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Urbaner Trend: Eine Rad-Revolution kommt ins Rollen

Immer mehr Großstädter fahren mit Rädern, die ihnen nicht gehören - zur Freude der Deutschen Bahn, die Tausende "CallBikes" auf die Straßen gestellt hat. Doch auch im Ausland grassiert das Leihfieber: Paris mutierte von der "Fahrradhölle" zur Leihfahrrad-Hauptstadt.

Von Markus Wanzeck

Nach stundenlangem Zugfahren freut sich Kathrin Krönig auf ein Wochenende in München. Zurecht: Als sie aus dem Hauptbahnhof tritt, wird sie von bestem Biergartenwetter begrüßt. Endlich einmal ein warmer Sommertag. Stickige U-Bahn-Schächte gähnen sie an. Jetzt ein Fahrrad, das wär's! Langsam pirscht sich Krönig an ein silbern-rotes Rad heran, das auf dem Bahnhofsvorplatz steht, zupft sich etwas ratlos ihre blonden Haare hinter die Ohren. Sie umkreist das Rad zögernd, betrachtet es von allen Seiten. Bisher hat sie das noch nie gemacht - aber nun, findet die 29-jährige Psychologin aus Heidenheim, ist die Gelegenheit einfach zu gut. Dann geht alles ganz schnell: Sie zückt ihr Handy, ihre Kreditkarte, kurz darauf öffnet sich das Schloss. Jetzt hat sie es also getan. Sie ist Kundin bei "Call a Bike".

Das Mietrad als öffentliches Individualverkehrsmittel - ein urbaner Renner

Die Räder der Deutschen Bahn, die über Straßenkreuzungen und Plätze des Münchner Stadtgebiets verstreut herumstehen, lassen sich vom Fleck weg mieten. Wer mit seinem Handy die auf dem Radrahmen prangende Nummer wählt, bekommt den Öffnungscode für das elektronische Schloss - und los geht's. Zurückgeben kann man das Rad an jeder Straßenkreuzung: Abstellen, Abschließen, Abmelde-Anruf. Acht Cent kostet das Ausleihen pro Minute, für Bahncard-Besitzer sechs Cent. "Eine super Sache", sagt Krönig, "perfekt für kurze Stadtstrecken!" Dann strampelt sie los. Endstation: Englischer Garten.

Rund fünftausend sogenannte CallBikes hat die Bahntochter DB Rent seit 2001 auf die Straßen deutscher Großstädte gebracht, zunächst in München, dann in Berlin, Frankfurt, Köln. Im vergangenen Jahr nutzten mehr als 45.000 Kunden das Angebot regelmäßig. Mehr als 520.000 Mal wurden die Räder verliehen. Das minutenweise gemietete Velo als öffentliches Individualverkehrsmittel - ein urbaner Renner. Seit Juli 2007 gibt es Call a Bike auch im schwäbischen Stuttgart, einen Monat später hat die Baden-Metropole Karlsruhe nachgezogen. Schon 2008 könnten Düsseldorf und Hamburg folgen. Eine Rad-Revolution kommt ins Rollen.

"Wer ein Glas Milch mag, kauft doch keine Kuh"

CallBike-Pionierstadt München, Odeonsplatz. Im 10-Sekunden-Takt flottieren penibel polierte BMW- und Porsche-Cabrios die angrenzende Ludwigstraße entlang. Sonnfried Weber, perfekt sitzender Anzug, verbindliches Herr-Kaiser-Lächeln, biegt um die Ecke. Er ist sichtlich begeistert von seinem Gefährt. Er strahlt. Er strampelt. Für die kurze Fahrt zur Bank in der Mittagspause hat er sich ein CallBike gemietet.

Weber, Chef der Bayerischen Beteiligungsgesellschaft, sieht in den Leih-Fahrrädern "die Erfindung schlechthin". Fast täglich schwingt er sich in der Münchner Innenstadt aufs Leihradl. Jederzeit und überall in den Sattel steigen können? Ein Rad benutzen, ohne es zu besitzen? Der fröhliche Mittfünfziger mit der edlen Armbanduhr ist begeistert von der neuartigen und - zumindest stadtweit - vollkommenen Flexibilität: "Wenn ich ein Glas Milch trinken mag, kauf ich doch auch keine Kuh!" Schöner hätte es die PR-Abteilung der Bahn auch nicht sagen können.

Bleibt die Frage, ob man als Durstiger auf die Schnelle immer ein Glas Milch bekommt. Olaf und Nadine Jentsch kennen das Problem: "So angenehm es ist, dass man das Rad überall abstellen kann, so schwierig ist es oft, eines zu finden." Somit beginnt für die beiden Hildesheimer eine Leihrad-Tour durch München zumeist mit einem längeren Fußmarsch.

Heute haben sie Glück. Vor der Ludwig-Maximilians-Universität erspähen sie schon nach kurzer Zeit vier nebeneinander aufgereihte CallBikes. Den Preis finden sie mit 4,80 Euro für eine Stunde nicht gerade billig - der expandierende Leipziger DB-Konkurrent Nextbike (www.nextbike.de), mittlerweile mit insgesamt 500 Mieträdern in elf deutschen Städten präsent, nimmt für seine werbefinanzierten Räder nur einen Euro die Stunde. "Aber bei ein oder zwei München-Besuchen pro Jahr ist das doch egal", finden die beiden. Und trösten sich damit, dass der 24-Stunden-Satz für die Fahrradleihe bei 15 Euro liegt (die genauen Nutzungsinfos stehen auf www.callabike.de). Damit liegt Call a Bike mancherorts nur wenig über den Tarifen lokaler Leihfahrrad-Läden.

Frankreich ist wieder einmal Revolutions-Vorreiter

Dass sich mit günstigeren Kurzzeit-Mietraten und einer zuverlässigeren Verfügbarkeit der Fahrradflotte noch weitaus mehr Menschen fürs Leihradeln begeistern lassen, zeigt der Blick nach Frankreich: In Lyon führte die Außenwerbungsfirma JCDecaux vor zwei Jahren ein reklamefinanziertes Rad-Leihsystem ein. Für einen Jahresbeitrag von fünf Euro ist die Benutzung der 3000 Räder, die über 250 Ausleihstationen verteilt sind, in der ersten halben Stunde gratis. Jede weitere Stunde kostet 50 Cent. Bis heute haben sich 60.000 Kunden registriert - jeder zehnte Einwohner von Frankreichs drittgrößter Stadt.

Im Juli dieses Jahres hat die Firma in Paris ein ähnliches System eingeweiht, mit zunächst 10.600 beige-braunen so genannten "Vélib"-Rädern in 750 festen Stationen. Noch einmal so viele sollen bis Jahresende dazukommen. Bei 29 Euro Jahresgebühr ist auch hier die erste halbe Stunde Radeln gratis (www.velib.paris.fr). Danach drohen zwar schnell hohe Bummelgebühren von bis zu vier Euro pro halbe Stunde - aber für die kurze Fahrt zur Arbeit gibt es kaum eine preiswertere Alternative.

Das hat offenbar viele überzeugt, sich als Pedalist in die "Fahrradhölle" zu wagen, als die Paris wegen der zahlreichen Verkehrsunfälle mit Zweiradbeteiligung noch immer verschrien ist. Vorstandsvorsitzender Jean-François Decaux legt großen Wert darauf, stern.de die Erfolgszahlen aus der neuen Leihrad-Welthauptstadt persönlich zu verkünden: "Mehr als 90.000 Kunden haben sich allein für das Jahresabonnement registrieren lassen - die Tagesausleihen nicht mitgezählt. Über vier Million Mal wurden unsere Räder bereits entliehen." Das heißt auch: Vier Millionen kleine Bypässe gegen den Pariser Verkehrsinfarkt.

Leihradfahren wird weltweit sexy

Diese Zahlen aus Lyon und Paris beeindrucken sogar die Verantwortlichen von Großstädten in Übersee, in denen öffentlicher Personennahverkehr bislang oft stiefmütterlich behandelt wurde. Chicago, Sydney und Melbourne planen Leihradsysteme im großen Maßstab. Am 11. September besuchte Chicagos Bürgermeister Richard Daley, angelockt vom großen Erfolg des neuen Mobilitätskonzepts im alten Europa, seinen Pariser Kollegen Bertrand Delanoë, um eine Kooperationsvereinbarung abzuschließen.

Auch beim nahen Nachbarn auf der anderen Rheinseite blieb der französische Leihradtriumph nicht folgenlos: Für die CallBike-Einführung in Stuttgart wich die Deutsche Bahn erstmals von ihrem typischen Prinzip des völlig ungebundenen Abstellens und Ausleihens ab. Die vierhundert Räder sind dort, wie in den französischen Erfolgsstädten, an fixe Stationen angedockt. "Naja, die Schwaben sind eben ein bisschen eigen", begründet ein Sprecher der Bahn drucksend diesen Schritt. "Die hatten Angst, dass die Räder unordentlich im Straßenbild rumstehen." Dass die Stuttgarter Räder wegen des Erfolgs eines Bahnkonkurrenten nun akkurat in festen Stationen stehen - dem gemeinen Schwaben dürfte es recht sein.

Eine weitere Eigenheit, die die Stuttgarter Räderflotte vom Rest der Republik unterscheidet und dem französischen Erfolgsrezept gleicht, schmeichelt ebenfalls dem schwäbischen Gemüt: Dank städtischer Zuzahlung gibt es die erste halbe Stunde Leihradeln für lau.