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Warenhäuser in der Krise: Ausverkauft!

Es wird wieder Einkaufsstraßen ohne Karstadt und Kaufhof geben. Läden machen dicht, weil Spezialmärkte und Discounter den Warenhäusern stark zusetzen. Neue Konzepte werden gesucht - Arbeitsplätze abgebaut.

Wenn ein Kaufhaus stirbt, werden zuerst die Schaufenster mit graubraunen Packpapierbahnen und dicken Prozentzeichen tapeziert. Ein, zwei Wochen läuft der Ausverkauf, dann sind auch die Türen dicht. Nicht jeder bekommt das gleich mit, rüttelt noch mal dran. Bis Graffiti die Scheibe und die Rabattzahlen übertüncht. Das tote Kaufhaus verwest. Es stinkt nach aufgerissenen Mülltüten im Eingang. Es stinkt nach Hundeklo. Es stinkt wie bei Karstadt im Hamburger Stadtteil Altona. Keine 300 Meter trennen das leere Kaufhausgebäude in der Großen Bergstraße, ein Dinosaurier aus der Waschbeton-Epoche, von dem modernen Einkaufszentrum "Mercado" auf der anderen Seite des Bahnhofs Altona. Modeketten wie H&M, Zara und Tom Tailor ziehen hier die Kunden an. Das "Mercado" kommt gut ohne Karstadt aus. Aber wie kann das Kaufhaus gegen die Center bestehen?

Kundenflaute, Einnahmeeinbruch und Börsenverluste - die Bilanz des ersten Halbjahres ist für die meisten Händler erschütternd. Besonders schlimm aber traf es die 295 Warenhäuser in Deutschland, die Karstadt und Hertie, Kaufhof und Kaufhalle heißen. Allein in den 180 Karstadt- und Hertie-Häusern brachen die Erlöse um fast sechs Prozent ein. Beim Mutterkonzern KarstadtQuelle sackte die Sparte "stationärer Einzelhandel" auf ein Minus von 179 Millionen Euro. Mit der allgemeinen Konsumflaute lässt sich das nicht erklären. Deutschlands größter Warenhauskonzern hat den Anschluss an die Shopping-Neuzeit verpasst. Da tröstet es nicht, dass dem einzigen deutschen Wettbewerber, Kaufhof, ebenfalls Kundschaft wegläuft. "Der Umsatz auf gleicher Verkaufsfläche lässt sich nicht mehr so leicht steigern", sagt Kaufhof-Chef Lovro Mandac.

Hartnäckig setzt sich in der Warenhausbranche die Befürchtung fest, dass hinter der Flaute mehr steht als ein saisonales Problem. "Die Kaufhäuser leiden unter einer unheilbaren Schwindsucht", urteilt Michael Gerling, der Geschäftsführer des EHI-Eurohandelsinstituts in Köln. Gerling ist überzeugt: "Das klassische Sortimentskonzept hat sich überlebt." Eine Bankrotterklärung für eine 125 Jahre alte Geschäftsidee. "1000fach - alles unter einem Dach" zieht heute nicht mehr.

Die Chefetage der Krise liegt in Essen. Eine silbrige Kaufhausrolltreppe führt in der KarstadtQuelle-Zentrale hinauf in den Vorstandstrakt. Gegenüber dem Ausstieg liegt der Tagungsraum des Aufsichtsrats. Ein Zimmer mit pappsteifen Gardinen und kitschigen Holzsesseln wie aus einer Schaufensterdekoration. Dort werden am kommenden Montag zwei Damen und 18 Herren Platz nehmen und erwartungsvoll einen Mann anschauen, der einen Mörderjob übernommen hat: Christoph Achenbach, seit Anfang Juni neuer Vorstandschef eines Konzerns, der neben den Warenhäusern Fachketten (Sinn-Leffers) und Versandhändler (Quelle, Neckermann) betreibt. Seinen Vorgänger Wolfgang Urban hatte der Geschäftseinbruch den Posten gekostet.

"Alles steht auf dem Prüfstand", verkündete der neue Chef bereits, und er meint damit auch Arbeitsplätze. Karstadt setzt nach Angaben der EHI-Forscher pro Vollbeschäftigtem 154 000 Euro im Jahr um, fast 30.000 weniger als Konkurrent Kaufhof. Tausende verloren deshalb bereits ihren Job. Bis 2006 sollen weitere 4000 Mitarbeiter gehen. Verwaltungsangestellte, Verkäufer, Dekorateure, Betriebstechniker, die Kundengarderobe, Einpackservice, Briefmarkenverkauf, die Reinigung - vor Achenbachs Rotstift ist niemand sicher.

Dabei sind jene Stellen, die durch Kaufhausschließungen wegfallen, bislang noch nicht einmal eingerechnet. Nur bei rund der Hälfte der 180 Warenhäuser passen Verkaufsfläche, Kundenfrequenz und Kaufkraft zusammen, haben die Karstadt-Manager herausgefunden. Darunter sind sieben Top-Häuser wie das KaDeWe in Berlin. Gut zwei Dutzend der anderen Filialen aber, das steht schon fest, können als Vollsortiment-Häuser nicht fortbestehen. Achenbach will retten, was zu retten ist: Mal sollen die Töchter Karstadt-Sport, Wehmeyer oder Sinn-Leffers in das alte Kaufhaus einziehen, mal wird es umgebaut und vermietet, mal verkauft. Und manchmal geschlossen.

Für die Beschäftigten, die bleiben dürfen, hat sich Achenbach etwas ausgedacht: Sie sollen nun 42 Stunden pro Woche arbeiten, zudem zwei Jahre später in Rente gehen. Über einen Verzicht auf das Urlaubs- und einen Teil des Weihnachtsgeldes wird noch verhandelt.

Karstadt rationalisiert, aber schrumpft sich das Unternehmen damit aus der Branchenkrise? Angesichts der Flaute bei Warenhäusern sei für zwei Kaufhausketten kein Platz mehr in Deutschland, sagt Professor Hendrik Schröder, Leiter des Lehrstuhls für Marketing und Handel an der Universität Essen. "Wenn ich Karstadt und Kaufhof vergleiche, gibt es mit Blick auf die Zahlen ein klares Plus für den Kaufhof. Für Karstadt wäre vielleicht ein radikaler Schritt die richtige Option: die komplette Aufgabe aller Warenhäuser."

Karstadt ohne Kaufhäuser, Kaufhof mit Problemen - sieht so das Ende einer beispiellosen Erfolgsstory aus, die im Nachkriegsdeutschland begann? Damals positionierten sich die wiederbelebten Warenhäuser als Versorger der Nation. Kaufhof, Karstadt, Hertie, Neckermann, Horten: Nirgendwo ließ sich das Wirtschaftswunder in tieferen Zügen genießen als zwischen der Lebensmittelabteilung im Souterrain und der Kantine im 4. OG. Wintermäntel und Eheringe, Schuhe und Parfüm, Lexika und Legokästen, Kofferradios und Fernsehsessel - jede zehnte Einkaufs-Mark, die damals ausgegeben wurde, landete in einer Kaufhauskasse. Heute ist es nicht mal jeder 25. Euro.

Zu schaffen macht den Kaufhäusern der Boom spezialisierter Ladenketten, die sich seit den 70er Jahren in den Fußgängerzonen breit gemacht haben. Sie locken mit Markenprodukten und Kampfpreisen. Heute kaufen die meisten Deutschen den Mantel lieber bei Peek & Cloppenburg, die Ringe bei Christ, die Schuhe bei Deichmann, das Parfüm bei Douglas, Lego bei Toys'R'Us und das Radio im Media Markt. Filialisten mit sperrigeren Artikeln wie Kühlschränken sind zudem längst auf die grüne Wiese gezogen, wo die Mittelschicht ihre Häuschen hinpflanzte und Parkplätze kein Problem sind. Alles unter einem Dach - das gibt es heute auch in den Shopping-Arealen am Stadtrand. 1965 existierten nur zwei solcher Einkaufszentren in Deutschland. Jetzt sind es rund 340.

Die letzte Luft rauben die Discounter den Warenhäusern. 40 Prozent Marktanteil bei Lebensmitteln haben sie schon erobert. In letzter Zeit punkten sie auch mit anderen Produkten. "Wenn Aldi, Lidl oder Tchibo mit einer ihrer Aktionen beispielsweise Kochtöpfe anpreisen", sagt Handelsexperte Gerling, "dann ist der Markt für dieses Produkt auf Monate hin platt."

Es war einmal. Dieser Eindruck drängt sich Besuchern sofort auf, wenn sie die zweite Kommandozentrale der angeschlagenen deutschen Kaufhauswirtschaft betreten - Kaufhof in Köln. Das Gebäude stammt aus den 50ern - in der bombengeschädigten Stadt steht so etwas unter Denkmalschutz. Der Vorstand sitzt hinter schweren Holztüren mit Glaseinsätzen, die den Flur aussehen lassen wie bei Detektiv Rockford. Chefmanager Lovro Mandac, ein bedächtiger Mann mit kroatischen Wurzeln, wippt in seinem Bürosessel und redet die Situation des 1879 gegründeten Unternehmens rosig. Der Verlust: werde sich dank des Weihnachtsgeschäfts noch in Gewinne wandeln. Die Krise der Warenhäuser: der allgemeinen Konsumzurückhaltung geschuldet. Das rasante Aus der speziellen Kaufhaussparte für Frauen unter dem Namen "Emotions": nun ja, "wir haben daraus gelernt".

Was daran stimmt, ist, dass Mandac dem Konzern schon früher eine Radikalkur verpasste als Konkurrent Karstadt. Das Filialnetz habe er in den letzten sechs Jahren "geräuschlos bereinigt", wie er das nennt. Hilfestellung bot dabei die Muttergesellschaft Metro. 168 Häuser - vor allem der Kaufhof-Tochter Kaufhalle - und 11.000 Stellen ließen Metro und Mandac in einer Auffanggesellschaft versickern. Gut für die Bilanz, aber nicht gerade kreativ.

Einfallsreicher war der Umbau von 82 der bundesweit verbliebenen 115 Warenhäuser zur so genannten Galeria mit neuen Warenwelten und Markenshops. Seitdem gibt es zum Beispiel eine Ecke mit Mode von Esprit oder Betty Barclay, die jede "Galeria" selbst zu einer Art Shopping-Mall werden lässt. Dass ein Kaufhaus heute weniger einen Bedarf decken als vielmehr die Lust am Kaufen wecken muss, hat Mandac längst verinnerlicht. "Wir sind heute ein Multispezialist", sagt er. Das soll heißen: In dem verschlankten Sortiment finden allenfalls noch Textil, Uhren, Schmuck, Accessoires und Parfüm breiteren Platz. Endlich sollen auch höherwertige Markenartikel in großer Zahl bei Kaufhof einziehen.

Zurück zu mehr Luxus als Ausweg aus der Kaufhauskrise? Das klingt besser, als es bislang funktioniert: Vor allem Top-Anbieter wie Boss und Joop zieren sich, die Einkaufsbunker von Kaufhof, Karstadt und Co. zu beliefern. Die wenigen Weltstadt-Kaufhäuser wie das KaDeWe - gern. Provinzläden wie den Karstadt-Laden in Cuxhaven-Duhnen - nie und nimmer.

Einen Mangel an imageträchtigen Marken und Stil kritisieren Werbeexperten schon lange bei Warenhäusern. Bereits die Präsentation der Artikel sei ungefähr so anregend wie in einem "mäßig aufgeräumten Warenlager", sagt der preisgekrönte Hamburger Architekt und Norman-Foster-Schüler André Poitiers. "Da werden von den besten Designern der Welt entworfene Parfümflakons über einfallslose Theken geschoben."

Wühltisch bleibt Wühltisch, da hilft auch Etikettenschwindel wenig, etwa bei der Karstadt-Filiale im Hamburger Stadtteil Wandsbek, die ihre Lampen- und Staubsaugerabteilung im zweiten Stock jetzt "Living" nennt und das Erdgeschoss mit DVD-Recorderstapeln, Dreifachsteckdosen und Handtuchtürmen "Personality".

"Kaufhäuser mit ihrer Massenware widersprechen grundsätzlich dem Bedürfnis nach Individualität und Authentizität", sagt Bestsellerautorin Katja Kullmann ("Generation Ally"), deren neuer Roman "Fortschreitende Herzschmerzen bei milden 18 Grad!" im Untergeschoss einer Einkaufspassage spielt. "Die persönliche Unverwechselbarkeit ist in Gefahr - vor allem, wenn die Kleidung am Ende auch noch flächendeckend im Sonderangebot verramscht wird."

Runter mit den Preisen, runter mit dem Personalstand - dass dies auf Dauer kein Rezept für die Zukunft sein kann, sieht auch der neue Rotstiftchef bei Karstadt, Achenbach. Ähnlich wie Kaufhof bastelt Karstadt an einem Imagewandel, will Rabattschlachten künftig ausweichen und schicker werden. "Wir brauchen mehr starke, trendige Eigenmarken, das haben wir in der Vergangenheit vernachlässigt", räumt Karstadts Kaufhausvorstand Helmut Merkel freimütig ein. Den Abschied von "Alles-unter-einem-Dach" hat er bereits besiegelt. Möbel und Heimwerkerbedarf sind aus fast allen Filialen verschwunden. Die Lebensmittelabteilungen werden von Rewe bestückt. Von Unterhaltungselektronik und Multimedia müssen sich mindestens 50 Häuser verabschieden. Hier gibt sich Karstadt den mächtigen Ketten Media Markt und Saturn geschlagen - Töchtern des Metro-Konzerns.

Ob das reicht, bleibt fraglich. Vielleicht müssen Karstadt und Kaufhof an ihren Häusern erst den Firmennamen abmontieren, damit die Kunden wieder kaufen. Solche Überlegungen gibt es bei Karstadt schon. Vorbild sind das KaDeWe oder das Hamburger Alsterhaus. Und auch Kaufhof-Chef Mandac ist froh, dass seine Filiale in der Kölner Innenstadt im Volksmund nach dem Firmengründer genannt wird: "Die Leute sagen hier oft: Ich geh zum Tietz."

Rolf-Herbert Peters/Johannes Röhrig / print