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VW-Brasilien: Blanker Hass auf die Wolfsburger Gringos

Nicht nur in Deutschland machen Volkswagen jahrelanges Missmanagement und verfehlte Modell-Politik zu schaffen. Dafür wollen die brasilianischen Arbeiter nicht die Zeche zahlen.

Wie kaum ein anderes Unternehmen hat VW in Brasilien entscheidende wirtschaftliche und politische Entwicklungen geprägt. Die Fabrik an der Landstraße Anchieta in Sao Bernardo unweit der Metropole Sao Paulo steht nicht nur für den Beginn der Industrialisierung des Landes in den 60er Jahren. Von dort stammten auch viele Gewerkschaftsführer, die das Ende der Diktatur (1964-85) beschleunigten. Nun steht der Autobauer aus Wolfsburg aber wegen eines umstrittenen Umstrukturierungsprojekts am Pranger, bei dem rund 6000 der insgesamt 22 000 Stellen gestrichen werden sollen.

"Nicht nur ich, meine ganze Familie betet jede Tag um meinen Job", sagt mit zittriger Stimme einer der rund 12 000 VW-Mitarbeiter in Sao Bernardo, der "lieber anonym bleiben" will. Das Klima im Unternehmen sei "so schlecht wie nie zuvor". Gegenüber der Zeitung "Diario do Grande ABC" sprachen Arbeiter von "Terrorismus" und "Erpressung". "Wir werden uns jeder Entlassung widersetzen", versichert der VW- Mitarbeiter von "Flügel Zwei" Eder de Souza.

Erpressung für mehr Gewinn

Angst und Empörung herrschen aber nicht nur unter Mitarbeitern. Im Stadtrat von Sao Bernardo wurden dieser Tage schlimme Vorwürfe laut. "Bei VW wird erpresst, um die Arbeiter in die Defensive zu treiben und so Kürzungen durchzusetzen und mehr Gewinn zu erzielen", schimpfte Wagner Lino von der in Brasilia regierenden "Partei der Arbeiter" von Staatschef Luiz Lula da Silva. Jener Lula, der ebenso wie der heutige Arbeitsminister Luiz Marinho einst Chef der Metallgewerkschaft im ABC-Raum von Sao Paulo und damit für die VW- Arbeiter in Sao Bernardo zuständig war. Vor 30 Jahren hielt "Bürgerschreck" Lula nahe des Rathauses hitzige Reden gegen Multis und Diktatur. In der Nähe hat er noch seine Privatwohnung.

Nicht nur wegen seiner Vergangenheit hat Lula nun seinen Arbeitsminister Marinho gebeten, diese Woche in Brasilia mit dem VW- Management zu sprechen, um eine Lösung des Konflikts zu erreichen. Die bei einem Scheitern der Gespräche von VW angedrohte Schließung der Fabrik in Sao Bernardo hätte nach Expertenmeinung tragische Folgen für die blühende Region, in der ein für brasilianische Verhältnisse erstaunlich einheitlicher Wohlstand anzutreffen ist. "Von jeder Stelle bei VW hängen indirekt mindestens 5 bis 8 andere Jobs ab", versichert Autoindustrie-Experte André Beer.

Das Wirtschaftsforschungsinstitut Dieese errechnete, dass die geplante Entlassung von 3600 der 12 400 VW-Mitarbeiter in Sao Bernardo die brasilianische Wirtschaft 1,4 Milliarden Real (520 Millionen Euro) im Jahr an entgangenen Gehältern kosten würde. Der völligen Schließung der Fabrik würden insgesamt 110 000 Jobs zum Opfer fallen. Der Ausfall würde auf zwei Milliarden Euro steigen.

Die Kritik an VW ist in Brasilien dieser Tage in allen Parteien, Regionen und Gesellschaftsschichten zu vernehmen. "Wir lassen uns von Gringos nicht mehr ausbeuten", sagte Bäckerin Maria José am Samstag in Rio de Janeiro, nachdem sie im Fernsehen die Nachricht von den stockenden Verhandlungen bei VW verfolgt hatte.

Bei staatlicher Unterstützung vorn

Auf Sympathie wird die VW-Führung bei ihrem Treffen mit Marinho nicht stoßen. Die Lage bei VW sei mit der positiven Situation des Autosektors in Brasilien nicht vereinbar, so der Minister. Schuld an der Misere seien vielmehr "strategische Fehler der Vergangenheit". Der Chef der für Sao Bernardo zuständigen Metall-Gewerkschaft, José Feijóo, meinte unterdessen, VW wolle wohl die Wahlkampfzeit vor den Präsidentenwahlen im Oktober für eigene Zwecke ausnutzen und Politiker und Arbeiter erpressen. Immerhin rechne die Autoindustrie in Brasilien für 2006 mit einem Wachstum zwischen 6 und 9 Prozent.

Sowohl Marinho als auch Feijóo fragten sich, ob VW angesichts des mangelnden Sozialengagements weiterhin staatliche Kredite bekommen solle. Kaum ein Unternehmen hat in den vergangenen Jahren tatsächlich so viel Unterstützung von der "Nationalbank für Wirtschaftliche und Soziale Entwicklung" (BNDES) bekommen wie VW. Allein seit der Amtsübernahme von Lula Anfang 2003 erhielt der deutsche Autohersteller 5,8 Milliarden Real, etwa 2,2 Mrd Euro.

Die Experten streiten sich darüber, ob - wie von VW dargestellt - der seit 2003 anhaltende starke Kursanstieg des Real für die Misere bei VW und anderen vom Export lebenden Firmen hauptverantwortlich ist. "VW ist einfach im Vergleich zur Konkurrenz in Rückstand geraten. Die bauen noch den Kombi und glauben, dass der Santana ein Luxuswagen sei", meint Kjeld Jakobsen vom "Institut für Soziale Beobachtungen". Der starke Real ziehe nicht nur den Autosektor, sondern auch Textil- und Schuhindustrie sowie Landwirtschaft in Mitleidenschaft, beteuert Marktanalystin Alessandra Ribeiro.

Emilio Rappold/DPA