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Abhängigkeit von China Der Lockdown in Shanghai belastet die deutsche Wirtschaft – abkoppeln kann sich die Bundesrepublik aber auch nicht

Seit April sind Millionen Menschen in Shanghai im Lockdown
Arbeiter in voller Corona-Montur: Während des Corona-Lockdowns in Shanghai sind strengste Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden
© Hector Retamal / AFP
Der Lockdown in Shanghai hat negatve Folgen für die Weltwirtschaft. Aber nur weil die Lieferketten wegen Corona und Ukraine-Krieg holpern, können andere Länder China nicht den Rücken kehren. 

Langsam läuft das öffentliche Leben in der chinesischen Millionenmetropole Shanghai wieder an. Nach fast zwei Monaten im strikten Lockdown rollen Busse und Bahnen zumindest teilweise durch die verwaisten Straßen. Vier von eigentlich 20 Bahnlinien und einige Buslienen dürfen seit Sonntag wieder fahren. Wer einsteigen will, muss nach Behördenangaben einen negativen Test und eine "normale" Körpertemperatur aufweisen. Auch Fabriken und Betriebe wurden in einigen Stadtteilen wieder geöffnet.

China hatte von Beginn der Pandemie an auf rigorose Restriktionen gesetzt und die Infektionszahlen damit über lange Zeit hinweg auf im internationalen Vergleich relativ niedrigem Stand halten können. Mit Aufkommen der Omikron-Variante kam es dennoch zu großen Ausbrüchen. Zentrum war zunächst Shanghai, woraufhin die Stadt mit ihren 25 Millionen Einwohnern Anfang April rigoros abgeriegelt wurde – mit gravierenden Folgen auch im Ausland.

Der deutschen Wirtschaft drohte als Folge chinesischer Lockdowns und weltweiter Schiffsstaus eine weitere Verschärfung der gravierenden Lieferprobleme. Nach Angaben des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel und des Rotterdamer Hafens sank die Zahl der aus China Richtung Westen fahrenden Schiffe. Und die Londoner Schifffahrtsberatung Drewry schätzte, dass im Hafen Shanghai allein im April 260.000 für den Export in alle Welt bestimmte Container nicht verladen wurden.

Lockdown-Folgen kommen verspätet

Die Auswirkungen werden nach Einschätzung des Berliner Mercator Instituts für Chinastudien (Merics) sowohl die Verbraucher als auch die Industrie spüren. Deutsche Einzelhändler verkauften eine große Auswahl in China hergestellter Produkte, von Elektronik über Möbel und Kleidung bis zu Spielwaren, sagt Merics-Analyst Jacob Gunter.

Die Industrie litt schon vor dem Ukraine-Krieg und dem Lockdown in Shanghai unter großem Nachschubmangel. "Wir gehen davon aus, dass sich die Situation in den kommenden Tagen und Wochen weiter verschärfen wird, weil bisher noch Schiffe ankamen, die den Hafen Shanghai vor der Schließung verlassen haben", sagte Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft in München. "Die eigentlichen Folgen des Lockdowns in Shanghai werden wir erst in einiger Zeit, dann aber sehr drastisch spüren."

Der Hafen Shanghai ist der größte der Welt, die Stadt und ihr Hinterland eine Industrieregion von weltweiter Bedeutung. Den größten Anteil bei chinesischen Exporten von Industriekomponenten haben nach Angaben des Mercator-Instituts elektronische Bauteile und Computer aller Art. "Für Deutschland besteht außerdem das Risiko übermäßiger Abhängigkeit von China als Exporteur und Verarbeiter von Schlüsselrohstoffen, vor allem in der Automobilindustrie", sagt Merics-Analyst Gunter. Als Beispiele nannte er Kobalt und Lithium für die Herstellung von Elektroauto-Batterien.

Der Analyst geht davon aus, dass die chinesischen Lockdowns eine Art weltumspannenden Welleneffekt haben werden: "Wenn ein Komponentenlieferant in Japan, Großbritannien oder Mexiko seinerseits am Beginn der Lieferkette Zulieferer in China hat, kann das Auswirkungen auf deren Produktion haben." Die Folge wäre dann limitierter Nachschub für deutsche Unternehmen, die am Ende der Lieferkette stehen.

China wird weiter liefern

Dass Lieferungen aus China komplett zum Erliegen kommen, ist aber nicht zu befürchten: "Ein Rückgang des Frachtvolumens in westlicher Richtung wegen des Lockdowns in Shanghai ist zu erwarten, aber das wird ein begrenzter sein", sagt eine Sprecherin des Rotterdamer Hafens.

Der Effekt des Lockdowns in Shanghai und anderer rigider Covid-Beschränkungen in China macht sich in Europa mit erheblicher Verzögerung bemerkbar, weil eine direkte Schiffsreise schon vor Beginn der Corona-Pandemie 30 bis 40 Tage dauerte.

Üblicherweise werden mehrere Häfen angelaufen, sodass die normale Laufzeit eines Containers an die 80 Tage beträgt. Seit zwei Jahren bringt Covid die Fahrpläne durcheinander. Derzeit sind Containerschiffe laut Schifffahrts-Datenbank Alphaliner im Schnitt 101 Tage unterwegs. Das wiederum bedeutet, dass die Schiffe mit mindestens drei Wochen Verspätung wieder retour Richtung Ostasien fahren, und dort dann für die nächste Fahrt Richtung Europa fehlen.

Der Lockdown in Shanghai begann Ende März und sollte eigentlich nur ein paar Tage dauern. Mittlerweile sind die Beschränkungen gelockert, doch eine Rückkehr zur Normalität ist nicht in Sicht. Der Shanghaier Hafen stand zwar nie still, aber der Transport in und aus dem Hafen wurde hart getroffen, wie die Sprecherin des Rotterdamer Hafens erläutert. Und auch in anderen Regionen Chinas können viele Fabriken nur eingeschränkt produzieren, weil Personal und Lieferungen blockiert sind.

Wirtschaft ohne China undenkbar

Für chinesische Beamte in Bezirken, Landkreisen, Städten und Provinzen sei die wichtigste Ausgabe, Covid fernzuhalten, sagt Merics-Analyst Gunter. "Viele haben extreme Beschränkungen erlassen, um Einreise oder sogar Durchfahrt durch ihre Jurisdiktionen zu verhindern." Mit der Covid-Bürokratie konfrontierte Lkw-Fahrer nehmen demnach den Kampf um die Vielzahl der nötigen Sondergenehmigungen häufig erst gar nicht auf, sondern fahren einfach nicht.

Das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel stellte bis zur vergangenen Woche noch keinen Rückgang der Importvolumina in Rotterdam oder Hamburg fest. "Auch in den kommenden Wochen dürfte sich der Effekt auf die Häfen in der Nordsee in Grenzen halten, da sich auch in der Nordsee ein Stau aufgebaut hat, quasi ein Puffer", sagt Ökonom Vincent Stamer.

Doch Mitte Mai war laut IfW das Frachtvolumen im Roten Meer fast ein Fünftel niedriger, als es in normalen Zeiten zu erwarten gewesen wäre. Naturgemäß steuern nicht alle Schiffe im Roten Meer Rotterdam oder Hamburg an. Doch ist dies ein Indiz, dass Lieferungen ausbleiben.

Die Abhängigkeit von China dürfte Deutschland spätestens jetzt klargeworden sein. Aber sich von China abkoppeln? Das könnet nach Experteneinschätzung schwierig werden. "Bei strategischen Produkten oder Rohstoffen gilt es, diese mit Augenmaß zu reduzieren", sagte Jens Hildebrandt, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der AHK. Gleichzeitig sicherten Handel und Investitionen aber auch gegenseitig Bevölkerungswohlstand und dienten bei Konflikten der Mäßigung. "Die Abhängigkeit zwischen Deutschland und China ist gegenseitig." Um sich von China abzukehren, müssten anderswo neue Lieferketten aufgebaut werden, was lange dauere. "In der Zwischenzeit wäre mit Preissteigerungen zu rechnen."

Durch die enge Verflechtung deutscher Unternehmen in chinesische Lieferketten würde sich eine Abkopplung "auf die ganze deutsche Wirtschaft negativ auswirken", warnte Hildebrandt. Einen Vorgeschmack habe es gerade aufgrund der Covid-Einschränkungen und Engpässe in den Lieferketten gegeben. Der Mangel an Vor- und Zwischenprodukten bremse deutsche Unternehmen nicht nur in China, sondern auch in Deutschland.

Anders als mit Russland, das meist Energie liefert, wäre eine Abkehr von China viel schwieriger, sagte auch Jörg Wuttke, Präsident der EU-Handelskammer. "Russland ist eine Drei-Produkte-Wirtschaft. Das ist alles, während wir Zehntausende von Produkten aus China beziehen und wahnsinnig viele Jobs in Deutschland kreieren", sagte Wuttke. Europa liefere zwar täglich Waren für 600 Millionen Euro nach China, aber China schicke umgekehrt jeden Tag Exporte für 1,3 Milliarden nach Europa. Insofern sei China "mehr als doppelt so abhängig".

cl AFP DPA

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