Ölreserven OPEC öffnet den Hahn

OPEC-Präsident Yusgiantoro versucht die Märkte zu beruhigen: Erst hieß es, das Öl-Kartell würde an der Kapazitätsgrenze fördern, dann kam das Dementi. Aber wie reagiert der Benzinpreis?

Die Organisation Erdöl exportierender Länder OPEC hat nach Ansicht ihres Präsidenten Förderreserven von bis zu 1,5 Millionen Barrel (ein Barrel entspricht etwa 159 Liter) pro Tag, die sie im Bedarfsfall sofort auf den Markt bringen könnte. Mit dieser überraschenden Ankündigung korrigierte OPEC-Chef Purnomo Yusgiantoro am Mittwochabend eine Äußerung vom Vortag, wonach das Öl-Kartell zurzeit an den Grenzen seiner Förderkapazität sei.

OPEC-Präsident beruhigt die Märkte

In der in Wien verbreiteten Erklärung betonte Yusgiantoro außerdem, die 11 Mitgliedsländer einschließlich des Irak würden gegenwärtig mehr als 29 Millionen Barrel täglich fördern - und dass diese Menge im August auf nahezu 30 Millionen Barrel erhöht werden soll. Mit der Erklärung versuchte der OPEC-Präsident offenbar, zur Beruhigung der Märkte beizutragen. Am Dienstag hatten seine Äußerungen den Preis für Rohöl auf neue Rekordhöhen getrieben. Auch die Unsicherheit über die Zukunft des russischen Yukos-Konzerns (rund 1,6 Millionen Barrel täglich) heizte die Preisrallye an und bescherte den Märkten die höchsten Rohölpreise seit 20 Jahren.

Yusgiantoro kündigte an, dass die OPEC-Länder zurzeit über Maßnahmen berieten, um die Produktion "bis zum Jahresende und im Jahr 2005" um eine weitere Million Barrel zu erhöhen. Um die Förderkapazitäten weiter auszuweiten benötige man allerdings etwa 18 Monate. Nach Meinung von Analysten gibt es im Moment weltweit nur noch eine Überschussproduktion von maximal 1,5 Millionen Barrel täglich.

ADAC fordert billigeres Benzin

Der ADAC forderte die Mineralölkonzerne auf, die Benzinpreise spürbar zu senken. "Es gibt noch einige Cent Luft nach unten", sagte der Benzinmarktexperte des Automobilclubs, Jürgen Albrecht, der "Berliner Zeitung". Die Konzerne verdienten derzeit prächtig und könnten einen Teil der Gewinne ohne weiteres an die Kunden abgeben.

Die sind ohnehin gebeutelt genug, denn das teure Öl dreht auch in anderer Hinsicht an der Preisspirale: Auf die Haushalte kommen jetzt auch höhere Preise für Heizöl, Gas und Strom zu. Die Verbraucher kontern die Entwicklung mit Sparwillen und haben ihren Verbrauch kräftig gedrosselt. Nach Daten des Mineralölwirtschaftsverbandes (MWV) in Hamburg ging der Heizöl-Absatz in den ersten sechs Monaten um 20 Prozent auf 11,9 Millionen Tonnen zurück. Der Preis für 100 Liter Heizöl ist innerhalb eines Jahres ungefähr von 34 auf 44 Euro gestiegen.

"Der Gaspreis wird dem Ölpreis folgen"

Aber nicht nur Heizöl, auch Erdgas wird teurer. Das Preisniveau werde voraussichtlich im Herbst oder Winter steigen, teilte der Bundesverband der deutschen Gas- und Wasserwirtschaft in Berlin mit. Hintergrund ist die Ölpreisbindung, die den Gaspreis dem Ölpreis im Abstand von etwa einem halben Jahr nach oben oder unten folgen lässt. Wo die Kosten für Öl und Gas steigen, lässt auch der Strompreis nicht auf sich warten. "Der Gaspreis wird dem Ölpreis folgen, und das wird auch den Strom teurer machen," bestätigte Johannes Teyssen, Vorstandsvorsitzender von E.ON-Energie, der "Zeit".

Der Ölpreis könnte nach Einschätzung des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung aus Mannheim (ZEW) erst sinken, wenn sich die politische Lage im Irak entspannt. Eine Prognose für die Preisentwicklung der kommenden Monate wollte ZEW-Volkswirt Ulf Moslener wegen der unsicheren Lage aber nicht abgeben. Der Ölpreis müsse zwar im Auge behalten werden, sagte eine Sprecherin von Wirtschaftsminister Wolfgang Clement in Berlin. "Wir sehen derzeit aber keine negativen Auswirkungen auf die Konjunktur."

"Psychologische Übertreibung"

Auch das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft hält zunächst an seiner Konjunkturprognose für 2004 und 2005 fest. "Was wir derzeit erleben, ist eine temporäre, psychologische Übertreibung wegen Terrorangst", sagte Direktor Michael Hüther. Deutlich sorgenvoller äußerte sich Bundesfinanzminister Hans Eichel: Er befürchtet, dass der Preisanstieg die Entwicklung der Weltwirtschaft abbremsen könnte. Diese Entwicklung müsse besorgt machen, weil Deutschland stärker von Exporten profitiere als andere Länder. Und auch ExBundeswirtschaftsminister Werner Müller hat wegen der hohen Rohstoffkosten vor einer Gefährdung des Wirtschaftsaufschwungs in Deutschland gewarnt. "Preiswerte Rohstoffe sind Basis für unser Wirtschaftswachstum. Explodieren hier die Preise, wackelt das Fundament für den Aufschwung", sagte der Vorstandsvorsitzende der Essener RAG AG der "Bild"-Zeitung (Donnerstag). Einerseits würden die für Deutschland wichtigen Exporte immer teurer. Andererseits schlügen hohe Rohstoffpreise negativ auf die Binnennachfrage durch, was unter anderem den Handel schwäche.

Der Chef der ehemaligen Ruhrkohle AG forderte, die einheimischen Kohlevorräte in Deutschland wieder stärker zu nutzen. Es sei paradox, dass der Stahlbranche inzwischen eine ernste Krise drohe, weil der Rohstoff Kohle für die Produktion fehle. Davon gebe es genug in Deutschland.

(DPA, AP, Reuters)

DPA

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