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Staatsschuldenkrise: Märkte proben schon das Ende des Euro

Was noch vor wenigen Wochen ein Tabu war, ist inzwischen in aller Munde und Teil von Planspielen: der Zerfall der Währungsunion.

Von Thomas Schmoll

Andrew Bailey war eine absolute Randfigur der Euro-Krise. Vor wenigen Tagen erhöhte der Topbeamte der britischen Bankenaufsicht FSA seinen Bekanntheitsgrad auf einen Schlag um ein Vielfaches mit nur einer einzigen Empfehlung. Die allerdings hatte es auch in sich. Er riet den Banken der Insel, sich auf einen ungeordneten - sprich: chaotischen - Zusammenbruch der Euro-Zone vorzubereiten. Sie sollten sich "auf das Schlimmste" einstellen, teilte er mit. Bailey war der erste Spitzenfunktionär einer europäischen Bankenaufsicht, der sich so weit aus dem Fenster wagte und offen von einem Zerfall der Euro-Gruppe sprach.

Was noch vor wenigen Wochen oder Monaten als Tabu galt, ist inzwischen in aller Munde. Selbst die normalerweise betont zurückhaltende Industrieländerorganisation OECD warnt vor einem Zusammenbruch der Währungsunion mit katastrophalen Folgen für die Weltwirtschaft. Der weltgrößte Devisen- und Staatsanleihen-Händler ICAP ließ seine elektronischen Systeme das Horroszenario samt Wiederbelebung nationaler Währungen durchspielen.

Über die weltgrößte Devisenhandels-Plattform EBS sei die Rückkehr zur griechischen Drachme durchgerechnet worden, berichtete ein Sprecher in London. "Wir haben für den möglichen Fall die griechische Drachme im Vergleich zum Euro und dem US-Dollar getestet. Denn unsere Kunden sind besorgt darüber, wie es mit dem Euro ausgehen wird - und wir müssen auf alle Eventualitäten vorbereitet sein."

Der Krisenbazillus hat Kerneuropa befallen

Die Ratingagentur Moody's macht ebenfalls keinen Hehl daraus, was sie befürchtet. "Die Wahrscheinlichkeit von Pleiten mehrerer Euro-Staaten ist nicht mehr unerheblich", schrieben die Bonitätswächter in einem Sonderbericht zur Schuldenkrise. "Moody's glaubt, dass jedes Szenario mit mehreren Austritten - mit anderen Worten, eine Fragmentierung des Euro - negative Folgen für die Kreditwürdigkeit aller Euro- und EU-Staaten hätte." Im Klartext: Herabstufungen aller Euro-Länder.

Dabei ist die Lage schon jetzt schlimm genug: Der Krisenbazillus hat Kerneuropa befallen, Österreich und vor allem Frankreich bangen um ihr "AAA" - der Kontinent befindet sich in einem Teufelskreis: Eine Ratingagentur warnt einen Euro-Staat vor Herabstufung oder reduziert die Bonitätsnote. Anleger stoßen Anleihen des betroffenen Landes ab, was dazu führt, dass es noch höhere Renditen zahlen muss, was die Agentur wieder zum Anlass nimmt, mit weiterer Herabstufung zu drohen.

Der Glaube schwindet

Jüngstes Beispiel ist Belgien, das von Standard & Poor's vergangenen Freitag um eine Stufe auf "AA" herabgestuft und mit einem "negativen" Ausblick versehen worden war. Für zehnjährige Staatsanleihen musste das Land am Montag 5,659 Prozent zahlen. Das ist der höchste Stand seit der Euro-Einführung - und kann trotzdem noch als "glimpflich" betrachtet werden. Denn am Sekundärmarkt notierten zehnjährige belgische Bonds unmittelbar vor der Auktion mit einer Rendite von 5,83 Prozent.

An den Märkten schwindet offenkundig der Glauben, dass die Politik die Lage in den Griff bekommt. Der Internationale Währungsfonds (IWF) musste Spekulationen über ein Milliardenhilfspaket für Italien zurückweisen, nachdem das Land erneut bei einer Anleiheauktion patzte. Seit Tagen liegen die Renditen für römische Staatsanleihen über der gefährlichen Sieben-Prozentmarke. Irland und Portugal krochen bei ähnlichen Werten unter den Euro-Rettungsschirm - andernfalls wären sie unter der Zinslast zusammengebrochen.

Es geht um die Spannkraft des Rettungsschirms

Permanent tauchen neue Probleme auf, die die Euro-Rettung in weitere Ferne rücken lassen. Wie aus dem Nichts kam die griechische Regierung mit dem Wunsch an die Privatbanken um die Ecke, auf 75 statt wie eigentlich vereinbart auf 50 Prozent ihrer Forderungen an Hellas zu verzichten. Die Chancen auf eine rasche Einigung über die Umschuldung wird dadurch nicht gerarde einfacher.

Der Rettungsschirm EFSF wird trotz Einsatzes des ohnehin umstrittenen Hebels die angestrebten 1000 Mrd. Euro nicht erreichen. EFSF-Chef Klaus Regling nennt die Zurückhaltung privater Investoren als Grund. Auch das ist kein Wunder angesichts des schwachen Marktumfeldes und des Umstandes, dass die Euro-Staaten noch immer darüber zanken, wie der Hebel ausgestaltet werden soll.

Der Ruf nach einer Stärkung der Spannkraft des Rettungsschirms wird innerhalb und außerhalb der Euro-Zone immer lauter. Polens Finanzminister Jacek Rostowski, derzeit amtierender EU-Ratsvorsitzender, hält eine Schlagkraft von bis zu 3000 Mrd. Euro für nötig, um wirksam als "Brandmauer" gegen die Schuldenkrise agieren zu können. OECD-Chefvolkswirt Pier Carlo Padoan, der sich normalerweise nicht besonders weit aus dem Fenster hängt, sagt: "Um die Ansteckungsgefahr in der Euro-Zone einzudämmen, muss der Europäische Rettungsfonds erheblich aufgestockt und die Europäische Zentralbank (EZB) mit einbezogen werden."

"Wir brauchen jetzt eine Bazooka"

Aus Amerika kommen seit Wochen solche Stimmen. Crash-Prophet Nouriel Roubini nannte die Staatsschuldenkrise eine tickende Zeitbombe. "Wenn Europa implodiert, werden die USA mit in den Abwärtssog gezogen." Er verlangte 2000 Mrd. Euro für die EFSF. "Wir brauchen jetzt eine Abwehrwaffe, eine Bazooka."

Bisher ist es vor allem Deutschland, das die Aufstockung verhindert. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundesbankpräsident Jens Weidmann sind strikt dagegen, dass die EZB die Bazooka herausholt, also den Märkten in Aussicht stellt, Staatsanleihen der Krisenländer in ungeahnten Höhen zu erwerben. Schon jetzt hat die Bank 200 Mrd. Euro dafür lockergemacht. "Falls die Politik glaubt, die EZB kann das Problem der Euro-Schwäche lösen, dann redet sie sich etwas ein", warnt Merkel. Ihr Chefsprecher Steffen Seibert weist auch auf die Grenzen der Belastbarkeit: "Wir können in Europa keine Finanzkraft vorspiegeln, die wir nicht haben." "Bei Ausbleiben größerer politischer Initiativen in der nahen Zukunft, die die Kreditmärkte stabilisieren, wird wahrscheinlich der Punkt erreicht werden, an dem die gesamte Architektur der Moody's-Ratings innerhalb der Euro-Zone - und möglicherweise auch anderswo in der EU - überprüft werden muss", erklärt die Ratingagentur. Wenn es zu einer solchen Überprüfung komme, werde Moody's sie noch im ersten Quartal 2012 abschließen.

Das heißt auch, dass der Druck auf Deutschland weiter steigen dürfte, der Einführung von Euro-Bonds zuzustimmen, dem Rettungsschirm eine Banklizenz zu gewähren, damit sich die EFSF bei der EZB Geld beschaffen kann, oder der Notenbank zu erlauben, Staatsanleihen für einen riesigen Milliardenbetrag auszugeben.

In der Euro-Krise hat Kanzlerin Merkel so manche klare Ansage gemacht. "Mit mir nicht. Ich sage für Deutschland ganz klar: Nein", sagte sie Anfang des Jahres in einem "stern"-Interview auf die Frage, ob sie sich eine Spaltung des Währungsraums in starke und schwache Länder vorstellen könne. Gut zehn Monate später deutete sie an, dass Griechenland nicht um jeden Preis in der Euro-Zone gehalten werden soll. "Wir sind gewappnet."

FTD
  • Thomas Schmoll