten darauf, mal einen Blick in das Gorki-Automobilwerk von Nischni Nowgorod werfen zu dürfen, weil der Russen-Opel dort irgendwann produziert werden soll. Aber die GAZ-Geschäftsführung hat nicht gerne Journalistenbesuch.

Im Oktober wird Volkswagen im 200 Kilometer von Moskau entfernten Kaluga eine 98.000 Quadratmeter große Produktionsstätte in Betrieb nehmen, wo unter anderem Passat und Jetta gebaut werden. "Aus Erfahrung kann ich sagen, dass sich die Opel-Kollegen viel vorgenommen habe", so ein VW-Manager. "Gute Technik installieren, ist eine Sache, Leute zu finden, die sie bedienen können, eine andere. Bei unserem Personal mussten wir ganz vorne anfangen. 'Wie funktioniert ein Akkuschrauber?'"