Steuern Abwandern ist des Müllers Lust


Was er hat, das gibt er nicht mehr her: Jetzt macht sich Multimillionär Theobald Müller mit Frau und neun Kindern in die Schweiz davon - aus Furcht vor dem deutschen Fiskus.

Herbstkühle liegt über dem schwäbischen Aretsried. Silberfarbene Milchkühltürme blitzen in der Nachmittagssonne. Die Gebäude der Molkerei Müller beherrschen das 330-Seelen-Dorf wie eine Festung. Dem Burgherrn und seinen Leuten entgeht hier nichts. Der stern-Fotograf wird von einem Fahrzeug des Müllerschen Sicherheitsdienstes durchs Dorf verfolgt. Auf offener Straße stellt ihn der Wachmann: "Was tun Sie hier?" Dann macht er per Handy Meldung an Deutschlands mächtigsten Milchmann Theobald Müller. Der mag keine Fotografen, und Journalisten schon lange nicht. Ein Interview lehnt er am Telefon ab. Nur so viel bricht aus ihm heraus: Deutschland sei unternehmerfeindlich, "schlimmer als unter Ulbricht vor dem Mauerbau". Deshalb begeht Müller jetzt Republikflucht. Der Steuer wegen.

Der 63-Jährige zieht mit Frau und seinen neun Kindern im Alter von drei bis 36 Jahren nach Erlenbach an den Zürichsee. Sonst würde der Staat 200 Millionen Euro Erbschaft- oder Schenkungsteuer von seinen Kindern kassieren, sobald die Unternehmensgruppe auf sie übergeht. Und zwar nur für sein englisches Werk nahe Manchester, wo Müller 500 Millionen Euro umsetzt und zwei Drittel seiner Gewinne einfährt. Das behaupten jedenfalls Müllers Steuerberater. "Die wahnsinnige und dumme Erbschaftsteuer kann ich nicht akzeptieren", poltert der Milchbaron. "Ich werde enteignet, beraubt."

Das klingt, als jammere Dagobert Duck wieder einmal über den drohenden Bettelstab. Und tatsächlich erinnert der Habitus Müllers stark an den Trillionär aus Entenhausen. Beide sind autoritär, knickerig, misstrauisch - und dabei höchst erfolgreich. Beide würden ihr Vermögen eher auf den Mond schießen, als anderen etwas davon abzugeben. Auf der letzten Hauptversammlung der Firmentochter Sachsenmilch ließ Müller für Aktionäre nur noch Kaffee, Tee und Wasser servieren. "Lieber geizig als verschwenderisch", blaffte Müller hungrige Kleinaktionäre an.

Mit diesem Grundsatz avancierte Müller zum Milchkönig. Die Bilanzen seiner Fabriken sind erste Sahne. Seit 1971, als er den Vier-Mann-Betrieb seiner Eltern übernahm, veredelt der gelernte Molkereimeister simple Kuhmilch zu Markenartikeln. Aus Buttermilch, Milchreis oder Joghurt formt er Lifestyle-Produkte wie Müllermilch, Crema Joghurtschnee, Berry Booster oder Kalinka Kefir. Jede Innovation drückt er mit einem schwindelerregenden Marketingaufwand ("Alles Müller, oder was?") in den Markt. Heute gibt Müller Tag für Tag über eine Viertel Million Euro für Werbung aus. Dafür spannt er Sport- und Fernsehhelden der Nation vor seinen Karren. Von Nationalbomber Gerd Müller bis hin zur Superstar-Knalltüte Daniel Küblböck. Popmusikant Dieter Bohlen avancierte sogar zum Vorsitzenden der "Müller-Partei". Motto: Politiker sind schlecht, aber "Alles wird becher."

Heute beherrscht das Müller-Logo die deutschen Kühlregale. Zudem versorgt der Schwabe Aldi, Lidl, Plus, Rewe, Edeka und Penny-Markt mit Handelsmarken. Fast 100 Prozent der Bürger kennen Müller. Laut "Manager-Magazin" ist Müller mit 500 bis 600 Millionen Euro Vermögen die Nummer 131 der reichsten Deutschen. In diesem Jahr wird die Unternehmensgruppe 1,9 Milliarden Euro umsetzen und mehr als 100 Millionen Euro verdienen. Ein gedeihlicher Konzern, zu dem neben Sachsenmilch die Edelmarke Weihenstephan, die Käserei August Loose, eine Handelsgesellschaft, die Spedition Culina, Becherwerke sowie Töchter in England, Spanien und Italien gehören.

Theo gegen den Rest der Welt: Unaufhaltsam baut er sein Milchreich aus, greift zu, wo Subventionen oder Steuererleichterungen locken, beißt weg, was sich seinem Erfolg in den Weg stellt. Stets nahe an der Grenze des Erlaubten, manchmal jenseits davon. Ist der Gegner zu stark, tritt er den Rückzug an. Steuerflucht ist die logische Konsequenz eines Unternehmers, der fest davon überzeugt ist, mit 3.000 deutschen Arbeitsplätzen genug für die soziale Marktwirtschaft getan zu haben. Eigentum verpflichtet, wie es im Grundgesetz heißt? Na klar, zur Emigration. Den Fortzug in die Steueroase bezeichnet er als "patriotische Tat", um weiter investieren zu können.

Jetzt droht Müller mit einem weiteren Dienst am Vaterland. Er will eine eidgenössische Holding gründen. Zweck: Wenn etwa die Gewinne aus Aretsried in die Schweiz abgeführt werden, kann er sie mit Verlusten anderer Werke verrechnen. Der deutsche Fiskus schaut in die Röhre. Auch das - wen wundert's - eine "patriotische Tat", um weiter investieren zu können. Vielleicht sogar in Deutschland. Vor allem aber, um in Europa Nestlé zu überholen und zur Nummer eins, Danone, aufzuschließen.

Müller plagt kein schlechtes Gewissen gegenüber dem Staat, der seine Mitarbeiter ausbildet, dessen Straßen von seinen Lkw zermürbt werden, dessen gepflegter Markt ihn reich gemacht hat. "Ich habe jede Mark, die ich verdient habe, ins Unternehmen gesteckt", gibt er den Gutmenschen. Außerdem habe er insgesamt 600 Millionen Euro Steuern in Deutschland gezahlt. Dafür werfe man ihm jetzt "Dreck und Kot" nach.

Tatsächlich wirkt manche Reaktion auf Müllers Abschied ebenso abwegig wie die hausgemachte Ethik, mit der Müller sein fiskalisches Kalkül aufzuwerten versucht. So zürnte Deutschlands Schuldenwart Hans Eichel, wegen solcher Leute "müssen wir Rentnern Geld wegnehmen". Dieter Ondracek, Chef der Deutschen Steuergewerkschaft, forderte gar, Steuerflüchtigen die Staatsbürgerschaft zu entziehen. Und bei der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) gingen anonym Anträge von Müller-Beschäftigten ein, den verhassten Arbeitgeber zu enteignen.

Die Volksseele kocht - denn Müller ist nicht der Einzige, der Deutschland den Rücken kehrt. Laut einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages will fast jedes vierte Industrieunternehmen in den nächsten drei Jahren Teile der Produktion ins Ausland verlagern. Nicht, wie früher, um neue Märkte zu erschließen, sondern um der Steuer zu entgehen. Ob Deutsche Bank, Infineon oder Continental: Sie kündigen den Gesellschaftsvertrag, der besagt, dass alle Mitglieder der Gesellschaft für das Gemeinwohl aufzukommen haben - die Reichen mehr, die Armen weniger.

Doch kann man die Manager dafür verdammen? "Wenn Unternehmer gezwungen werden, sich finanziell massiv zu schädigen, kann niemand erwarten, dass sie freiwillig moralisch handeln", sagt Josef Wieland, wissenschaftlicher Direktor am Zentrum für Wirtschaftsethik in Wangen. Verantwortlich für die Massenflucht sei der Staat, der der Unmoral die Tore öffnet: "Das deutsche Steuer- und Subventionssystem ist eine Einladung, alles zu nehmen und nichts zu geben." Ein schlechtes Signal sei Müllers Lebewohl dennoch: "Es sorgt dafür, dass die Steuermoral in Deutschland weiter erodiert."

Auf festem Grund steht dagegen Müllers Subventionsmoral, mit der er sein Imperium aufgebaut hat - obwohl er sogar gegen staatliche Beihilfen wettert. So flossen mindestens 80 Millionen Euro in seine Sachsenmilch AG in Leppersdorf - für heute gerade einmal 1.000 Arbeitsplätze. 650.000 Euro sprach ihm das Dresdner Wirtschaftsministerium für Gemeinschaftsaufgaben Ost zu. Für das Werk in Aretsried kassiert er seit 1993 Marktstrukturförderung. Und selbst Markt Fischach, die Gemeinde, zu der Aretsried gehört, zog mehr als eine halbe Million Euro aus dem Stadtsäckel, um Müller zum Bau einer eigenen Kläranlage zu bewegen. Nicht auszurechnen sind die millionenschweren Agrarsubventionen, von denen Müller indirekt profitiert.

Gestärkt mit diesem Geld, trieb Müller seinen Aufstieg ohne Rücksicht auf Gesetze und Ratsbeschlüsse voran. So verdonnerte ihn Anfang der 90er Jahre das Landratsamt Augsburg zu 91.000 Mark Bußgeld wegen zwölf Schwarzbauten in Aretsried, darunter Becherwerke, Produktionshallen, Dampfkesselanlagen, fast 50 Tanks und Silos sowie 41 Lastwagen-Abstellplätze. 375.000 Mark musste er zahlen, weil er aus einem firmeneigenen Brunnen ohne Genehmigung fünfmal mehr Grundwasser als erlaubt entnommen hatte. "Sin and pay" (sündige und zahle) nennen Amerikaner diese Methode. Bußgelder sind Peanuts, verglichen mit dem geschäftlichen Vorteil, den er aus den Delikten zieht.

In Fischach und Aretsried will niemand über Müller sprechen - aus Angst und Respekt. Die Gewerkschaft hat keinen Zugang zum Werk, der Betriebsrat ist ein Papiertiger. Noch heute erinnern sich Mitarbeiter daran, wie Theo Müller den Betriebselektriker Manfred Kirschner eigenhändig so heftig durchmischte, dass dieser Blutergüsse davontrug. Müller sagte später, er habe Kirschner "die Gewerkschaft rausschütteln" wollen.

"Müller ist ein hervorragender Unternehmer", sagt Hermann Locarek-Junge, Professor für Finanzwirtschaft an der Universität Dresden, "aber in seinen Betrieben geht es zu wie zu Zeiten des Manchester-Kapitalismus." Der Gelehrte vertritt die Kleinaktionäre der Leppersdorfer Sachsenmilch AG, die Müller 1996 mit einem lukrativen Steuerverlustvortrag von mehr als 125 Millionen Euro übernommen hat. Seitdem investiert er zwar kräftig, um das Werk zur größten Milchfabrik der Welt auszubauen, wendet aber alle Bilanztricks an, um keine Dividende ausschütten zu müssen. "Müller - hier werden Sie gemolken", spotten die Anteilseigner frustriert.

In Aretsried und Umgebung hat Müller mit Drohungen Widerspenstige eingeschüchtert und mit Kleinspenden Abhängigkeiten geschaffen. Mal lässt der leidliche Posaunist der Blaskappelle etwas zukommen, mal dem Pfarrer für die Kirchturmsanierung - obwohl das CSU-Mitglied selbst den Schoß der Mutter Kirche verlassen hat, weil der Bischof nicht mit ihm über die Höhe der Kirchensteuer feilschen wollte. "Die Menschen hier haben vor Müller resigniert", sagt Hermann Schmuttermair, 48, Lehrer und Grünen-Politiker aus dem benachbarten Kutzenhausen. "Müller weidet sich daran, wenn andere funktionieren", beschreibt Raimund Kamm, 51, die Land-Lord-Methodik des Milchmoguls. Der ehemalige grüne Landtagsabgeordnete, der heute Unternehmer berät, deckte gemeinsam mit Schmuttermair die Umweltsünden Müllers auf. Müller versuchte, Kamm zu demontieren und demoralisieren, trieb ihn mit einer Fünf-Millionen-Mark-Klage bis vor den Bundesgerichtshof - und verlor.

Wenn Unternehmer wie Müller den Gesellschaftsvertrag kündigen, der den Sozialstaat zusammenhält, geraten nicht zuletzt die Gemeinden an den Rand des Ruins. In Fischach, wo 4.700 Menschen leben und der Haushalt äußerst knapp bemessen ist, zahlt Müller gut zwei Drittel der 1,6 Millionen Euro Gewerbesteuer. Fallen diese weg, wenn Müller seine Geschäfte von der Schweiz aus führt, steht der tapfere Bürgermeister Josef Fischer vor einem Scherbenhaufen. "Ich kann nicht mehr tun als warten, was geschieht", sagt der 54-Jährige. "Wir können nur die Infrastruktur schaffen, damit ein Unternehmen arbeiten und wachsen kann."

von Rolf-Herbert Peters print

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