US-Kreditkrise in Europa Konjunkturdelle statt Wirtschaftskrise

Die Hypothekenkrise schwappt nach Europa rüber. Der Deutsche Aktienindex hat in den vergangenen Tagen massiv verloren. Der erste Schritt auf dem Weg zu einer Rezession in Europa? Nein, sagen Analysten.
Von Lisa Louis

Lange Zeit fühlten sich Anleger an der Frankfurter Börse vor den Auswirkungen der Immobilienkrise in den USA sicher. Zwar waren auch deutsche Kreditinstitute betroffen - die SachsenLB stand zeitweise aufgrund riskanter Spekulationen kurz vor der Pleite - der Dax hielt sich bis zum Jahresende aber wacker. Seit zwei Tagen hat sich die Situation grundlegend geändert.

Mit der Hypo Real Estate (HRE) musste erstmals ein Unternehmen aus dem Deutschen Aktienindex (Dax) eingestehen, sich massiv auf dem Markt für Hypotheken mit niedriger Bonität verspekuliert zu haben. Der Immobilienfinanzierer muss 390 Millionen Euro abschreiben. Im gleichen Atemzug kündigte die Bank einen Gewinnrückgang an und senkte ihre Dividende um ein Drittel.

Prompte Reaktion

Die Reaktion in Frankfurt kam prompt und heftig: Der Dax sackte um 2,14 Prozent auf knapp über 7500 Punkte. Allein die HRE-Papiere verloren mehr als 30 Prozent an Wert. Am Mittwoch setzte sich die Talfahrt mit ähnlicher Geschwindigkeit fort.

Hat uns die Hypothekenkrise jetzt also doch erwischt? Jedenfalls scheint es so. Auf dem Frankfurter Börsenparkett ist die Lage entsprechend angespannt. Aber verzweifelt ist sie nicht. "Wir konnten ja absehen, dass die Kreditkrise aus den USA irgendwann zu uns rüberschwappt", kommentiert Fidel Helmer. "Dass es uns so hart treffen würde, hätten wir aber nicht gedacht." Helmer ist Leiter des Wertpapierhandels von Hauck & Aufhäuser. Seit 35 Jahren ist er im Aktiengeschäft tätig. Deswegen hat er auch schon den einen oder anderen Abschwung miterlebt. Sein Fazit: Nach jedem Ab- kommt auch wieder ein Aufschwung. Und trotzdem beschwert er sich: "Wir in Europa müssen die Immobilienkrise jetzt ausbaden."

Kredite werden zu faulen Krediten

Aber wieso eigentlich? Was haben wir Europäer mit Krediten und Immobilienpreisen in Amerika zu tun? Die amerikanische Notenbank hat die Zinsen über Jahre hinweg sehr niedrig gehalten und so einen extremen Boom am Immobilienmarkt ausgelöst. Immer mehr Menschen nahmen Kredite auf, egal, ob sie sich die Hypothek langfristig leisten konnten oder nicht. Mit den wieder steigenden Zinsen in den Vereinigten Staaten konnten viele US-Bürger ihre Schulden aber nicht mehr zurückzahlen. Also wurden aus Krediten faule Kredite.

Viele Banken und Immobilienfinanzierer wurden so zu massiven Abschreibungen gezwungen - wie zuletzt bei der Citigroup. Die größte amerikanische Bank ist sogar auf Finanzspritzen asiatischer Staatsfonds angewiesen, um der Krise Herr zu werden. Bislang war jedoch nicht klar, wie stark auch deutsche Unternehmen im so genannten Subprime-Markt engagiert sind.

Ängste bei Analysten

Die Ankündigung der Immobilienbank HRE mehr als 390 Millioen Euro abzuschreiben, hat Anleger vor allem deswegen geschockt, weil sie damit nicht gerechnet hatten. So schürt sie Ängste bei den Analysten: "Das Ausmaß der Kreditkrise ist schlecht abzuschätzen, weil die amerikanischen Kredite in Aktienpaketen verwoben sind", meint Claudia Windt, Kapitalmarktanalystin bei der Landesbank Hessen Thüringen (Helaba). Es wüsste keiner, wer genau wie viel von den faulen Krediten erworben habe. Weitere Schreckensmeldungen seien deshalb schwer vorauszusehen.

An eine Rezession in Deutschland beziehungsweise Europa glaubt Windt aber noch nicht. Die Kreditvergabe funktioniere hierzulande einfach anders als in den USA. "An Kredite kommt hier doch nur, wer über ein gewisses Eigenkapital und eine gute Bonität verfügt. So laufen wir nicht Gefahr, eine solche Masse an faulen Krediten anzusammeln wie in den USA." Die Bonität bezeichnet die Fähigkeit, Kredite auch wieder zurückzuzahlen. So informieren sich Banken beispielsweise darüber, ob potentielle Kreditnehmer in der Vergangenheit ihre Schulden zurückgezahlt haben.

Konjunkturdelle statt Wirtschaftskrise

Dass Kreditgeber hierzulande gründlicher die Bonität ihrer Kunden überprüfen, denkt auch Karsten Juniors. Er ist Leiter der Abteilung Kapitalmarkt Research bei der DekaBank. Die gesamtwirtschaftliche Sichtweise auf die Immobilienkrise gibt er so wieder: "Im ersten Halbjahr 2008 werden wir natürlich die Auswirkungen der Immobilienkrise zu spüren bekommen. Statt einer Wirtschaftskrise wird das aber wohl eher eine Konjunkturdelle." So seien die Arbeitslosenzahlen in Europa auf einem 25-Jahre-Tief. Und das stabilisiere die Konjunktur.

Außerdem habe die Europäische Zentralbank (EZB) von Anfang an richtig auf die Krise reagiert: Sie habe dem Markt schnell und günstig Liquidität zur Verfügung gestellt. Damit die EZB auch in Zukunft so effizient arbeiten kann, wäre es jedoch wichtig, dass die Inflation nicht in die Höhe getrieben werde: "In der jetzigen Situation sollten wir es zum Beispiel vermeiden, indirekte Steuern einzuführen oder zu erhöhen. Auch sollten die Löhne nicht zu sehr steigen." Dann würde das schon wieder werden.

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