Kamerafahrt mitten ins Herz

10. Oktober 2007, 12:10 Uhr

Mit faszinierenden Computersimulationen gibt die neue BBC-Fernsehdokumentation "Kampf ums Leben" nie zuvor gesehene Einblicke in den Abwehrkampf unseres Organismus. Zu sehen ist sie nun auf Vox. Von Cornelia Fuchs

Der Arzt beugt sich über einen Patienten. Mithilfe des Computers wurden beide durchsichtig©

Sirenen heulen, die Kamera verfolgt einen Krankenwagen aus der Vogelperspektive durch ein Gewirr von Straßen, immer näher kommt sie den blinkenden Lampen auf dem Dach. Eine blaue Kühlbox wird im Wageninnern sichtbar, sorgsam angeschnallt. Die Kamera zoomt sich in den blauen Kasten, ein menschliches Herz liegt dort auf Eis, ganz still. Hinein fährt die Kamera in das Organ, durch die Herzkammern, immer näher heran, bis die Muskelzellen zu sehen sind. Sie sterben.

Das Herz jagt im Krankenwagen durch London. Es soll dem neunjährigen James eingepflanzt werden. Seine Eltern sitzen voller Sorge im Warteraum des Kinderkrankenhauses Great Ormond Street. Sieben Operationen hat James schon hinter sich. Ein neues Herz ist seine letzte Chance. James liegt schon auf dem Operationstisch, sein Brustkorb ist geöffnet, sein Blut wird durch eine Herz-Lungen-Maschine gepumpt. Die Kamera fährt hinein in seinen geschwächten Körper, windet sich durch die Arterien, die sich unter dem Stress zusammengezogen haben. Es geht um Sekunden, denn dauernd sterben weitere Muskelzellen im Spenderherz in der Kühlbox, und der Fernsehzuschauer kann sehen, wie sie schwarz werden und verkümmern. Es sind Aufnahmen, die so im Fernsehen noch nie zu sehen waren.

20 Geschichten zwischen Leben und Tod

Die Herztransplantation des neunjährigen James ist eine der mehr als 20 Geschichten zwischen Leben und Tod, die in der sechsteiligen BBC-Serie "Kampf ums Leben" erzählt werden. Die Serie wird ab dem 10. Oktober immer mittwochs um 22.55 Uhr auf dem Sender Vox ausgestrahlt. Für "Kampf ums Leben" wurden völlig neue Digitalanimationen und Spezialfilmaufnahmen hergestellt, die sichtbar machen, was im Körper passiert, wenn etwas schiefgeht: unter blutenden Wunden, bei Asthmaanfällen oder der Vermehrung von Krebszellen im Körper, unsichtbar für das menschliche Auge.

Das Bild aus dem Rechner zeigt ein weißes Blutkörperchen, das die schwarzen Eindringlinge gleich vernichten wird©

Dafür haben die Mitarbeiter der BBC-Abteilung "Science" zwei Jahre lang nach Patienten in Großbritannien und den USA gesucht, die bereit waren, ihre Behandlung filmen zu lassen. Kamerateams haben in Schichtdiensten gearbeitet, um keine Phase zwischen den Vorgesprächen vor den Operationen und der Entlassung aus dem Krankenhaus zu verpassen. Die Serie geht einen Schritt weiter als andere Produktionen aus Notfallzentren und Intensivstationen. Sie geht unter die Haut.

Bilder aus Lunge und Arterie

Sie erzählt nicht nur die Geschichte von dem Säugling, dessen Lunge nach der Geburt nicht funktionieren will - sondern sie zeigt auch, wie er noch im Mutterleib das schwarze Kindspech einatmet und wie dieses seine Lunge verklebt. Es wird nicht nur die verzweifelte Suche der Ärzte nach dem Grund für den plötzlichen Kreislaufzusammenbruch eines Unfallopfers gefilmt - sondern der Zuschauer sieht gleichzeitig, wie durch den Riss in einer Arterie an der Hüfte der jungen Frau Liter um Liter Blut in den Bauchraum fließen, unsichtbar für die Mediziner.

Die Dramen in der Serie wirken so intensiv, weil sie wahre Fälle erzählen. So ist die Herzoperation für James noch längst nicht überstanden, als er den Operationssaal verlässt. Candida-Pilze nisten sich auf seiner Lunge ein. James' von Medikamenten geschwächtes Immunsystem kann diese nicht abwehren. Kaum kann der Junge noch seine Hand heben, das Atmen fällt ihm so schwer. Wieder fährt die Kamera hinein in James' Körper, zeigt, wie die Pilzsporen sich explosionsartig ausbreiten und Lungengewebe zerstören. Und dann tauchen plötzlich weiße Blutkörperchen auf, tasten sich vorwärts und beginnen, in die Masse der Pilzsporen einzudringen. James' Kampf ums Überleben hat begonnen.

Die erfolgreichsten Dokumentarfilme aller Zeiten

Die Idee zu dieser BBC-Serie entstand in einem Großraumbüro voller Monitore und Zeitschriftenstapel im Fernsehzentrum der British Broadcasting Corporation, besser bekannt als BBC. Die Menschen hier sprechen leise, die Mehrzahl schaut konzentriert auf Computerbildschirme. Hier liegt das Herzstück der Abteilung "Science", hier wurden die erfolgreichsten Dokumentarfilme aller Zeiten entwickelt, darunter "Walking with Dinosaurs". Die computeranimierte Serie über Leben und Sterben der Urviecher haben inzwischen weltweit über 400 Millionen Zuschauer gesehen. Oder "Unser blauer Planet". Dafür filmten 20 BBC-Kamerateams fünf Jahre lang an 200 Orten die unbekannte Tiefsee. Das Material war so überzeugend, dass gleich noch ein Kinofilm daraus entstand.

Der Leitsatz bei all diesen BBC-Projekten, so erklärt es die Produzentin Jessica Cecil, bleibt stets gleich: "Wir wollen den Zuschauern etwas zeigen, was sie noch nie gesehen haben." Diesmal hat das Team das Unbekannte im kranken menschlichen Körper gefunden, der gegen lebensbedrohliche Situationen kämpft.

Bevor eine solche Dokumentarfilmidee in die engere Auswahl kommt, muss sie noch weitere eiserne Grundsätze erfüllen. Sie soll im multinationalen Großbritannien ebenso für die englische Familie in Bath wie für die pakistanische in Bradford interessant sein. Sie soll emotional berühren, spannend und absolut neu sein und am besten auch noch innovative Erzähltechniken ausprobieren.

Für die Serie "Kampf ums Leben" war den Produzenten deshalb wichtig, dass die Spezialeffekte nicht im Mittelpunkt stehen. Es ging um die menschlichen Schicksale hinter medizinischen Ereignissen. Und um eine möglichst präzise Darstellung der Vorgänge in den Körpern der Patienten. Bei der Umsetzung half der BBC ihr guter Ruf bei Wissenschaftlern und Ärzten. Die wissen, dass die Dokumentarfilmer jede Aufnahme akribisch überprüfen lassen. Bei den Reisen für die Serie "Unser blauer Planet" zum Beispiel waren Wissenschaftler wochenlang mit den Kamerateams vor Ort in der Antarktis unterwegs.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 41/2007

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