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Yahoo: Turbulenzen ohne Ende

Der Internetpionier Yahoo verliert einen seiner wichtigsten Männer: den deutschen Topmanager Marco Börries. Angeblich plant die neue Chefin Carol Bartz ein großes Stühlerücken, um die lahmende Firma wieder auf Trab zu bringen.

Von Karsten Lemm, San Francisco

Der angeschlagene Internetriese Yahoo kommt nicht zur Ruhe: Seit dem Antritt der neuen Chefin Carol Bartz im Januar hat das kalifornische Unternehmen mehrere hochkarätige Manager verloren. Jüngster Abgang: der Deutsche Marco Börries, als Vizepräsident der "Connected Life"-Abteilung unter anderem verantwortlich für das wichtige Mobilgeschäft. Der 40-Jährige gebürtige Lüneburger wird die Firma zum 1. Mai verlassen und verkündete seinen Ausstieg ursprünglich in einer vertraulichen internen E-Mail, die am Mittwochmorgen durch ein Blog des Wall Street Journals an die Öffentlichkeit sickerte.

Zwischen Familie und Karriere

"Persönliche Gründe" hätten ihn bewogen, Yahoo zu verlassen, sagt Börries stern.de. Seit Monaten schon lebe er "in zwei Welten", teils in Kalifornien, teils in Deutschland, um bei seiner Familie zu sein, die in Hamburg wohnt. "Das lässt sich irgendwann nicht mehr miteinander vereinbaren." Bereits seit dem Sommer vorigen Jahres habe er mit dem Gedanken gespielt, seinen Job aufzugeben, um mehr Zeit mit seinen drei Kindern verbringen zu können, sagt Börries. Doch die Turbulenzen um Yahoos gescheiterte Übernahmeverhandlungen mit Microsoft und die anschließenden Querelen um den Yahoo-Mitgründer Jerry Yang - damals noch Vorstandschef - hätten ihn von einem Rücktritt abgehalten: "Ich wollte Jerry Yang in der schwierigen Phase nicht allein lassen", sagt Börries.

Ein deutscher Bill Gates

Yang gab seinen Posten im November auf, nachdem Investoren immer mehr Kritik an seinen Führungs-Fähigkeiten übten. Und nun, da seine Nachfolgerin im Amt ist, sah auch Börries nach eigenen Worten keinen Grund, sein Privatleben weiter zurückzustellen. "Für mich ist die Familie die Nummer eins", erklärt der Manager, der vor vier Jahren zu Yahoo stieß, als der Internetgigant Börries' Start-up-Firma VerdiSoft kaufte. Schon mit 16 Jahren betätigte sich der Norddeutsche, der als Austauschschüler ein Jahr im Silicon Valley verbracht hatte, als Unternehmer: Mit 2000 Mark Konfirmationsgeld finanzierte er 1985 die Entwicklung des Textverarbeitungsprogramms "StarWriter", dessen Erfolg den Grundstein für sein Unternehmen Star Division legte. Gefeiert als deutscher Bill Gates, verkaufte Börries die Rechte an der Bürosoftware "StarOffice" 1999 an den Computerhersteller Sun, der daraus das populäre "Open Office" machte.

Apple und Google zum Gegner

Bei Yahoo trieb Börries den Aufbau des Mobilgeschäfts voran, schloss Partnerverträge mit über 80 Netzbetreibern und Handy-Herstellern in aller Welt, um Dienste wie "Yahoo Go" und "One Search" zu vermarkten, die es einfacher machen sollten, auch unterwegs relevante Informationen zu finden. "Mit Börries an der Spitze hat sich Yahoo sehr innovativ gezeigt", lobt Chris Sherman von der Unternehmensberatung Searchwise. In jüngerer Zeit allerdings stahlen Apples iPhone und Google mit seiner Android-Initiative das Rampenlicht. Eine neue Softwareversion, schlicht Yahoo Mobile genannt, soll Ende März verlorenen Boden gutmachen. Von Börries vorige Woche auf einer Mobilfunkmesse in Barcelona vorgestellt, kombiniert der Dienst diverse Yahoo-Angebote, darunter E-Mail, Chat und ortsabhängige Suche, um sie auf Smartphones leicht zugänglich zu machen.

"Yahoo Mobile ist ein deutlich verbessertes Angebot und eine Chance, sich wieder an die Spitze der Mobildienste zu setzen", sagt Suchmaschinenexperte Greg Sterling von der Beraterfirma Sterling Market Intelligence. Die Partnerverträge gäben dem Internetriesen "potenziell enorme Reichweiten" und damit die Chance, Hunderte von Millionen Nutzern anzusprechen - zumindest theoretisch. Bei der Umsetzung, urteilt Sterling, gebe es noch viel Verbesserungsbedarf: "Die Dienste waren bisher vom Konzept erfolgreicher als in der Praxis. Yahoo braucht mehr Nutzer, um wettbewerbsfähig zu bleiben."

Disziplin für den Erfolg

Mobildienste gelten allgemein als vielversprechender Wachstumsmarkt. So schätzt der Marktforscher Gartner Group, dass das Geschäft mit Werbung auf Mobilgeräten bis 2011 auf weltweit etwa 10 Milliarden Euro ansteigen wird. Für Marco Börries den richtigen Nachfolger zu finden wird damit zu einer Schlüssel-Entscheidung für die neue Yahoo-Chefin Carol Bartz. Gerüchten zufolge plant die 52-jährige ehemalige Softwaremanagerin, die Organisation des Unternehmens komplett umzustellen. Traditionell herrscht bei dem Internetpionier, der im vorigen Jahr 7,2 Milliarden Dollar (5,7 Milliarden Euro) einnahm, eine eher lockere Atmosphäre, in der Mitarbeiter viel Freiraum genießen. Laut Medienberichten will Bartz nun die Management-Strukturen vereinfachen und mehr Disziplin einfordern.

"Es wird ein Drahtseilakt"

"Yahoo neigt dazu, sich etwas unkontrolliert treiben zu lassen", sagt Analyst Chris Sherman. Andererseits könne eine straffere Organisation leicht die kreative Atmosphäre stören, die ein Internet-Unternehmen brauche: "Es wird ein Drahtseilakt." Und es steht viel auf dem Spiel. Denn trotz aller Probleme ist die 1994 gegründete Firma weiterhin eines der Schwergewichte im Internet. Mit Diensten wie E-Mail, Nachrichten und der Fotocommunity Flickr kommt Yahoo nach eigenen Angaben auf eine halbe Milliarde Nutzer in aller Welt. Google mag mit zwei Dritteln aller Anfragen die populärste Suchmaschine sein, doch für viele andere Zwecke besuchen etliche Surfer täglich den Rivalen mit dem lila Logo. "Yahoo verfügt über einen enormen Reichtum an Inhalten, das macht die Firma immer noch zur Anlaufstelle Nummer eins im Internet", sagt Sherman.

Ein Sommer mit den Kindern

Der Deutsche, der bisher versucht hat, die Marke mobil voranzubringen, hofft nun, dass sein Abgang ohne negative Folgen bleibt: "Ich glaube fest an unsere Strategie", sagt Marco Börries und beteuert, dass er im Frieden geht. Sein Rücktritt habe "nichts mit Yahoo zu tun", sagt der bisherige Connected-Life-Chef, und er helfe auch selbst mit, einen geeigneten Nachfolger zu finden. Nach dem 1. Mai will der Serien-Unternehmer dann erstmal "den Sommer mit den Kindern verbringen" - und wie es anschließend weitergeht? Abwarten. Fest steht für den Mann, der seit Teenager-Tagen davon träumt, die Technikwelt mitzugestalten, zumindest so viel: "Mit 40 werde ich noch nicht in Rente gehen."