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20. Januar 2010, 19:30 Uhr

Wie mit Haitis Leid betrogen wird

Onlinebetrüger sind schnell. Nur wenige Tage nach dem Erdbeben in Haiti haben Abzocker ihre Methoden angepasst. Sie locken gutgläubige Menschen in die Falle, zweigen Spenden ab oder verteilen Viren. Von Ulf Schönert

Haiti, Spenden, Abzocke, Betrug, Scareware

Die Bereitschaft der Menschen, Haiti durch Spenden zu helfen, lockt auch Betrüger an© Olivier Laban-Mattei/AFP

Es klingt wie ein verzweifelter Appell: "Vor ein paar Tagen habe ich meine Eltern bei dem schrecklichen Erdbeben verloren", schreibt "Janet Jones aus Port-au-Prince", 24 Jahre alt. "Als ich auf dem Schulweg war, sah ich unser Haus einstürzen und seitdem kann ich meine Eltern nicht wiederfinden." Nun sei sie auf sich allein gestellt, niemand helfe mit Unterkunft und Essen. "Bitte versuchen Sie mir irgendwie zu helfen", fleht sie. Auch kleine Spenden seien willkommen. "Seien Sie gesegnet", schließt sie ihre E-Mail. "Janet."

Mails von "Janet" und anderen vermeintlichen Haiti-Opfern laufen in diesen Tagen zu Tausenden in den Eingangsfächern von E-Mail-Programmen und sozialen Netzwerken in aller Welt ein. Sie appellieren an das Mitleid ihrer Leser, berichten von schrecklichen Schicksalen und rufen immer wieder zu Spenden auf: "Retten Sie noch heute ein Leben", heißt es da, und immer wieder "Gott segne Sie."

Tatsächlich aber gibt es "Janet" und die anderen Mail-Absender gar nicht, ihre Geschichten sind frei erfunden. Betrügerische Online-Kriminelle setzen die herzzerreißenden Geschichten lediglich als Köder ein, um gutwillige Spender auszunehmen oder überteuerte Software-Abos zu verkaufen.

Niemals über Dritte spenden

Hilfsorganisationen, Banken, Software-Hersteller und das FBI warnen inzwischen vor den skrupellosen Dieben. "Seien Sie skeptisch, wenn sich Einzelpersonen, die sich als Erdbeben-Überlebende ausgeben, bei Ihnen per E-Mail oder über soziale Netzwerke melden", schreibt das FBI auf seiner Webseite und rät, Spenden stets direkt bei der Hilfsorganisation abzugeben und niemals über Dritte.

Doch auch an diesem Punkt setzen die Betrüger an. Inzwischen sind schon gefälschte Websites und E-Mails von erfundenen Hilfsorganisationen aufgetaucht, die von denen echter Helfer kaum zu unterscheiden sind. Andere geben sich sogar direkt als Angehörige echter Hilfsorganisationen aus. An ihren Mails und Webseiten stimmt alles - außer der Bankverbindung. Auf diese Weise haben schon Mitarbeiter der "Haiti Students Union" illegal Geld gesammelt, und auch falsche Rotkreuz-Mitarbeiter sind im Netz unterwegs. Dabei nutzen die Täter geschickt die Anonymität des Internets aus: E-Mail-Absenderadressen und Internet-Seiten sind schnell gefälscht, Spuren schnell verwischt.

So professionell verhalten sich die Cyber-Kriminellen inzwischen, dass in England bereits echte Spendenkonten vorsorglich gesperrt wurden, weil die automatischen Warnsysteme der Banken sie fälschlicherweise für Betrugsversuche gehalten hatten.

Geschäft mit der Angst

Das große Interesse an der Katastrophe von Haiti nutzen Betrüger außerdem für eine weitere raffinierte Masche. Sie präparieren Internet-Seiten mit so genannter "Scareware" (zusammengesetzt aus "scare", engl. Angst, und Software). Dazu benutzen sie Bilder und Nachrichten aus der Katastrophenregion, die schnell die Aufmerksamkeit vieler Internet-Surfer auf sich ziehen, was wiederum dafür sorgt, dass die Seiten in den Google-Trefferlisten schnell ganz weit oben stehen.

Doch die angeblichen Info-Seiten sind manipuliert: Wer sie besucht, erhält eine gefälschte Sicherheitswarnung ("Ihr Computer hat 74 Sicherheitslücken" oder "Ihr PC ist mit einem Virus infiziert"). In einem nächsten Schritt bekommt der Surfer die Möglichkeit, alle angeblichen Sicherheitslöcher "mit einem einzigen Klick" zu beseitigen.

Doch wer den Rat befolgt, hat verloren. Denn das angebotene Antiviren-Programm beseitigt nicht etwa die Schadsoftware, sondern ist selbst eine. Nicht nur, dass man sie - ähnlich einem Virus - kaum wieder los wird, wenn man sie sich einmal eingefangen hat. Sie ist gleichzeitig eine teure Abo-Falle, die gut und gerne 50 Euro kosten kann.

Wer sich vor solchen Abzockern schützen will, sollte nie ohne ein - echtes - installiertes und aktualisiertes Antiviren-Programm ins Internet gehen, denn die erkennen ihre bösartigen Zwillinge in aller Regel. Wichtig ist nur, dass man den Schutz dort kauft, wo man sich sicher fühlt: entweder in einem Online-Shop, dem man vertraut, oder - noch sicherer - im Laden, auf CD.

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Von Ulf Schönert
 
 
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