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Wirtschaftskriminalität: Es kann jeden treffen

Jedes zweite große Unternehmen war in den vergangenen drei Jahren Opfer wirtschaftskrimineller Handlungen, die Dunkelziffer wird auf über 80 Prozent geschätzt. Doch die meisten Unternehmen sind für die Gefahr blind.

In Deutschland kommen auf jeden entdeckten Fall von Wirtschaftskriminalität fünf unentdeckte Fälle. Auch die Zahl der nur zufällig aufgedeckten Delikte ist erneut sprunghaft gestiegen. Zu diesen Ergebnissen kommt die KPMG-Studie 2006 zur Wirtschaftskriminalität in Deutschland. Erstmals wurden nicht nur große Unternehmen (Umsatz über 500 Millionen Euro) befragt, sondern auch mittlere (100 - 500 Millionen Euro Umsatz ) und kleinere Unternehmen (Umsatz bis 100 Millionen Euro). Für diese Studie hat die Wirtschaftprüfungs- und Beratungsgesellschaft KPMG Antworten von 420 Führungskräften aus allen Branchen ausgewertet.

Keine Ahnung von eigener Gefährdung

Dabei kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass ein signifikanter Zusammenhang zwischen Umsatzvolumen und der Häufigkeit wirtschaftskrimineller Handlungen besteht. Waren von den großen Unternehmen in den letzten drei Jahren nach eigenen Angaben 55 Prozent betroffen, sind es bei den mittleren 31 Prozent und bei den kleineren Unternehmen 19 Prozent. Offenbar führen die besseren Kontrollmechanismen in größeren Unternehmen in aller Regel zu höheren Aufdeckungsraten. Allerdings ist in diesem Kriminalitätssektor die Dunkelziffer ist auffallend hoch. Sie wird von den Unternehmen auf über 80 Prozent geschätzt. Dieter John, Leiter des Bereichs Forensic bie KPMG: "Das bedeutet, dass auf jeden entdeckten fünf nicht entdeckte Fälle von Wirtschaftskriminalität kommen."

Zwei von drei Unternehmen befürchten, dass das Ausmaß wirtschaftskrimineller Handlungen in nächster Zeit sogar noch zunehmen wird. Allerdings unterschätzen die Unternehmen dabei die Gefahr für das eigene Haus. Anders Unternehmen, die in den letzten drei Jahren schon einmal Opfer von Wirtschaftskriminalität waren: hier sieht immerhin ein Drittel (32 Prozent) eine Gefährdung für sich selbst. Dabei wurden weit über die Hälfte aller Delikte durch "Kommissar Zufall" aufgedeckt. Damit ist die Zahl der zufällig entdeckten Delikte gegenüber den letzten Umfragen erneut sprunghaft gestiegen (2003: 44 Prozent). "Das ist eine dramatische Tendenz. Besondere Brisanz erhält diese Entwicklung dadurch, dass über 60 Prozent der Unternehmen angaben, erste Anzeichen für wirtschaftskriminelle Handlungen nicht erkannt zu haben," so John.

Enorme Schäden

Die häufigsten Delikte sind klassische Vermögensschäden wie Diebstahl bzw. Unterschlagung (82 Prozent), Untreue (51 Prozent) oder Betrug (40 Prozent). Weniger häufig, dafür aber meist mit höheren Schäden verbunden sind beispielsweise die Fälschung von Finanzinformationen, Korruption oder Kartellrechtsverstöße. Allerdings setzen solche Delikte auch eine bestimmte Stellung in der Unternehmenshierarchie voraus. So war das Top-Management in der Vergangenheit nur an zwei Prozent der Diebstähle, aber an jeder zweiten Fälschung von Jahresabschlüssen beteiligt. Besonders betroffen waren in Unternehmen die geldnahen Bereiche wie Vertrieb (58 Prozent), Lager (43 Prozent), Produktion und Einkauf (jeweils 30 Prozent).

Laut Bundeskriminalamt betrug der durch Wirtschaftskriminalität entstandene volkswirtschaftliche Schaden im Jahr 2005 rund 4,2 Milliarden Euro. Damit geht die Hälfte des Gesamtschadens aller mit Schadenssumme erfassten Delikte auf das Konto von Wirtschaftskriminalität - und das, obwohl der Anteil an den Delikten insgesamt nur 1,4 Prozent beträgt. Neben den unmittelbar verursachten Schäden spielt der Reputationsverlust eine große Rolle. Ein Viertel der betroffenen Unternehmen gibt an, dass ein erheblicher Imageschaden entstanden ist.

Meist sind es die Mitarbeiter

Meist sind eigene Mitarbeiter an den kriminellen Handlungen gegen das Unternehmen beteiligt. Doch auch Geschäftspartner sind nicht immer die Guten: Nach Angaben der Unternehmen waren bei 23 Prozent der entdeckten Delikte Unternehmensexternen, also z. B. Geschäftspartner, beteiligt. Über die Hälfte der betroffenen Unternehmen geht davon aus, dass mit einer höheren Sensibilisierung der Mitarbeiter kriminelles Handeln hätte verhindert werden können. Die Aufklärung der Delikte erfolgt überwiegend intern - und kostet die Betroffenen oft den Job: Nach Entdeckung der kriminellen Handlungen haben 82 Prozent der betroffenen Unternehmen arbeitsrechtliche Schritte gegen die entsprechenden Mitarbeiter eingeleitet. Darüber hinaus wurden in mehr als der Hälfte der Fälle zivil- und strafrechtliche Maßnahmen ergriffen.

Deshalb ist es auch aus Sicht des Forensic-Bereichs von KPMG ein Alarmzeichen, dass nur 18 Prozent der Unternehmen ihre Kenntnisse wirtschaftskrimineller Handlungen als gut einstufen. Selbst in großen Unternehmen werden viel zu selten Trainings zur gezielten Entdeckung von Frühindikatoren durchgeführt. Über ein Notfallmanagement verfügt nur die Hälfte der großen Unternehmen. "Deshalb müssen Früherkennung und systematische Prävention Chefsache werden," sagt John. Denn einen absoluten Schutz gegen Wirtschaftskriminalität gibt es nicht.

Karin Spitra