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Wiederaufbau: Deutschland muss draussen bleiben

Von einem schnellen Ende scheint der Krieg am Golf weiter entfernt denn je. Trotzdem ist der Streit voll entbrannt, wer wieder aufbauen darf, was amerikanische Bomben zerstört haben. Es geht um Milliarden.

Der langsamere Vormarsch der alliierten Truppen sorgt für schlechte Stimmung an den Börsen. Die Kurse rutschen, der Ölpreis steigt. In den USA sorgen schlechte Konjunkturdaten für zusätzlichen Druck: Um magere 1,4 Prozent wuchs die amerikanische Wirtschaft im Schlussquartal 2002. Der US-Kongress rechnete 2003 bereits ohne den Irak-Feldzug mit einem Minus von rund 250 Milliarden Dollar.

Der Wiederaufbau kostet 500 Milliarden Dollar

Nun reißen die Militärausgaben neue Löcher: Mit 75 Milliarden Dollar will US-Präsident George W. Bush die Kriegskasse vom Kongress füllen lassen. Die endgültigen Ausgaben dürften weit höher liegen: Für die Besatzung nach dem Krieg seien weitere 25 bis 105 Milliarden Dollar fällig. Hinzu kommt der Wiederaufbau des Irak, der langfristig bis zu 500 Milliarden Dollar kosten könne – ein Riesengeschäft, über das in diesen Tagen bereits hart verhandelt wird.

Das klingt nach viel, ist aber eher optimistisch geschätzt: Der US-Ökonom William Nordhaus rechnet mit ganz anderen Zahlen: Die Kosten summieren sich im schlimmsten Fall auf etwa zwei Billionen Dollar. Das ist mehr als das 20fache der Pentagon-Schätzung. Anders als im ersten Golfkrieg 1991, als Verbündete 90 Prozent der Kosten übernahmen, müssen die USA dieses Mal den Großteil der Lasten wohl selbst schultern.

Volkswirte streiten über Folgen des Krieges

"Ich lege Wert darauf, dass die Hauptfinanzlast bei denen liegt, die diesen schändlichen Krieg begonnen haben", sagte etwa Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD). Es sei nicht Aufgabe der Entwicklungspolitik, "die Trümmer der Militärs wegzuräumen". Goldman Sachs erwartet daher 2003 ein US-Haushaltsdefizit von 375 Miliarden Dollar - ein neuer Rekord. Die Nettoneuverschuldung dürfte auf rund vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts klettern. Hinzu kommen gesamtwirtschaftliche Folgekosten für teures Öl und Rezession.

Volkswirte streiten indes über die Folgen des Irak-Kriegs für die Weltkonjunktur. Optimisten wie der renommierte US-Wissenschaftler Fred Bergsten erwarten ein schnelles Kriegsende und eine Billigölschwemme, die einen jahrelangen Wirtschaftsboom auslösen werde. Die US-Investmentbanken Goldman Sachs und Merrill Lynch verweisen dagegen auf das gefährliche Milliardenloch im US-Haushalt, das Investoren abschrecken könne. Die Deutsche Bank rechnet bei einem langwierigen Krieg mit einer handfesten Rezession: Die US-Wirtschaft würde um 1,7 Prozent schrumpfen, in Deutschland - ohnehin Schlusslicht beim Wachstum - müsste das Bruttoinlandsprodukt sogar Einbußen von 2,1 Prozent hinnehmen.

Nach dem Krieg Öl im Wert von 20 Milliarden Dollar

Nicht alle Experten teilen die düstere Prognose. Der irakische Entwicklungsberater Sabri al-Saadi, Co-Autor des so genannten Phoenix-Plans zum Wiederaufbau des Landes, prophezeit vielmehr einen Nachkriegsboom. Sobald Diktator Hussein und seine marode Vetternwirtschaft hinweggefegt seien, beginne ein ungeahnter Aufschwung. Schon bald nach dem Krieg soll das Öl sprudeln: laut Phoenix-Plan zunächst im Wert von 20 Milliarden, im zweiten Jahr bereits von 25 Milliarden Dollar.

Ganz gleich, welche Experten-Seite Recht behält: Nach dem Krieg wird es auch Gewinner geben. Der Wiederaufbau des zerbombten Landes ist ein Milliardengeschäft. Schon jetzt ist ein heftiger Streit entbrannt, welche Firmen da größte Stück vom Kuchen bekommen. Noch während der Krieg im Gange ist, reden besonders US-Politiker über das große Geschäft danach. Ein kalifornischer Kongressabgeordneter verlangt von Verteidigungsminister Rumsfeld, die Europäer bei der Wahl des Mobilfunkstandards im Irak gar nicht erst zum Zuge kommen zu lassen. Irak, Nordkorea und Afghanistan gehören zu den letzten großen Ländern, die noch über kein flächendeckendes Mobilfunknetz verfügen.

Schon schalten US-Firmen Stellenanzeigen für die Region

Um Milliardenbeträge geht es auch bei der Auftragsvergabe für den Aufbau zerstörter Ölfelder, Flughäfen, Kraftwerke, Autobahnen und anderer Infrastrukturen auf irakischem Territorium. Das viertgrößte US-Bauunternehmen, Washington Group International, steht - neben dem US-Konkurrenten Fluor und den britischen Bauunternehmen Amec und Balfour - auf der Bewerberliste. "Wenn sich die Staubwolken verzogen haben, dürfte das Ausmaß der anstehenden Arbeiten wohl noch deutlich höher ausfallen", sagt ein Sprecher der Washington Group.

Die frühere Firma von US-Vizepräsident Richard Cheney, Halliburton, plant bereits im großen Maßstab und schaltete –schon eineinhalb Monate vor Kriegsbeginn - massenhaft Personalanzeigen für Jobs in der Region. Besonders Spezialisten für den Bau von Kraftwerken, Wasseraufbereitung und Löscharbeiten sind gefragt. Halliburton richtet sich offenbar auf einen längeren Aufenthalt ein.

Wohl mit Recht: Anfang der Woche beauftragte die US-Army das Unternehmen mit dem Löschen von brennenden Ölquellen und mit der Instandsetzung der irakischen Petroindustrie. Daneben lockt die Aussicht auf das ganz große Geld: Neben vier weiteren Konkurrenten hat sich auch Halliburton nach Medienberichten für den 900 Millionen Dollar schweren Wiederaufbau-Kontrakt der US-Entwicklungsbehörde USAID beworben.

Deutsche Firmen kommen nicht zum Zuge

Die deutsche Wirtschaft hingegen wird nach Kriegsende wohl zunächst nur Zaungast sein. "Es ist hundertprozentig sicher, dass beim Wiederaufbau erst einmal keine deutschen Firmen zum Zuge kommen", sagte der Präsident des Bundesverbandes des Groß- und Außenhandels (BGA), Anton Börner. Er begründete dies damit, dass sich Deutschland am Krieg nicht beteilige. Den Wiederaufbau von zerbombten Straßen und Gebäuden würden die USA und ihre Verbündeten "alleine unter sich ausmachen.

Dabei hat "made in Germany" an Euphrat und Tigris einen guten Ruf. Deutsche Firmen wie Holzmann oder Hochtief zogen im Irak bis weit in die 80er Jahre hinein Großprojekte wie den Flughafen Basra und den Tigris-Staudamm bei Mosul in die Höhe. Dennoch: Dass nach dem Sieg vor allem die "Koalition der Willigen" profitieren wird, scheint ausgemacht. Als US AID die ersten Aufträge für Bauprojekte im Gesamtwert von 900 Millionen US-Dollar ausschrieb, waren allein Firmen aus den Vereinigten Staaten teilnahmeberechtigt. "Dabei liegen im Irak viele Anlagen im Sand, die von deutschen Firmen gebaut wurden und bei denen wir uns besser auskennen als alle anderen", sagt der Hauptgeschäftsführer des Verbands der deutschen Maschinen- und Anlagebauer (VDMA), Hannes Hesse.

"Die Karten werden neu gemischt

Auch andere kriegskritische Länder, allen voran Frankreich um Russland, befürchten, beim Milliardendeal außen vor zu bleiben. Sie stecken in einer besonderen Zwickmühle. Ein langer Konflikt am Golf würde auch ihre Konjunkturaussichten eintrüben. Bei einem raschen US-Erfolg hingegen müssten sich die im Irak aktiven Ölkonzerne der drei Länder auf Repressalien der Siegermacht einstellen. Ex-Shell-Manager Fritz Vahrenholt glaubt, dass die lukrativen irakischen Förderrechte nach einem US-Sieg neu verteilt werden: "Die Karten werden neu gemischt, wenn Amerika den Irak kontrolliert." Die französische TotalFinaElf und der größte russische Ölkonzern Lukoil, die im Irak bereits Explorationen durchführten und große Summen investiert haben, hätten das Nachsehen.

In Frankreich hat sich der Widerstand der Lobbyisten bereits formiert: Das Finanzministerium und der Arbeitgeberverband MEDEF haben eine zehnköpfige Arbeitsgruppe beauftragt zu prüfen, "wie französische Firmen zurück nach Bagdad kommen können".

Keine deutsche Farbe fürs Pentagon"

Auch die Europäische Union sollte sich mit einer gemeinsamen Strategie am Wiederaufbau Iraks nach dem Golfkrieg beteiligen. In einer am Dienstag in Brüssel veröffentlichten Studie warnt die Bertelsmann-Stiftung davor, sich nur auf die Absetzung eines aggressiven Regimes zu konzentrieren. Stattdessen müssten eine multinationale Friedenstruppe in Irak stationiert, zivile Strukturen aufgebaut und eine gerechte Verteilung der Profite aus Ölgeschäften sichergestellt werden.

Wie hart der Kampf ums große Geschäft wird, zeigen im angespannten Klima auch Kleinigkeiten: So verwahrten sich republikanische Abgeordnete dagegen, für den Anstrich des Pentagon die Spezialfarbe einer deutschen Firma zu verwenden. Dabei wird die Farbe seit mehr als hundert Jahren verwendet – auch das Weiße Haus und das Kapitol sind damit bestrichen.

Klaus Werle