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Schmerzmittel Vioxx: Einmal täglich - bis zum Infarkt

Hat das Schmerzmittel Vioxx tödliche Nebenwirkungen gehabt? Der erste Prozess gegen den US-Konzern Merck hat jetzt begonnen. Der stern erzählt die Geschichte einer verhängnisvollen Milliarden-Kampagne.

Plötzlich wachte sie auf, es war genau 22.25 Uhr, erinnert sie sich. Was sie geweckt hatte? Ein Geräusch? Eine Ahnung? Sie weiß es nicht mehr. Carol und Robert Ernst waren früh zu Bett gegangen an diesem 6. Mai 2001, wie meistens während der Woche. Dann schrak sie hoch, neben ihr lag ihr Mann, und es dauerte einen Moment, bis sie verstand: Er atmete nicht mehr. Panisch wählte sie den Notruf 911.

Carol Ernst, 60, gibt sich Mühe, möchte ruhig bleiben, konzentriert. Bald wird sie ihre Geschichte den Geschworenen des 23. Bezirksgerichtes in Angleton, Texas, vortragen. Dann muss sie berichten von der Liebe und vom Tod. "Ich habe Angst", sagt sie.

Carol Ernst nestelt an der rosa Strickjacke über dem braven Blümchenkleid, ein zartes Gesicht, Brille, Freundlichkeit. Sie lebt in Keene, einem frommen Örtchen südlich von Dallas, 5000 Einwohner, durchschnittliches Jahreseinkommen 36.000 Dollar, hier wählte man Bush.

Am 24. Mai 2002 verklagte

die Witwe Carol Ernst den US-Pharmakonzern Merck. Denn sie glaubt nicht an den zufälligen, vielleicht altersbedingten Herztod ihres damals 59-jährigen Mannes. Sie ist überzeugt, dass Robert Ernst an den Nebenwirkungen des Schmerzmittels Vioxx starb. Carol Ernst glaubt auch, das Pharmaunternehmen habe von tödlichen Risiken des Medikaments gewusst. An diesem Montag hat der Prozess begonnen. Es ist weltweit der erste im Fall Vioxx. "Die Verantwortlichen sollen sich entschuldigen", sagt sie. Und sie fordert Schadensersatz.

Sie ist nach Houston gekommen, in die Kanzlei ihres Anwalts. Mark Lanier hat sich spezialisiert auf Fälle wie "Ernst, Carol A. gegen Merck & Co. Inc.". Mark Lanier ist ein "trial lawyer", ein Schadensersatz-Anwalt. Es heißt, Mark Lanier sei ein ziemlich guter Schadensersatz-Anwalt. Er hat viele Millionen Dollar für seine Kunden erstritten - und auch für sich, denn Lanier erhält mindestens 20 Prozent der Gesamtsumme. "Vioxx ist ein großer Fall", sagt er und legt eine genüssliche Pause ein. "Vioxx ist ein sehr großer Fall. Ich glaube, er wird den Schuldigen zwischen 15 und 25 Milliarden Dollar kosten. O ja, es wird eine echte Schlacht."

Mark Lanier, 45, gepflegter Dreitagebart, babyblaue Krawatte, gewaltiges Lächeln, wollte eigentlich Pfarrer werden. Er wurde Anwalt - für ihn macht es keinen Unterschied. Er wisse, wo das Gute ist und wo das Böse, sagt er. "Und ich bin auf der guten Seite." Konservativ, fünf Kinder, sonntags leitet er einen Bibelkurs in seiner Baptisten-Gemeinde. Bei seinen Auftritten vor Gericht soll es dramatisch zugehen, brächen gegnerische Zeugen in seinen Kreuzverhören zusammen. "Unterhaltung ist auch dabei", strahlt Lanier. Kritiker nennen ihn "Showman".

Inzwischen vertritt Lanier rund 5000 potenziell Geschädigte oder deren Angehörige im Fall Vioxx, in 400 Fällen hat er bereits Klage erhoben. Und Mark Lanier ist nur einer von vielen Anwälten im Fall Vioxx. Bislang wurden 2300 Klagen von 4600 Klägergruppen eingereicht. "Wir erwarten bis zu 100.000 Fälle", sagt Lanier. "Das wäre die größte Schadensersatzklage gegen ein Pharmaunternehmen in der Geschichte der USA. Und warum? Weil es denen nur noch um Geld ging. Immer nur um Geld. Und das ist schlecht."

Vor Gericht steht

das fünftgrößte Pharmaunternehmen der Welt. Im vergangenen Jahr setzte es 23 Milliarden Dollar um - viermal so viel wie die Pharma- sparte des Bayer-Konzerns. Mit skrupellosen Marketing-Methoden, so die Vorwürfe, soll dieser Konzern ein teures Schmerzmittel in den Markt gedrückt und dabei lebensgefährliche Risiken nicht erkannt haben. Durch Nebenwirkungen von Vioxx sollen nach einer Studie allein in den USA bis zu 140.000 Menschen Herzinfarkte erlitten haben. Bis zu 60.000 dieser Betroffenen könnten gestorben sein.

Christopher Seeger, einer der bekannten Schadensersatz-Anwälte der USA, vertritt weitere 5000 Vioxx-Geschädigte. Er sagt: "Merck handelte vollkommen rücksichtslos. Und manchmal fragt man sich als Bürger schon, warum keiner der Verantwortlichen verhaftet wurde. Doch offenbar kommen die großen Konzerne in den USA im Moment mit allem davon." Fünfeinhalb Jahre lang wurde Vioxx verkauft. Mit Vioxx machte Merck weltweit 11,8 Milliarden Dollar Umsatz.

Der "Fall Vioxx"

hat das Zeug zu einem Lehrstück über "big business". Auf dem freien Pharma-Markt USA, dem größten der Welt, werden 40 Prozent aller Medikamente verkauft - und jedes Jahr 200 Milliarden Dollar mit verschreibungspflichtigen Medikamenten umgesetzt. Um diese Goldgrube wird erbittert gekämpft. Doch im Fall Vioxx geht es auch um eine lasche Aufsichtsbehörde und um Ärzte, die man mit Geld offenbar wohlgesinnt stimmen konnte. Und weil diese Geschichte vor allem in Amerika spielt, geht es um Gut und Böse, um Gerechtigkeit und große Gefühle - und um viele Milliarden Dollar. Auch Carol Ernst weiß, es steht viel auf dem Spiel.

Robert war ihre zweite große Liebe, an so etwas hatte sie nicht mehr geglaubt. Sie war eine Frau Anfang Fünfzig, hatte vier Kinder allein großgezogen. Sie arbeitete als Sekretärin im Krankenhaus, abends holte sie ein College-Studium nach, ehrenamtlich engagierte sie sich in einem Sterbehospiz.

Anfang 1997 lernte sie einen athletischen Herrn kennen, braun gebrannt, weißer Bart, "Mein Gott, sieht der gut aus", dachte sie. Als Robert Ernst sie Monate später um ein Rendezvous bat, war sie aufgeregt wie ein Teenager. Sie heirateten am 9. Mai 2000, fuhren Rollerskates und Tandem, ließen Drachen steigen. "Ich begann, ein ganzes Leben nachzuholen", sagt Carol Ernst.

Robert Ernst war sportlich, ein begeisterter Läufer, er absolvierte sechs Marathonläufe, schaffte Triathlons. Seit 15 Jahren hatte er nicht mehr geraucht. Er ging zum Arzt, Routineuntersuchungen, keine nennenswerten Probleme.

Im Sommer 2000 bekam Robert Ernst Schmerzen in den Händen. Verschleiß, wohl vom Kistenschleppen bei seinem Job im Supermarkt, meinte er. "Sehnenentzündung", diagnostizierte sein Arzt und verschrieb ihm am 15. September 2000 ein vielversprechendes neues Medikament: Vioxx. Bis zu 200 Dollar für die 30er-Packung - ein horrender Preis, vielfach teurer als andere Schmerzmittel. Dafür aber viel besser verträglich - so hieß es. Und eine Tablette am Tag würde ausreichen. "Once daily!", so die Werbung.

Seit 1993 arbeitete

man in den Forschungslabors des US-Konzerns Merck an der Entwicklung neuartiger Schmerzmittel, den so genannten Cox-2-Hemmern. Von ihnen versprach man sich bessere Verträglichkeit. Herkömmliche Schmerzmittel hatten immer wieder zu Magengeschwüren und Blutungen geführt - mit vielen Todesfällen. Die Cox-2-Hemmer sollten vor allem zur Linderung chronischer Schmerzen bei Arthrose oder Arthritis eingesetzt werden. Ein Milliardengeschäft.

Merck-Forschungschef Edward M. Scolnick lässt zügig arbeiten. Und tatsächlich: Erste Studien zeigen, Vioxx verursacht weniger Magenprobleme als andere Mittel. Scolnick ist begeistert.

Edward Scolnick, genannt "Ed", ist eine Legende bei Merck. Seit 1982 arbeitet er im Konzern, ein brillanter Wissenschaftler, der sich in der Krebsforschung einen Namen gemacht hatte. Scolnick hat mehrere "Blockbuster" für Merck entwickelt, Medikamente, die mindestens eine Milliarde Dollar Jahresumsatz bringen. Scolnick weiß auch, dass dem Konzern eine Krise droht: In wenigen Jahren werden einige wichtige Patente auslaufen. Dann kommen Generika auf den Markt - gleiche Zusammensetzung, aber viel preiswerter. Dann wird Merck weniger verdienen, dann sinkt vielleicht der Aktienkurs. Und da draußen, an der Wall Street, da lauern die Haie, die Investoren, die anderen Großen. Dann wird Merck womöglich ein Übernahmekandidat.

Auch Raymond Gilmartin, der Vorstandsvorsitzende von Merck, weiß, wie wichtig ein neuer "Blockbuster" ist. Gilmartin gilt als "Effizienz-Genie". Er will den Aktienkurs nach oben bringen. "Vioxx war der Retter für Merck", sagt Michael Krensavage, Pharma-Analyst einer New Yorker Investment-Bank. "So einfach ist das."

Vioxx wird zur Zulassung bei der US-Lebens- und Arzneimittelbehörde FDA angemeldet, die erforderlichen Studien werden vorgelegt. Nach sechsmonatiger "Prioritätsprüfung" wird Vioxx am 20. Mai 1999 zugelassen. Sonst dauern solche Verfahren bis zu zwei Jahren. Aber die FDA möchte nicht als Verzögerer dastehen. Merck lädt zu einer "Launch"-Party nach Kalifornien, auf eine eigens gemietete Insel bei San Francisco.

Das Fest ist Auftakt für einen regelrechten Feldzug. Der Konzern stellt eine riesige Verkaufsarmee zusammen: 3000 Pharmavertreter sollen Vioxx in den Markt peitschen. Sie schwärmen aus, werben, verteilen Proben, laden in Restaurants ein. Offenbar haben sie ein weiteres gutes Argument: Geld. Wie die meisten Pharmaunternehmen bezahlt auch Merck Wissenschaftler und Ärzte für Vorträge etwa bei Krankenkassen oder Universitäten. Die Merck- Vertreter kennen die Verschreibungspraxis von Ärzten genau, sortieren sie nach "hit-lists", nach Trefferlisten: Wer als verschreibungsfreudig gilt oder eine große Praxis hat, der steht oben auf der Liste.

Insgesamt 500 Millionen Dollar

wird Merck für Vioxx-Marketing und Werbung ausgeben. In den kommenden fünfeinhalb Jahren werden US-Ärzte 106,8 Millionen Vioxx-Rezepte für 20 Millionen Patienten ausstellen. Das sind 1,6 Millionen Rezepte jeden Monat. Auf der "hit-list" steht auch Dr. Brent H. Wallace, Arzt für Innere Medizin im texanischen Cleburne. Auch er lässt Merck-Vertreter in so genannten Praxisanleitungen an Patientengesprächen teilnehmen - gegen Bezahlung. Einmal wird Wallace zu einem wissenschaftlichen Vortrag eingeladen. Dort versichert eine Rheumatologin, wie sicher Vioxx sei. Dafür soll Merck 2500 Dollar gezahlt haben.

Und wegen dessen andauernden Schmerzen in den Händen verordnet Dr. Wallace am 15. September 2000 auch seinem Patienten Robert Ernst das Schmerzmittel Vioxx. Neun Monate lang wird er es einnehmen, einmal am Tag, keine Klagen. Noch eine Woche vor seinem Tod fahren Carol und Robert Ernst 100 Kilometer mit dem Fahrrad. Sie sind glücklich. Manchmal gehen sie schwimmen im See, lassen sich treiben, blinzeln in die Sonne.

Carol und Robert Ernst wissen nichts von Nebenwirkungen bei Vioxx, von eventuell tödlichen Risiken. Von Blutgerinnseln, die Herzinfarkte oder Schlaganfälle zur Folge haben. Verklumpungen, die womöglich auch durch Vioxx verursacht werden. Ein Risiko, das man bei Merck deutlich früher hätte erkennen müssen, wie Kritiker glauben. "Spätestens seit Ende 1996 gab es Warnungen", sagt Anwalt Christopher Seeger. "Bei Merck machte man damals auf die theoretische Möglichkeit von Blutgerinnseln aufmerksam. Eine verantwortliche Firma hätte sofort eine spezielle Sicherheitsstudie begonnen. Genau das tat Merck nicht. So begannen die Lügen."

Bereits am 21. November 1996 warnt ein Merck-Wissenschaftler intern vor möglichen "signifikant höheren Raten negativer kardiovaskulärer Effekte (Herzinfarkt, Angina, Schlaganfälle etc.)". Anfang 1997 zeigt sich Alise Reicin, stellvertretende Leiterin für klinische Forschung bei Merck, "sehr besorgt". Sie schlägt vor, Menschen mit erhöhter Anfälligkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen aus einer geplanten Studie herauszulassen. So würden mögliche Unterschiede "nicht evident". Dr. Reicin habe nicht gesagt, dass Vioxx mehr Herzinfarkte verursache, so Merck heute. Sie sei über eine mögliche "Fehlinterpretation" besorgt gewesen.

Forschungschef Scolnick hört 1998/1999 von dieser "Hypothese über biochemische Effekte von Vioxx", wie er sagt. Er sagt auch: "Wir unternahmen keine spezielle Studie über kardiovaskuläre Resultate, bevor Vioxx auf den Markt kam."

Heute verteidigt Merck-Anwalt Ted Mayer das Vorgehen des Konzerns: "Es gab damals viele Theorien. Es handelte sich um eine Hypothese. Merck überprüfte die Ergebnisse klinischer Studien, sie gaben keinerlei Anlass zur Sorge. Die Vergleichsdaten zeigten keinerlei Unterschiede zwischen Vioxx und anderen Medikamenten. Auch nach der Zulassung wurde Vioxx streng überprüft. Mercks Wissenschaftler waren überzeugt, Vioxx ist sicher für Herz und Kreislauf. Die Firma handelte verantwortungsvoll."

Doch dann, im März 2000, kommen die Ergebnisse der groß angelegten "Vigor"-Studie. Damit wollte Merck die gute Verträglichkeit von Vioxx für den Magen nachweisen. Tatsächlich: Vioxx verursacht weniger Magenprobleme als der Vergleichsstoff Naproxen. Doch ein Ergebnis alarmiert: Bei Vioxx-Patienten treten offenbar vier- bis fünfmal mehr Herzinfarkte oder gefährliche Herzerkrankungen auf als in der Vergleichsgruppe. Ed Scolnick ist bestürzt. "Ein klarer Effekt", schreibt er in einer internen Mail. "Es ist eine Schande." Fieberhaft sucht man nach einer Erklärung. Und findet schließlich Studien, die nahelegen: Der Entzündungshemmer Naproxen habe einen zusätzlichen Schutzeffekt für das Herz, ähnlich wie Aspirin. Die Erkrankungsrate bei Vioxx hingegen liege im normalen Rahmen, das Mittel sei also ungefährlich. Mit dieser Erklärung wird die Vigor-Studie veröffentlicht.

Merkwürdig allerdings,

dass man noch in diesem März 2000 bei Merck überlegt, die chemische Zusammensetzung von Vioxx eventuell zu ändern - um das möglicherweise doch vorhandene kardiovaskuläre Risiko zu mindern. Und zwei Monate später berät man über eine Sicherheitsstudie für Herz und Kreislauf. Die Marketing-Experten sind dabei. Das Projekt wird verworfen. Es sei unethisch, Teilnehmer einem potenziellen Risiko auszusetzen, lautet das Argument. Man werde andere Studien aufmerksam beobachten und dabei besonders auf die Wirkung für Herz und Kreislauf achten. Und schließlich gebe keine andere Studie Anlass zu Besorgnis.

Neugierig wartet Eric Topol, Leiter der Kardiologie in der Klinik von Cleveland, auf die Daten der Vigor-Studie. "Merkwürdig", denkt der Professor, "der Wirkstoff Naproxen ist schon seit 30 Jahren bekannt. Nie wurde klinisch nachgewiesen, dass dieser Wirkstoff das Herz schützt. Das wäre ja eine Sensation." Topol überprüft die Merck-Studie - und kommt im Frühjahr 2001 zu einem ganz anderen Ergebnis: Vioxx kann gefährlich sein. Er schickt seine Ergebnisse vorab an Merck, will noch einige Fragen klären. Was dann passiert, schildert Topol später so: "Sie kamen zu mir. Sie waren zu zweit. Eine davon war Dr. Alise Reicin. Sie war sehr aggressiv. Sie benutzte, wie soll ich sagen, eine ausdrucksstarke Sprache. Unsere Studie sei vollkommen falsch, behauptete sie. Sie wollte die Veröffentlichung unter allen Umständen verhindern. Ich forsche seit 21 Jahren, doch so etwas ist mir noch nie passiert. Sie behandelten mich, als sei ich eine Schmeißfliege." "Wir hatten nie die Absicht, jemanden einzuschüchtern", lässt Merck heute verlauten. "Wir handeln entsprechend, wenn wir glauben, dass Informationen unfair dargestellt werden."

An der kalifornischen Elite-Universität Stanford wundert sich der Gastroenterologe Gurkirpal Singh über die Herzinfarkt-Raten bei der Vigor-Studie. Der Professor pflegt gute Beziehungen zu Merck: Er hat Dutzende Vorträge für den Konzern gehalten, für bis zu 2500 Dollar jeweils. Singh möchte jetzt Genaueres wissen: "Bis zu fünfmal mehr Herzinfarkte bei Vioxx-Patienten! Entsetzlich!" Singh fordert Details, Daten von Merck. Doch er bekommt nichts. Von nun an weist er in seinen Vorträgen darauf hin, dass der Konzern wohl etwas zu verbergen habe. Bei Merck herrscht Krisenstimmung. Zeitweise arbeiten 23 Mitarbeiter am "Fall Singh".

Im Oktober 2000 erhält Singhs Vorgesetzter an der Stanford Medical School einen Anruf. Am Apparat ist Louis Sherwood, stellvertretender Direktor bei Merck. Singh sei "unverantwortlich anti-Vioxx", beschwert er sich. Dies könne Konsequenzen haben, auch für Stanford. Wie die meisten Pharmaunternehmen finanziert Merck Forschungsprojekte in Stanford. Später stellt sich heraus, dass insgesamt acht Wissenschaftler Drohanrufe erhalten hatten. Bei Merck heißt es dazu heute: "Wir fördern wissenschaftliche Diskussionen. Eine Firma hat das Recht, ihre Meinung zu äußern."

In Washington macht sich zur gleichen Zeit David Graham von der Arzneimittelbehörde FDA seine Gedanken. Seit über 20 Jahren überprüft Graham Medikamente, die bereits zugelassen wurden. Einige nennen ihn "Kreuzritter". Auch Graham hat Zweifel an der Vigor-Studie von Merck. Er wendet sich an eine große Krankenversicherung und beginnt eine Vergleichsstudie mit den Daten von 1,5 Millionen Patienten.

Im September 2001 schickt die FDA einen deutlichen Warnbrief an Merck: "Wir haben Ihre Werbematerialien zu Vioxx überprüft und sind zu dem Schluss gekommen, dass diese falsch sind, unausgewogen und irreführend." Man verhandelt über eine Änderung des Beipackzettels. Erst im April 2002 wird ein Hinweis beigefügt - im Kleingedruckten.

Auch an der Wall Street ist man mittlerweile misstrauisch geworden. Im Dezember 2001 weist der Pharma-Experte einer New Yorker Investment-Firma auf das "Toxizitäts-Profil von Vioxx für das Herz-Kreislauf-System" hin. Als Forschungschef Scolnick davon erfährt, droht er: "Ich werde ihn in Öl sieden."

Unterdessen intensiviert Merck den Vioxx-Werbekrieg. Die Pharmavertreter sollen verkünden, Vioxx sei achtmal sicherer als Konkurrenzprodukte. Fragen nach Herzinfarkten sollen tunlichst nicht beantwortet werden. Die Vertriebs- Manager sprechen von "Angriff".

Im texanischen Keene wissen Carol und Robert Ernst von alldem nichts. Seit neun Monaten nimmt Robert Ernst Vioxx, keine Klagen, keine Probleme. Sie gehen früh zu Bett an diesem 6. Mai 2001, wie jeden Abend. Und dann liegt er neben ihr, ihr Mann, und er atmet nicht mehr.

Carol Ernst hört die knappen Anweisungen der Rettungssanitäter. Spritzen, Beatmung, Elektroschocks, dann kommt er ins Krankenhaus. "Er ist weg", sagt der Arzt knapp, als er Carol Ernst über den Tod ihres Mannes informiert. "Massiver Herzinfarkt", sagt er.

Wochen später, in einer schlaflosen Nacht, findet sie eine Tablettendose. Vioxx. "Es war nur ein Gefühl", sagt sie. "Ich suchte eine Antwort." Sie setzt sich an den Computer und sucht im Internet nach dem Begriff Vioxx. "Auf dem Bildschirm erschien ein Artikel über Todesfälle in Großbritannien." Dann erzählt ihr ein Arbeitskollege von einem Aufruf im Radio. Ein Rechtsanwalt suche nach Patienten, die Probleme mit Vioxx hätten.

Noch drei weitere Jahre

bleibt Vioxx ein "Blockbuster", bringt jedes Jahr mehr als zwei Milliarden Dollar Umsatz. Wissenschaftler warnen, doch Merck sieht weiterhin keinen Beweis für die Gefährlichkeit von Vioxx. Im August 2004 stellt David Graham von der Arzneimittelbehörde FDA die Ergebnisse seiner Vergleichsstudie vor. Sie zeigen: "Vioxx erhöht das Risiko, einen Herzinfarkt zu bekommen, bei hoher Dosierung beinahe um das Dreifache. Wir schätzen, dass es so bei bis zu 140.000 Amerikanern zu Herzinfarkten kam. Bis zu 60.000 Amerikaner könnten an Herzinfarkten gestorben sein, verursacht durch Vioxx. Das wären 1000 Menschen im Monat."

Einen Monat später, im September 2004, bestätigt eine weitere Merck-Studie das Herz-Risiko. Zum ersten Mal habe man jetzt entsprechende Daten, heißt es bei Merck. Der Konzern zieht das Medikament zurück. In einem offenen Brief heißt es: "Bei uns stehen die Interessen der Patienten an erster Stelle. Wir handelten sofort." Als Carol Ernst davon erfährt, bricht sie in Tränen aus. Und ist doch erleichtert. Sie glaubt, jetzt hat sie eine Antwort.

Wenige Wochen später treffen sich Hunderte Anwälte in Las Vegas. Klage-Strategien werden besprochen. Landesweit suchen sie nun nach Vioxx-Opfern.

Zu diesem Zeitpunkt ist Merck-Forschungschef Edward Scolnick schon im Ruhestand. Mit dem Verkauf seiner Aktienanteile, behaupten Anwälte, habe er mehr als 50 Millionen Dollar gemacht. Noch im vergangenen Jahr verdiente Merck-Chef Raymond Gilmartin 38 Millionen Dollar. Anfang Mai trat er zurück. Inzwischen hat die mächtige US-Börsenaufsicht SEC Ermittlungen gegen Merck aufgenommen.

Jede Vioxx-Klage werde einzeln geprüft, heißt es bei Merck. Wie hoch war die Dosierung? Wurde ein Herzinfarkt wirklich durch Vioxx verursacht? Risikofaktoren wie Übergewicht, Rauchen, Alter, verengte Arterien werden angeführt. "Die Kläger müssen eine hohe Hürde überwinden", sagt Merck-Anwalt Ted Mayer. "Sie müssen die medizinische Ursache beweisen. Und sie müssen beweisen, dass ihre Klage auf wissenschaftlichen Daten basiert und nicht auf Spekulationen. In den nächsten Jahren werden wir uns gegen jede einzelne Klage verteidigen." Robert Ernst sei möglicherweise an "plötzlichem Herzversagen" gestorben, heißt es. Er habe Arteriosklerose an zwei Herzarterien gehabt.

Vor wenigen Wochen wurde auf einer Anwaltskonferenz ein Gerichtsverfahren mit einer "Schein-Jury" durchgespielt. Die Geschworenen kamen zu einem klaren Ergebnis: 8 zu 1. Gegen Merck. Jeder weiß, es steht viel auf dem Spiel.

Carol Ernst aber sitzt gerade auf ihrem Stuhl, sie nestelt an ihrer rosa Strickjacke, und sie sagt: "Bei Merck haben sie Menschen doch nur als Kollateralschaden betrachtet, wie im Krieg, ein Opfer, das man eben in Kauf nehmen musste. Sie wussten, Menschen würden sterben. Es hat sie nicht interessiert. Aber er war doch ein Mensch. Robert Ernst. Mein Mann."

Katja Gloger / print
Wie lange ist die frist bei einer Kündigung?
Hallo Ich möchte gerne kündigen, da das Arbeitsverhältnis nicht mehr gegeben ist. Leider verstehe ich den Arbeitsvertrag nicht ganz. Auszug aus dem Vertrag: Paragraf 13 Kündigungsfristen: (1) das Arbeitsverhältnis kann beiderseitig unter Einhaltung einer frist von 6 Werktagen gekündigt werden. Nach sechsmonatiger Dauer des Arbeitsverhältnisses oder nach Übernahme aus einem Berufsausbildungsverhältnis kann beiderseitig mit einer frist von zwölf Werktagen gekündigt werde. (2) Die Kündigungsfrist für den Arbeitgeber erhöht sich, wenn das Arbeitsverhältnis in demselben Betrieb oder unternehmen 3jahre bestanden hat, auf 1 monat zum Monatsende 5jahre bestanden hat, auf 2 monate zum Monatsende 8jahre bestanden hat, auf 3 monate zum Monatsende..... (3) Kündigt der Arbeitgeber das Arbeitsverhältnis mit dem Arbeitnehmer, ist er bei bestehenden Schutzwürdiger Interessen befugt, den Arbeitnehmer unter fortzahlung seiner bezüge und unter Anrechnung noch bestehender Urlaubsansprüche freizustellen. Als Schutzwürdige interessen gelten zb. Der begründete Verdacht des Verstoßes gegen die Verschwiegenheitspflicht des Arbeitnehmers, ansteckende Krankheiten und der begründete verdacht einer strafbaren handlung. Ich arbeite in einem Kleinbetrieb (2mann plus chef) seid 2 jahren und 3-4Monaten. (Bau) Seid ende November bin ich krank geschrieben. Was meinem chef überhaupt nicht passt und er mich mehrfach versucht hat zu überreden arbeiten zu kommen. Da mein zeh gebrochen ist und angeschwollen sowie schmerzhaft und ich keine geschlossenen schuhe tragen kann ist arbeiten nicht möglich. Das Arbeitsverhältnis ist seid längerem angespannt vorallem mit dem Arbeitskollegen. Möchte nur noch da weg! Wie lange ist nun die frist und wie weitere vorgehen? Ich hoffe es kann mir jemand helfen.
Füllhorn Rente 63 ?
Wer 2018 NEU in den Ruhestand ging a) und die „abschlagsfreie Rente 63“ mit mindestens 45 Versicherungsjahren kassierte, erhielt im Schnitt 1265 Euro monatlich, 1429 Euro (als Mann) bzw. 1096 Euro (als Frau) RENTE. b) und wer die „normale“ Altersrente kassierte, erhielt monatlich im Schnitt 950 Euro, 1080 € (als Mann) bzw. 742 Euro (als Frau) RENTE. Nach Adam Riese bedeutet das, das erst Zeiten ab dem 18. LJ für die Rentenversicherung gewertet werden, dass männliche Nicht-Akademiker über 45 Arbeitsjahre hinweg mehr als 25 Euro monatlich pro Stunde verdient haben müssten. sprich: ab 1973 ! (zu DM-Zeiten 50 DM Stundenverdienst ! ... als Nicht-Akademiker ??) Meine Erfahrung ist, dass man mit 18 zur Armee musste und das anschließende Studium frühestens im 25 LJ beenden konnte -- also in 1981 ! (25 + 45 = 70. LJ mit Altersrente ohne Abzüge). Ergebnis: erst in 2026 könnten vergleichbare Akamdemiker (nach 45 Vers.Jahren) in VOLLE Rente gehen. PS: Nach Rechnung der „Die Linke“ bräuchte man über 37 Jahre hinweg einen Stundenverdienst von mind. 14,50 Euro (29 DM), um NICHT auf die „Grundsicherung für Altersrentner“ angewiesen zu sein; also den statistischen Wert von 800 Euro mtl. Rentenbezug zu überschreiten. Wer erkennt den Zaubertrick der „abschlagsfreien Rente 63“ ? Wer kennt den Zaubertrick, in weniger Zeit, mit weniger Ausbildung, maximale Top-Renten-Ergebnisse zu erzielen ? (welches nicht einmal die gierigsten Börsenbanker und Versicherungsmakler in einer Demokratie für realisierbar hielten) ?