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Wochenmarkt - die Wirtschaftskolumne zur Arbeitslosenquote: Jobs für alle? Kein Problem!

Die Arbeitslosenzahlen sinken. Und sie könnten noch viel stärker sinken, denn Vollbeschäftigung ist möglich. Wie das erreicht werden kann, erklärt unser Kolumnist Thomas Straubhaar.

Die Arbeitslosigkeit sinkt und sinkt. Ein weiteres Mal kann die Bundesagentur für Arbeit erfreuliche Zahlen vorlegen: 3,028 Millionen sind arbeitslos und damit 182.000 weniger als noch vor einem Jahr. Und ein Ende der positiven Beschäftigungsentwicklung ist nicht in Sicht. Wenn alles gut läuft, ist Vollbeschäftigung bald möglich. Wer hätte das gedacht!

Was bleibt nun zu tun, damit die positive Dynamik Richtung Vollbeschäftigung in Deutschland ihren Schwung behält? Hier ist ein

Sechs-Punkte-Plan

:

1. Festhalten an den Hartz-Reformen

Die Agenda 2010 der rot-grünen Regierung Schröder hat den Willen gestärkt und den Druck verschärft, so rasch als möglich aus der Arbeitslosigkeit wieder zurück in die Beschäftigung zu drängen. Fördern und Fordern ist heute akzeptierte Realität geworden. Flexibilität für betriebliche Bündnisse für Arbeit und ein Verzicht der Belegschaften auf überrissene Lohnforderungen im Tausch gegen Beschäftigungsgarantien sind gang und gäbe.

Trotz den offensichtlichen Erfolgen der Hartz-Reformen wird derzeit darüber diskutiert, ob diese Anpassungen der Arbeitsmarktpolitik an die Erfordernisse der Zeit zurückgenommen werden sollten. Dies würde die bisher erreichte Entwicklung und damit den weiteren Weg zur Vollbeschäftigung gefährden. Insbesondere eine Rücknahme der Rente mit 67 oder eine verlängerte Bezugsdauer von Arbeitslosengeld I für Ältere wären kontraproduktive Schritte in die falsche Richtung.

2. Verringerung der Langzeitarbeitslosigkeit

Von entscheidender Bedeutung für das Vollbeschäftigungsziel ist eine deutliche Reduktion der Langzeitarbeitslosigkeit. Derzeit sind über eine Million Arbeitslose länger als ein Jahr arbeitslos. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist seit 2005 deutlich zurückgegangen, aber nicht so stark wie die Zahl der "normalen" Arbeitslosen. Das muss ändern.

Langzeitarbeitslosigkeit ist sehr häufig mit bestimmten individuellen Charakteristika verbunden, die zu geringeren Einstellungschancen dieser Personengruppen führen. Zu diesen Charakteristika gehören neben dem Alter insbesondere das Bildungsniveau und die familiäre Situation: Unter den Langzeitarbeitslosen finden sich vor allem Ältere, überproportional häufig gering Qualifizierte und auch besonders viele Alleinerziehende. Deshalb müssen diese Gruppen besonders gefördert werden.

3. Einstellungschancen von Älteren verbessern

Für die hohe Arbeitslosigkeit älterer Arbeitnehmer gibt es verschiedene Gründe: Einer besteht darin, dass Ältere höhere Löhne erwarten, ohne dass sie wirklich leistungsfähiger als Jüngere sind. Deshalb muss sich der Lohn stärker an der Leistung als am Alter orientieren können, als das heute der Fall ist.

Eine andere Ursache liegt darin, dass ältere Arbeitnehmer zu wenig für ihre immerwährende Weiterbildung tun. Entweder wollen sie nicht, oder die Firmen sind nicht bereit, Ältere zu fördern. Allein schon auf Grund des demografischen Wandels und der damit verbundenen Alterung der Belegschaften, gilt es hier schleunigst, durch stetige Weiterbildung die Potenziale des Alters besser zu erhalten und zu nutzen.

4. Bessere Chancen für gering Qualifizierte

Wer besser gebildet ist, verdient nicht nur besser, sondern hat auch wesentlich bessere Chancen auf einen Job. Bildung ist das A und O, das über Arbeit haben oder Arbeit suchen entscheidet. Deshalb ist eine gute Bildungspolitik die beste Beschäftigungspolitik.

Gering Qualifizierten können zum Teil arbeitsmarktpolitische Programme helfen. Wesentlich ist aber auch die Schaffung von neuen Jobs für gering Qualifizierte. Allerdings besteht bei der Beschäftigung von gering Qualifizierten häufig das Problem, dass deren Produktivität nur geringe Löhne erlaubt. Gegebenenfalls liegen diese nur wenig über oder sogar unterhalb dessen, was gesellschaftlich als sozial akzeptable Einkommensuntergrenze betrachtet wird. Um dieses Problem zu umgehen, fordern Teile der Politik Mindestlöhne. Diese würden aber nur in einigen Fällen tatsächlich zu einer besseren Entlohnung der gering qualifizierten Beschäftigten führen. In weiten Teilen würden die Mindestlöhne die Beschäftigung der gering Qualifizierten verhindern und damit das Problem der Arbeitslosigkeit vergrößern. Klüger wäre ein Mindesteinkommen für alle und dafür zu sorgen, dass vom Brutto mehr Netto übrigbleibt.

5. Vereinbarkeit von Beruf und Familie stärken

Alleinerziehende sind die großen Verlierer der vergangenen Jahre. Sie sind häufiger und vor allem deutlich länger ohne Beschäftigung - und das oft, obwohl sie relativ gute Qualifikationen haben. Eine Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, beispielsweise durch bessere Kinderbetreuungsangebote aber auch durch vermehrte Teilzeitstellen ist deshalb ein Muss, um Vollbeschäftigung erreichen zu können. Für gering qualifizierte Alleinerziehende können direkte Qualifizierungsmaßnahmen helfen.

6. Bildungsinvestitionen sind Zukunftsinvestitionen

Um Vollbeschäftigung realisieren zu können, bedarf es neben einer gezielten Politik, die auf Langzeitarbeitslosigkeit gerichtet ist, einer Politik, die auf die Fachkräfte zielt. Das kann nur gelingen, wenn das (Aus-)Bildungssystem ständig weiterentwickelt und den geänderten Anforderungen einer modernen Arbeitswelt angepasst wird. Das ist keine Einmal-, sondern eine Daueraufgabe. Und es geht um beide: die Langzeitarbeitslosen und die Fachkräfte. Denn durch steigende Beschäftigung und Einkommen von qualifizierten Arbeitskräften entsteht jene zusätzliche Güternachfrage, die dann insgesamt zu einer höheren Binnennachfrage und damit auch einer Verbesserung der Beschäftigung für gering Qualifizierte beiträgt. Deshalb sollte eine Politik der Vollbeschäftigung nicht nur einseitig, sondern mehrseitig sein. Sie muss die Schwachen fördern, ohne zu vernachlässigen, dass sie dafür der Starken und deren Stärken bedarf.

Von Thomas Straubhaar