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Siemens-Konzern: Zweisame Spitze

Fast im Alleingang haben Gerhard Cromme und Peter Löscher bei Siemens aufgeräumt. Doch jetzt keimt Kritik am Vorgehen des Aufsichtsratschefs und des Vorstandsvorsitzenden auf. Und die Zweifel wachsen, wie das Duo den Konzern durch die Rezession führen will.

Von Angela Maier, München

Der heimliche Herrscher tritt nur selten vor die Öffentlichkeit. Mitte Dezember ist so ein Tag. Gerhard Cromme verkündet in der Konzernzentrale in München eine frohe Botschaft: Siemens habe sich mit der US-Börsenaufsicht SEC in der Korruptionsaffäre geeinigt. Ein Moment des Hochgefühls für den Aufsichtsratschef. Fast zwei Jahre lang hat er daran gearbeitet. Zwar musste Siemens rund 1 Milliarde Euro an deutsche und amerikanische Behörden zahlen.

Doch endlich, nach so viel Schmutz und schlechten Schlagzeilen, hat der Konzern Ruhe. Keine Frage, dass auch Cromme sich an seinem Platz derzeit niemand anderen vorstellen kann. Er sei 2008 für fünf Jahre gewählt worden, sagt der 65-Jährige. "Ich habe die feste Absicht, dieses Mandat fünf Jahre lang auszuüben."

Peter Löscher, der neben ihm sitzt, ergreift flugs die Chance, Cromme zu sekundieren. "Das war für mich eine wichtige Voraussetzung, als ich die Position hier bei Siemens angetreten bin", sagt der Vorstandschef, den Cromme Mitte 2007 nach dem Abgang Klaus Kleinfelds geholt hatte. "Ich würde meinen, dass unsere besten gemeinsamen Tage noch vor uns liegen." Cromme tätschelt Löscher väterlich den linken Unterarm: "Das sehe ich genauso." Kein Zweifel, da verstehen sich zwei. Ein Duo auf dem Gipfel des Glücks. Auch weil die Hackordnung klar ist: Cromme ist Anführer, Löscher sein oberster Offizier. Sie haben aufgeräumt, Mitarbeiter rund um den Globus überprüfen lassen, mit Staatsanwaltschaften verhandelt - und wie nebenher auch noch den Konzern umgebaut.

Bei so viel Arbeit ist es fast verständlich, dass sich der Aufsichtsrat die Bezüge erhöhen will. Die Spendierfreudigkeit in eigener Sache sorgt vor der morgigen Hauptversammlung in der Münchner Olympiahalle allerdings für mächtig Aufregung. Denn auch Siemens ist von der Krise getroffen.

Abbau von 17.000 Stellen

Nach der erfolgreichen Vergangenheitsbewältigung fragen sich nun viele, wie das Duo den Konzern in die Zukunft - und das heißt: durch die Rezession - führen will. Die Arbeit dürfte den beiden erst bevorstehen. Die Börse ist nicht allzu optimistisch. Der Aktienkurs hat seit Löschers Amtsantritt im Juli 2007 um 60 Prozent nachgegeben - und damit stärker als der Dax. Im Konzern sorgt zudem der bereits gestartete Abbau von 17.000 Stellen für Unruhe. Auch der Aderlass im Topmanagement geht weiter. Löscher, den hochgewachsenen Kühlen, scheint all dies nicht anzufechten. Während überall Aufträge einbrechen und Gewinne verschwinden, soll Siemens im bis September laufenden Geschäftsjahr ein Ergebnis von 8 bis 8,5 Milliarden Euro einfahren.

An dieser Prognose hielt er noch im November fest. Vor zwei Wochen versicherte Finanzchef Joe Kaeser: "Solange wir keinen neuen Ausblick geben, gilt der alte." Dabei hat sich die Lage zugespitzt: Da vor allem im Industriegeschäft in den letzten zwei Monaten 2008 die Aufträge wegbrachen, verbuchte man im ersten Quartal einen Auftragsrückgang um acht Prozent auf 22,2 Milliarden Euro.

Die Industriesparte ist schwer getroffen, da die darbende Autobranche ein wichtiger Kunde ist. An drei Standorten in Deutschland verhandelt Siemens inzwischen über Kurzarbeit. Ab Februar wird die Arbeitszeit der 1500 Mitarbeiter im Werk in Amberg in der Oberpfalz auf zwei bis sechs Stunden pro Tag verkürzt. Auch die Lichttochter Osram leidet und soll noch mehr als die angekündigten 660 Stellen abbauen. Die Medizintechnik, die zweite Säule, kämpft ebenfalls. Löschers Vorgänger Klaus Kleinfeld hatte in dem Segment noch teuer zugekauft - nun drohen milliardenschwere Wertverluste. "Wir erwarten, dass Siemens einen signifikanten Anteil des erworbenen Firmenwerts abschreiben muss", sagen Analysten von Morgan Stanley. Aus den drei Akquisitionen hat Siemens nach ihren Berechnungen noch 4,1 Milliarden Euro in der Bilanz stehen. Die letzte stabile Säule ist der Energiebereich - die Kraftwerke, die Stromübertragungstechnik, die erneuerbaren Energien. Doch dieses Geschäftsfeld erwischt die Krise im Konjunkturzyklus generell später.

Siemens verliert Führungskräfte

Folglich lautete Kaesers Botschaft vor zwei Wochen: Wirklich schwierig wird es erst 2010, wenn der Rückgang der Bestellungen sich niederschlägt. "Die Zahlen für das erste Quartal könnten die letzten guten Ergebnisse für längere Zeit sein", sagt Michel Marguier, Analyst von ING. Siemens werde im Jahresverlauf nicht besser abschneiden als die Wettbewerber. Den operativen Gewinn sieht er bei nur 6,5 Milliarden Euro. In die Krise gehen Cromme und Löscher zwar mit hohen Auftragsbeständen - aber mit einer Mannschaft, die alles andere als geschlossen ist. Seit Monaten verliert Siemens Führungskräfte. Die prominentesten Fälle: Strategiechef Horst Kayser kündigte, weil er nach London versetzt wurde. Joergen Ole Haslestad, Chef der Sparte Industrielösungen, schied ebenso aus wie Klaus Stegemann, Finanzchef der Medizintechnik. Selbst im Vorstand, von Cromme und Löscher erst Ende 2007 neu bestückt, gab es Abgänge: Der Brite Jim Reid-Anderson hatte von seinem Job als Medizintechnikvorstand nach fünf Monaten genug. Der letzte Verlust des Jahres war im Dezember Frank Stieler, der im Energiebereich die Sparte Öl und Gas leitete.

Dabei hatte Löscher erst Anfang 2008 die Riege der Sparten- und Finanzchefs neu besetzt - über 30 Positionen. Viele Topleute fielen damals durchs Raster. Darunter Pamela Knapp, die einzige Frau, die es auf die Bereichsvorstandsebene geschafft hatte. Die Unzufriedenheit sitzt tief, wobei die Basis nicht das Problem ist: "Wenn Löscher durch die Betriebe geht und mit Mitarbeitern spricht, kommt das dort gut an", berichtet ein hochrangiger Mitarbeiter. "Im Management jedoch hakt es. Das Problem ist die Lehmschicht." Das Wort stammt von Löscher selbst und hat für reichlich Groll gesorgt: Er bezeichnete damit die Mitarbeiter im mittleren und oberen Management. Diese Lehmschicht sei undurchlässig, kritisierte er, Siemens verfüge über zu viele "weiße, deutsche Männer". Eine andere Führungskraft berichtet von Löschers Auftritt auf der Strategiekonferenz im Oktober: "Dort ist kein Funke übergesprungen." Auch in den Pausen habe kaum jemand die Diskussion mit dem Chef gesucht. Und so sind auch auf der zweiten und dritten Ebene viele Topkräfte ausgeschieden. Einige wechselten gar zu dem von Kleinfeld geführten US-Konzern Alcoa. Auf Dauer kann sich kein Unternehmen so viele Abgänge leisten. "Löscher muss jetzt zeigen, dass er den Laden unter Kontrolle hat", sagt ein altgedienter Siemens-Manager. Daran arbeiten Löscher und Cromme nun, in enger Abstimmung. An die wichtigste Schaltstelle hat Cromme seinen Vertrauten Nicolas Graf von Rosty-Forgách gesetzt. Dieser leitet die Führungskräfteentwicklung und berichtet direkt an Löscher.

Aufsichtsrat kritisiert Alleingänge

Bei so viel Arbeit und Einigkeit kann schon mal in den Hintergrund geraten, dass gelegentlich auch andere Gremien einzubeziehen sind. So wächst im Aufsichtsrat die Kritik an einigen Alleingängen: Dass die frühere Philips-Managerin Barbara Kux das neu geschaffene Vorstandsressort Einkauf übernehmen soll, erfuhren die Kontrolleure am Vorabend einer Sitzung. Unerwähnt blieb, dass Kux bei Philips bereits gegangen war. "Dabei wäre das - und vor allem die Gründe ihres Ausscheidens bei Philips - eine wichtige Information gewesen", schimpft ein Aufsichtsrat. Er hält von der Einführung eines Einkaufsressorts wenig - und die Bestellung von Kux als erstes weibliches Vorstandsmitglied für einen PR-Gag. Ein anderer Aufseher ärgerte sich, dass er Details über die Schadensersatzklagen aus der Zeitung erfuhr. Demnach will Siemens von Heinrich von Pierer 6 Millionen Euro und von anderen Ex-Vorständen je 1 bis 5 Millionen Euro einklagen oder per Vergleich erzielen. "Im Aufsichtsrat wurde bisher nicht über die Summen gesprochen", sagt der Aufsichtsrat.

Cromme und Löscher fühlen sich offenbar unantastbar

Viel Stoff für Zoff also - und nun auch noch der Aufruhr um die Bezüge. Cromme will sie reformieren, mit anderen Worten: anheben. Vor allem seine eigenen, wegen der gestiegen Arbeitsbelastung. Allerdings ist die Neuregelung kompliziert. Der Verein von Belegschaftsaktionären nennt sie "intransparent und trickreich", allein Cromme würde seine Bezüge von 310.000 auf 800.000 Euro mehr als verdoppeln. "Das passt nicht in unsere Lage", sagt Manfred Meiler, der Vereinsvorsitzende. Siemens weist die Berechnung als übertrieben zurück. Auch der Vorstand muss sich keine Sorgen machen: Löscher erhält für 2007/08 rund 9,8 Millionen Euro, Vorgänger Kleinfeld, der Ende Juni 2007 ausgeschieden war, 6 Millionen Euro. Dazu bekam Löscher großzügig Kosten für seinen Umzug aus den USA von 1 Millionen Euro erstattet. Offenbar fühlen sich Cromme und Löscher unantastbar - noch. Denn wie sagte schon die Kanzlerin: 2009 wird ein Jahr schlechter Nachrichten werden.

FTD