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Tabak-Steuererhöhung: Schmuggler mit grenzenloser Phantasie

Ab September 2005 werden die Zigaretten nochmals teurer. Für die Verbraucher ist die Schmerzgrenze erreicht. Nicht nur, dass immer mehr Raucher auf selbstgedrehte Zigaretten umsteigen - auch der Schmuggel blüht prächtig.

Mit der fünften Steuererhöhung seit dem Jahr 2002 treibt Finanzminister Hans Eichel die Preise für Zigaretten auf neue Rekordhöhen. Ab September müssen die Raucher in Deutschland für eine Schachtel der meistgerauchten Marke "Marlboro" 3,80 Euro auf den Tisch legen. Das sind zwar 20 Cent weniger als bisher, aber in der Packung sind nach Angaben des "Marlboro"-Herstellers Philip Morris nur noch 17 statt wie bislang 19 Glimmstängel. Die einzelne Zigarette verteuert sich damit um 6,2 Prozent auf 22,35 Cent.

Automatenpreis bei vier Euro

Ähnlich sieht es bei den Konkurrenten aus. Reemtsma, die deutsche Tochter des britischen Tabakriesen Imperial Tobacco, senkt den Preis für eine Schachtel "West" von 3,80 auf 3,60 Euro und nimmt zwei von bislang 19 Zigaretten heraus. Damit kostet eine Zigarette 21,18 statt 20 Cent, was einer Steigerung von knapp sechs Prozent entspricht. British American Tobbacco (BAT) verlangt 3,70 Euro für eine Schachtel seiner Top-Marke "Lucky Strike" mit 17 Stück; zuvor waren es 3,90 Euro für 19 Zigaretten. Die Automatenpackung bleibt generell bei einem Preis von vier Euro und enthält entweder 19 ("West", "Lucky Strike") oder 18 ("Marlboro") Zigaretten.

Die Zigarettenkonzerne beteuern, dass sie mit den neuen Preisen nur die Steuererhöhung von rund 1,2 Cent je Zigarette an die Raucher weiterreichen. Das gelte nicht für jede Marke in jedem Preisbereich, wohl aber über das gesamte Sortiment. "Bei manchen Marken geben wir die Erhöhung nicht voll an den Verbraucher weiter", sagt Reemtsma-Sprecher Lars Großkurth. Tatsächlich lässt das hohe Preisniveau den Herstellern keine Luft, um zusätzlich zu den Steuern bei den Preisen noch eine Schippe draufzulegen.

Legale Importe und illegale Einfuhren

Die Verbraucher haben ihre Schmerzgrenze erreicht: Der Zigarettenpreis hat sich in den vergangenen 15 Jahren mehr als verdoppelt. Die Raucher weichen den hohen Steuern aus, wo immer sie es können - sei es durch legale Importe von erlaubten Freimengen aus dem Ausland, durch illegale Einfuhren, Schmuggel oder den Umstieg auf selbst gedrehte Zigaretten oder andere preisgünstigere Produkte. Über das Internet lassen sich gefälschte Markenzigaretten beziehen und die organisierte Kriminalität hat sich in der Branche breitgemacht.

Rund 418 Millionen Zigaretten beschlagnahmte die Zollfahndung allein 2004, 19 Millionen mehr als im Vorjahr. Trotz mancher spektakulären Erfolge schätzen Kriminalisten, dass nur etwa fünf Prozent der heißen Ware aufgespürt wird. Die Hintermänner der mafiaartig organisierten Zigarettenhändler sitzen im Ausland, in Deutschland kann man meist nur kleine Fische verhaften. Vor allem das Preisgefälle nach Osteuropa ist enorm - und die Phantasie der Schmuggler grenzenlos.

"Die Steuererhöhungen und immer restriktivere Antirauchprogramme haben die festen Marktstrukturen innerhalb von drei Jahren erodiert", heißt es bei BAT. Über Jahrzehnte war der Zigarettenmarkt einer der stabilsten und profitabelsten Konsumgütermärkte in Deutschland. Zwischen 1999 und 2002 kauften die Raucher in Deutschland Jahr für Jahr mehr als 140 Milliarden Fabrikzigaretten. Seitdem geht es steil bergab. Im vergangenen Jahr reduzierte sich der Absatz von Zigaretten um 15,5 Prozent auf 113,6 Milliarden und im laufenden Jahr könnten es weniger als 100 Milliarden Stück werden.

Durch den Marktrückgang verfehlten die Steuererhöhungen auch ihre finanziellen Ziele. Die Bundesregierung wollte zusätzliches Geld für den Kampf gegen den Terrorismus und das Gesundheitswesen einnehmen, doch daraus wurde nichts. Im vergangenen Jahr verringerten sich die Einnahmen aus der Tabaksteuer trotz des höheren Steuersatzes von 14,1 auf 13,6 Milliarden Euro. Im ersten Halbjahr 2005 gab es jedoch wieder einen Zuwachs von 3,4 Prozent bei den Tabaksteuer-Einnahmen, weil ein Minus bei der Besteuerung von Fabrikzigaretten durch ein Plus bei Feinschnitttabak zu Selberdrehen ausgeglichen wurde.

Finanzielles Desaster für Bundesregierung

Das finanzielle Desaster will sich die Bundesregierung wenigstens als gesundheitspolitischen Erfolg an die Brust heften. "Wir haben erreicht, dass sich die Raucherquote in der Altersgruppe der 12- bis 17-Jährigen von 28 Prozent auf 20 Prozent gesenkt hat", sagt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk. "Auch bei den Erwachsenen geht die Raucherquote langsam, aber stetig zurück." Die Branche bezweifelt, dass wirklich weniger geraucht wird. "Der Tabakkonsum ist nicht rückläufig, wie Studien belegen", erklärt der Verband der Cigarettenindustrie (VCI). "Aber Deutschland ist auf dem besten Weg, das Schmuggelland Nummer eins in Europa zu werden."

Eckart Gienke/DPA / DPA