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Siemens: Entrüstung über Vorstandsgehälter

Der Konzern Siemens will die Gehälter seiner Vorstände massiv erhöhen - und das in Zeiten von Stellenabbau und Massenentlassungen. Die Mitarbeiter sind entrüstet: Sie sollen Opfer bringen, während die Chefs kassieren.

Der Elektrokonzern Siemens steht wegen des geplanten Gehaltsschubs für seine Vorstände massiv in der Kritik. Nach Gewerkschaftern reagierten auch Spitzenpolitiker verschiedener Parteien und Siemens-Beschäftigte mit Unverständnis auf die Entscheidung und warfen dem Unternehmen "Instinktlosigkeit" vor. Die beschlossenen Gehaltserhöhungen um durchschnittlich 30 Prozent passten nicht damit zusammen, dass viele Mitarbeiter des Konzerns Einschnitte oder sogar den Verlust ihres Arbeitsplatzes befürchten müssten. Siemens selbst verteidigte unterdessen die beschlossene Anhebung der Vorstandsbezüge. "Fakt ist: Bei Siemens hat es seit drei Jahren keine Anpassungen gegeben", sagte ein Unternehmenssprecher.

Überprüfungen hätten ergeben, dass die Vorstandsbezüge im Vergleich mit anderen DAX-Unternehmen an einer unteren Stelle rangierten. Mit den Erhöhungen habe man sich an diesen Unternehmen orientiert und sich dabei zugleich "nicht an die Spitze katapultiert", sagte der Siemens-Sprecher. Zudem seien vor den entsprechenden Entscheidungen Gutachten hinzugezogen worden.

"Verwerflich und geschmacklos"

Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber bezeichnete die Pläne als "außerordentlich bedauerlich". Die deutsche Wirtschaft sei in einem Umstrukturierungsprozess. "Von den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern muss das so verstanden werden, dass man die Situation bei ihnen ablädt und beim Vorstand einen anderen Maßstab anlegt."

Auch Stoibers Amtskollege, der saarländische Ministerpräsident Peter Müller, äußerte sein Unverständnis: "Ich kann nicht nachvollziehen, wenn einerseits Arbeitnehmern immer wieder Opfer abverlangt, mit Massenentlassungen gedroht oder diese sogar durchgeführt werden, andererseits gleichzeitig Vorstandsgehälter um zweistellige Prozentsätze angehoben werden. Ich halte dies für verwerflich und geschmacklos."

Entrüstung bei Mitarbeitern und SPD

Heftige Kritik kam auch von der SPD: So sagte SPD-Fraktionschef Peter Struck der "Bild"-Zeitung: "Es ist instinktlos, wenn die Gehälter des Siemens-Vorstandes um 30 Prozent angehoben werden. Und das in Zeiten, da es vielen Menschen darum geht, das Überleben mit einem Mindestlohn zu sichern."

Mit Verärgerung reagierten nach Berichten des Betriebsrats auch Beschäftigte am Siemens-Standort Erlangen auf die vorgesehenen Gehaltserhöhungen für das Top-Management. Es sei für die Mitarbeiter nicht erkennbar, welche Leistungen diese Einkommenserhöhungen rechtfertigten, schrieb Siemens-Betriebsratsvorsitzender Klaus Hannemann in einem offenen Brief an Siemens-Vorstand und Aufsichtsrat.

"Mangel an Gespür"

Ähnlich argumentierte der Betriebswirtschaftler Manuel René Theisen von der Ludwig-Maximilians-Universität. Weder die Kurs- noch die Ergebnisentwicklung des Konzerns mache die Gehaltserhöhungen auf den ersten Blick nachvollziehbar. "Siemens ist, glaube ich, nicht so ein Outperformer", sagte Theisen. "Was mich schon irritiert, ist der Mangel an Gespür in der Außenwirkung im Zusammenhang mit Arbeitsplatzabbau." Zugleich warnte der Experte davor, eine neue Neiddebatte aufzumachen. Manager-Vergütungen müssten an den jeweiligen Leistungen und nicht an ihrer absoluten Höhe gemessen werden.

Deutliche Kritik übte der Betriebswirtschaftler am Aufsichtsrat des Unternehmens. Das Argument, man habe die Vorstandsbezüge seit drei Jahren nicht angehoben und müsse dies daher nun nachholen, greife nicht. Es könne auch nicht sein, dass Vergütungen wie bisher offenbar bei Siemens üblich nur alle drei Jahre überprüft würden. "Der Aufsichtsrat hat diese Aufgabe jährlich zu übernehmen", sagte Theisen.

DPA / DPA