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Spekulation auf Lebensmittel: Oxfam wirft Allianz Geschäfte mit dem Hunger vor

Die Hilfsorganisation Oxfam wirft dem Versicherungskonzern Allianz vor wie kein zweites deutsches Unternehmen, den Hunger auf der Welt zu schüren - durch Spekulation mit Lebensmitteln.

Der weltgrößte Versicherer Allianz steht wegen der Spekulation mit Nahrungsmitteln massiv in der Kritik. Die Entwicklungshilfe-Organisation Oxfam warf dem Konzern am Mittwoch vor, wie kein anderes Unternehmen der deutschen Finanzbranche auf steigende Preise bei Lebensmitteln zu wetten.

Als Global Player der Branche habe die Allianz "Milliarden Euro in Wetten auf Agrarrohstoffe investiert", sagte Oxfam-Kampagnenleiter Frank Braßel auf der Allianz-Hauptversammlung in München. "Der Vorstand der Allianz setzt das Leben von armen Menschen in Entwicklungsländern aufs Spiel." Denn die extremen Preissprünge machten Nahrungsmittel für viele Menschen fast unerschwinglich.

Die Allianz verwalte zusammen mit ihrer US-Anlagetochter Pimco rund 6,24 Milliarden Euro, die sie für Investoren an Warenterminbörsen weltweit in Agrarrohstoffen angelegt habe. "Kein anderes deutsches Finanzinstitut spekuliert so stark mit Nahrungsmitteln wie die Allianz", teilte Oxfam unter Berufung auf eine eigene Studie mit. " Beim "Geschäft mit dem Hunger" übertreffe die Allianz sogar die Deutsche Bank.

Ein Sechstel der Spekulationssumme kommt aus Deutschland

Laut Oxfam hat sich das von der Allianz im Bereich der Agrarrohstoffe verwaltete Kapital seit 2008 mehr als vervierfacht. Damit steht der Versicherer in einer Reihe deutscher Finanzkonzerne, die Kunden Geldanlagen in Verbindung mit Agrarrohstoffen anbieten. Insgesamt haben deutsche Banken und Fondsgesellschaften Oxfam zufolge allein im vergangenen Jahr 11,39 Milliarden Euro in Nahrungsmittel investiert - etwa ein Sechstel des weltweiten Anlagevolumens von schätzungsweise 68,8 Milliarden Euro.

Auf Platz zwei der Rohstoff-Spekulanten liegt der Studie zufolge die Deutsche Bank mit der Fondstochter DWS mit 4,57 Milliarden Euro Anlagevolumen. Es folgen die Landesbank Baden-Württemberg (196 Millionen Euro), die Union Investment als Fondstochter der Genossenschaftsbanken (132 Millionen Euro) und die Commerzbank (104 Millionen Euro). Die DekaBank als Fondstochter der Sparkassen hatte vor Kurzem angekündigt, entsprechende Geldanlagen künftig nicht mehr anbieten zu wollen.

Die Preise für Mais, Weizen oder Soja sind in den letzten Jahren teils massiv nach oben geklettert. Gleichzeitig hat sich das Anlagevolumen in Agrarrohstoffe massiv erhöht, weil Finanzkonzerne Anleger mit attraktiven Erträgen locken.

44 Millionen weitere Menschen hungern wegen Preistreiberei

Oxfam-Experte Frank Braßel erklärte, viele Studien beleuchteten "den Zusammenhang zwischen Nahrungsmittelspekulation, Preisschwankungen und Hunger". Der drastische Anstieg der Nahrungspreise 2010 und 2011 habe weltweit weitere 44 Millionen Menschen in den Hunger getrieben. Steigende Nahrungspreise belasten Menschen in armen Ländern weit stärker als in Industrienationen, weil diese einen höheren Teil ihres Einkommens für Lebensmittel aufwenden müssten.

Die Allianz erklärte, bis auf weiteres im Geschäft mit Agrarrohstoffen zu bleiben und entsprechende Geldanlagen anzubieten. Aus Sicht der Allianz lägen "die Ursachen für steigende Lebensmittelpreise im Bevölkerungswachstum, Klimawandel, politischen Krisen und der Verwendung von Agrarrohstoffen für Bio-Kraftstoffe", so ein Sprecher des Konzerns. "Nicht aber in Spekulationen im Nahrungsmittelsektor".

Allianz-Vorstandschef Michael Diekmann sagte: "Die Reputation der Allianz ist lupenrein." Dennoch werde sich das Unternehmen noch einmal sehr ernsthaft mit der Frage auseinandersetzen, "nicht nur als Lippenbekenntnis".

pen/AFP/DPA / DPA