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Wissen für alle

Das Ziel des kostenlosen Online-Lexikons Wikipedia: Wissen für alle. Fast 700.000 Schlagwörter werden allein in der deutschen Ausgabe erklärt - von einem Heer Freiwilliger. Funktioniert dieses Prinzip? Kann so Qualität entstehen? Der stern erzählt die Geschichte eines gigantischen Erfolges und hat 50 Artikel prüfen lassen.

Von Horst Güntheroth und Ulf Schönert

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Horst Güntheroth und Ulf Schönert

Die "Schachnovelle". Die wohl bekannteste Erzählung von Stefan Zweig war Thema im Deutschunterricht der neunten Klasse am Potsdamer Hermann-von-Helmholtz-Gymnasium. Erst mal wollte Lehrerin Bettina Kondrjakow checken, ob die Schüler das Stück zu Hause wirklich gelesen hatten. Auf einem Bogen Papier sollten die Jugendlichen Fragen zum Inhalt beantworten.

Nach einer Viertelstunde sammelte die Lehrerin ein. Das Ergebnis: Fünf der 25 Schüler konnten zwar irgendwie "mitreden", aber den Text hatten sie nie gelesen. Dank eines Tricks war Kondrjakow den Faulpelzen auf die Schliche gekommen: "Ich hatte mir vorher auf meinem PC angeguckt, was das Online-Lexikon Wikipedia zur 'Schachnovelle' schreibt. Und dann habe ich ein paar Fragen gestellt, auf die man dort keine Antworten findet." Genau bei diesen kamen die fünf Schummler ins Straucheln. Klarer Fall: Anstatt stundenlang die 109 Seiten des Taschenbuchs zu schmökern, hatten sie vermutlich schnell die Zusammenfassung bei www.wikipedia.de durchgesehen.

Schüler lieben Wikipedia

"So haben sie sich nicht nur um ein großes Lesevergnügen gebracht, sondern auch um eine gute Note", sagt Kondrjakow. Dabei bescheinigt die Lehrerin dem Eintrag "Schachnovelle" in Wikipedia viel Gutes: "Ordentlich gemacht, vielschichtig." Lob spendet sie dem Nachschlagewerk auch im Allgemeinen. "Ich arbeite selbst ganz gerne damit, es ist prima, um sich aufs Erste zu informieren und zu orientieren." Genauso handhaben das auch schlaue Schüler. Doch für manchen ist es eben auch eine große Verführung: Hier findet man blitzschnell, faktenreich, auf aktuellstem Stand, übersichtlich gegliedert und meist ansprechend geschrieben zu jedem Schlagwort, was Herz oder Lehrer begehren. Das spart für Referate und Hausarbeiten langes Suchen und mühsames Zusammenstellen aus anderen Quellen. Schüler lieben Wikipedia. Alle lieben Wikipedia.

Die Rede ist vom universellen Lexikon der Neuzeit, dem größten Wissensprojekt aller Zeiten, einer weltweiten virtuellen Faktensammlung. Der Name setzt sich zusammen aus "Wiki", dem hawaiianischen Wort für "schnell", und dem englischen "Encyclopedia" für Enzyklopädie. Wer immer auf dem Globus einen Internetanschluss hat, sei es in einem Büro des Empire State Building oder im arabischen Beduinenzelt, kann sie kostenlos nutzen. Nie war es einfacher, an Informationen zu kommen.

Studenten und Redakteure, Pressesprecher und Redenschreiber, Werbetexter und Buchautoren bedienen sich bei dem globalen Wissensschatz. Patienten informieren sich über Krankheiten, Theaterbesucher suchen Infos zu Dramen und Komödien, Musikfans finden Persönliches zu jedem Mitglied einer Band, Touristen studieren Urlaubsländer und Sehenswürdigkeiten, Tierfreunde stöbern nach Hunde oder Katzenrassen, Jobsuchende beschaffen sich Verwertbares über die Firma fürs Vorstellungsgespräch. Wikipedia brummt: Mehr als vier Milliarden Mal am Tag wird auf die Server zu gegriffen; längst hat sich das Angebot einen festen Platz unter den Top Ten der meistbesuchten Internetadressen erobert, fast auf Augenhöhe mit den Netzgiganten Google, Ebay oder Amazon. Mittlerweile gibt es die Online-Enzyklopädie in mehr als 250 Sprachen, sogar in Cherokee und Esperanto. Die englische Version hat derzeit über zwei Millionen Artikel; die deutschsprachige, zweitgrößte, inzwischen einen Umfang von fast 700.000 Schlagwörtern, mehr als doppelt so viele wie der gedruckte große "Brockhaus". Und täglich wächst das kosmische Kompendium weiter. Allein 500 deutsche Neueinträge kommen jeden Tag hinzu, ungezählte Artikel werden ergänzt oder korrigiert.

Das Ziel: alles Wissen kostenlos verfügbar machen

Wer leistet diese Riesenarbeit? Die Antwort: alle! Das ist der Clou von Wikipedia: Jeder, der will, kann an jedem Artikel mitschreiben. Und ein Heer von Nutzern tut es, legt neue Beiträge an, korrigiert und erweitert Existierendes. So entstehen Schlagwörter und Informationen wie am Fließband. Das hehre Ziel der vielen Freiwilligen: alles Wissen dieser Welt kostenlos für jeden verfügbar machen. Denn hinter dem Online-Lexikon steckt keine Firma, es gibt weder Nutzungsgebühren noch Werbung. Eine gemeinnützige Stiftung, finanziert allein durch Spenden von Privatleuten und Firmen, bezahlt den Betrieb der weltweit drei Rechenzentren.

Weil sich die vielen Autoren gegenseitig kontrollieren, weil jeder jeden verbessern kann, so die Theorie, sind die Artikel am Ende sachlich korrekt. Andererseits: Wenn Hinz und Kunz mitwurschteln, so die schwerwiegenden Bedenken, kann das für die Qualität nur üble Folgen haben. "Wiki- Fehlia" titulierte denn auch "Bild" und prangerte mit diversen Beispielen die "Unzuverlässigkeit" des Internetlexikons an. Andere Kritiker, wie der ehemalige Chefredakteur der berühmten "Encyclopaedia Britannica", Robert McHenry, vergleichen die unliebsame Online-Konkurrenz mit einer öffentlichen Toilette. In beiden Fällen habe der Nutzer keine Ahnung, wer zuvor dort war und welchen Dreck er hinterlassen hat.

Doch diese Befürchtungen verblassen im Licht der Realität. Der stern hat jetzt in einem Test 50 Schlagwörter aus allen Themenfeldern geprüft: Sind sie inhaltlich korrekt, vollständig, verständlich und aktuell? Können sie im Vergleich zur kostenpflichtigen Online-Ausgabe des renommierten "Brockhaus" (siehe Tabelle Seite 38) bestehen? Das Ergebnis ist ein eindeutiger Erfolg für Wikipedia: 1,7 lautet die Schulnote für die Einträge dort im Durchschnitt. 43 der 50 getesteten Artikel wurden besser bewertet als die zu den gleichen Themen im "Brockhaus". Allenfalls ein wenig zu ausschweifend und zu lang fanden die Tester einige Beiträge - man merkt wohl, wenn mehrere Autoren dahinterstecken. Beim "Brockhaus" dagegen war etwa beim Startenor Luciano Pavarotti am Testtag, dem 2. Dezember, noch immer nicht vermerkt, dass dieser schon am 6. September gestorben war. Zu unvollständig und zu wenig aktuell, so lautete die Kritik der Experten - 2,7 war die Durchschnittsnote. Dabei war ursprünglich das traditionelle Lexikonprinzip genau das, was der Wikipedia-Gründer Jimmy Wales im Jahr 2000 vor Augen hatte. Der Ex-Börsenhändler, Internetbusinessmann und Millionär aus Huntsville im US-Bundesstaat Alabama hatte wieder mal eine neue Geschäftsidee: Unter dem Namen "Nupedia" gründete er ein Lexikon, das es zwar ausschließlich im Internet geben sollte, aber eine normale Redaktion hatte und von Fachautoren verfasst wurde. Als die allerdings nach mehr als einem Jahr noch nicht mal 100 Artikel fertig hatten, wollte Wales "Nupedia" wieder beerdigen. Da schlug sein Mitarbeiter Larry Sanger vor, das Konzept völlig umzubauen: Fortan sollte jeder Internetsurfer mitschreiben dürfen. Aus der Not heraus entstand die Wikipedia- Idee.

Auch die wichtigste juristische Frage wurde geklärt: Wem gehört diese Arbeit von jedermann? Alle Inhalte wurden unter eine "freie Lizenz" gestellt: Sie sind niemandes Eigentum, jeder kann sie beliebig nutzen und kopieren. "Das war möglicherweise die dümmste Entscheidung meines Lebens - oder die klügste", erinnert sich der Gründer (siehe Interview Seite 44). Mehrere Hundert Millionen Dollar wäre Wikipedia wert, wenn man es kaufen könnte. Doch für das Online-Lexikon war die Öffnung für alle das Beste, was passieren konnte: Schon zwei Jahre später hatte es den Umfang der "Encyclopaedia Britannica" eingeholt.

Kurz nach dem Start in den USA ging am 12. Mai 2001 auch die deutschsprachige Ausgabe online - mit dem Begriff "Polymerase-Kettenreaktion", geschrieben vom Kölner Biologen Markus Manske. Schnell erfasste das Wikipedia-Fieber unser Land, und mehr denn je grassiert die Mitmach-Epidemie. Ein unüberschaubarer Trupp von ehrenamtlichen Artikelverfassern ist am Werk. So gibt es Nutzer, die nur einmal anonym die Option "Seite bearbeiten" anklicken und ein falsch gesetztes Komma korrigieren. Andere wiederum fangen Feuer, registrieren sich unter einem Pseudonym oder mit richtigem Namen: Laien und Experten, Einfaltspinsel und Juxbolde, Klugscheißer und Erbsenzähler. Ein skurriles Spektrum.

Zur Schar der ernsthaften Aktivisten gehört seit drei Jahren Jaan-Cornelius Kibelka. Drei bis vier Stunden täglich - "in den Ferien länger" - hockt der 18-jährige Schüler aus Berlin für Wikipedia vorm Computer, weil er "süchtig" sei. Seine Themenbereiche sind "Portugal" (er war dort zehn Monate Austauschschüler), "Berlin" (er jobbt als Stadtführer) und vor allem "U-Bahnen". Er hat ein Bücherregal voll mit Literatur über Untergrundbahnen, zudem ist er Dauergast in der Stadtbibliothek. "Hauptsächlich Geschichte und Architektur von den Metros auf der Welt interessieren mich", sagt Kibelka.

Manch ein Autor ist regelrecht "süchtig"

So fährt er schon mal ein Wochenende nach Budapest oder Wien, um sich dort die Unterirdischen anzugucken. Neulich, erzählt er stolz, saß er in München bei der Einweihung eines neuen Streckenabschnittes im Eröffnungszug mit dem Bürgermeister. 70 bis 80 komplette Artikel über U-Bahnen, schätzt der Schüler, hat er mittlerweile verfasst. "Und wenn ich Zeit habe, arbeite ich Berliner U-Bahnhöfe ab", sagt Kibelka. Es gibt 170. Ein anderer aktiver Autor ist Bernd Brägelmann. Der 32-Jährige praktiziert im Sankt-Augustinus-Krankenhaus in Düren als Assistenzarzt in der Röntgenabteilung. Nach Feierabend macht er bei Wikipedia mit - aus Idealismus. "Wissen sollte frei für alle verfügbar sein", sagt er. "Das gilt auch für medizinisches Fachwissen." Er schreibt über Radiologie, Karzinome, Embolien, Chemotherapie und das Noro-Virus. Medizin bei Wikipedia - das kann ein enormes Risiko sein: Was passiert, wenn irgendein Quacksalber eine falsche Therapie vorschlägt? Oder ein Spaßvogel eine überhöhte Medikamentendosierung? Die Online-Infos als Anleitung zum Handeln oder Beipackzettel zu verstehen, wäre wirklich "nicht ungefährlich", sagt Brägelmann. Einen haarsträubenden Fehler hat er jedoch selbst nach drei Jahren regelmäßiger Mitarbeit "noch nie gefunden". Zudem gebe es auf jeder Seite, die mit Gesundheit zu tun hat, eine Warnung. "Sie sollten Informationen aus der Wikipedia niemals als alleinige Quelle für gesundheitsbezogene Entscheidungen verwenden", heißt es da.

Doch die Online-Bibliothek hat auch Experten für leichtere Themen. Juliana da Costa José zum Beispiel. Die 31 Jahre alte Wahlberlinerin arbeitete als Prostituierte bei einem Escort-Service und in einem Bordell. In Wikipedia schreibt sie jetzt über Themen wie Sexualität, Fetischismus und Feminismus. Vor drei Jahren stieß sie beim Internetsurfen auf den Artikel über Prostitution. "Da standen lauter Klischees drin", sagt da Costa José. Weil sie gerade Zeit hatte, begann sie, den Beitrag zu verbessern. Und blieb bei Wikipedia. Inzwischen schreibt sie auch gern über Filmund Fernsehthemen, über U-Boote, über "Schlachtfest", Abortfetischismus und den Schiffsbohrwurm. Die gebürtige Münchnerin ist längst nicht die einzige Sexspezialistin bei Wikipedia, aber eine der wenigen, die unter ihrem echten Namen auftritt. "Ich habe nichts zu verbergen", sagt sie. "Der Experte für Bondage und Sadomaso bleibt aber lieber anonym, weil er ein bekannter Unternehmer ist."

Immer ist irgendjemand auf der Hut

Ob Countrymusik oder Investiturstreit, Edelsteine oder mittelalterliche Schnitzereien, Transurane oder Raumschiff Enterprise, Indianer oder Faultiere - irgendwo gibt es für alles einen intimen Kenner, der mitmacht beim digitalen Gemeinschaftsprojekt. Und immer ist irgendjemand auf der Hut. Ereignet sich ein Erdbeben, fällt ein Tor, heiraten zwei Prominente: Meist steht es innerhalb weniger Minuten im entsprechenden Stichwort. So werden auch die Fehler, die im stern-Test aufgelistet sind, sicher schon kurz nach Erscheinen dieses Hefts korrigiert sein. Mit jeder solchen Ergänzung, "Edit" genannt, bekommt das Lexikon ein neues Gesicht. Wikipedia lebt.

Warum all die unterschiedlichen Leute immer wieder freiwillig zusammenfinden zur großen Kollaboration im Internet, ist das eigentliche Faszinosum des Online-Projektes. Sicher gibt es eine Fülle ganz persönlicher Mitmach-Motive, doch ist es vor allem das Gemeinschaftsgefühl, das verlockt und bindet: der Wikipedia-Kult. Eine eigene Welt haben sich die "Wikipedianer" - geschätzte 80 Prozent Männer - aufgebaut, und jeder kann zu ihr stoßen, der möchte. Alle duzen sich. Neulinge werden von erfahrenen Nutzern manchmal persönlich begrüßt und betreut. Man mailt sich Bilder von Blumen, wenn man "Danke" sagt. In einer fremden Stadt geht man nicht ins Hotel, sondern übernachtet bei einem Wiki-Kumpel.

Die Online-Jünger haben eine Büchertauschbörse und einen Recherchedienst eingerichtet. Sie treffen sich zu Stammtischen, verabreden sich zu Themen-Spaziergängen, veranstalten Partys, auf denen sich auch schon mal ein Wikipedia-Pärchen findet. Manche lesen gemeinsam Bücher und tauschen sich per PC darüber aus. Wenn ein Autor stirbt, so wie der in der Gemeinschaft hoch geachtete "Seebeer", wird ihm eine eigene Seite als Kondolenzbuch eingerichtet. Ob sich hinter einem Autorennamen ein Mann oder eine Frau verbirgt, ein Jugendlicher oder ein Rentner, ein Hartz-IV-Empfänger oder ein C4-Professor, spielt keine Rolle. Alle sind erst einmal gleich. Das musste selbst Gründer Jimmy Wales kürzlich erfahren, als er einen neuen Artikel über ein Restaurant anlegte. Der wurde von einem 19-Jährigen gelöscht, wegen "Irrelevanz". Anarchie also? Nicht ganz.

Denn manche Schreiber sind gleicher als andere: die Administratoren, kurz "Admins" genannt. Sie haben besondere Rechte, dürfen Einträge löschen und Seiten überwachen. Sie bestimmen die Richtung des Projekts. Admin wird nur, wer sich lange aktiv beteiligt hat. Über neue Kandidaten stimmen die Autoren mit der meisten Erfahrung ab. "Meritokratie" sagen die Wikipedianer dazu: Wer genügend Verdienste, "Meriten", erworben hat, entscheidet. Jürgen Lüdeke aus Berlin ist ein Admin, Benutzername: "YourEyesOnly". Der 43-jährige Diplomchemiker und EDV-Dienstleister wacht über Änderungen auf den Wikipedia-Seiten. "Das kann ich ganz gut nebenbei machen", sagt der Selbstständige, der schon von Berufs wegen die meiste Zeit am PC verbringt. Er ist beim Online-Lexikon aktiv, seit er im Juli 2006 bei der Suche nach einem Stichwort einen Fehler entdeckt hatte - und ihn korrigierte. Schon in aller Herrgottsfrühe checkt Lüdeke die Beobachtungslisten auf seinem Bildschirm, sie zeigen alle letzten Änderungen an sämtlichen Stichwörtern. "Um 7.30 Uhr werden die Schüler aktiv", berichtet er, "dann wird in alle möglichen Artikel 'ficken' reingeschrieben oder ähnlicher Quatsch." Vandalismus nennen die Wikipedianer so etwas. "Das setze ich sofort zurück."

Manche Stichwörter sind heiß umkämpft: Bei "Osho" lieferten sich kürzlich zwei Autoren einen regelrechten Krieg. Der eine wollte den indischen Bhagwan verherrlichen, der andere sah ihn kritisch. So wurde hin und her geändert. Immer wieder. Lüdeke: "Ich hab den Artikel für mehrere Tage gesperrt, dann war erst einmal Ruhe." Genauso verfuhr er mit dem Stichwort "Passivrauchen". "Da schrieb plötzlich jemand rein, dass das gar nicht gefährlich ist", erzählt der Wikipedia- Wächter, "ich habe herausbekommen, dass der Typ auch in Raucherforen aktiv war, wo er andere aufforderte, ebenfalls die Seite zu verharmlosen. Keine Chance." Die Bilanz von "YourEyesOnly" in bisher siebenmonatiger Admin-Tätigkeit: 3300-mal Nutzer gesperrt, 7200 Einträge gelöscht. Und er ist nur einer von Dutzenden Aufpassern.

Konflikte nämlich gibt es ohne Ende. Probleme machen auch Lobbyisten und PR-Leute. Selbst Mitarbeiter von Parteizentralen und Abgeordnetenbüros schreiben eifrig mit - am intensivsten in Wahlkampfzeiten. Sie setzen Politiker aus dem eigenen Lager in ein günstigeres Licht, radieren Negatives aus oder diffamieren Ikonen der Konkurrenz. So fummelten CDU-Leute am Eintrag über Johannes Rau herum, SPD-Leute beim CSU-Mann Markus Söder. Da hieß es plötzlich: "In seiner politischen Arbeit tritt er für die Rettung der Mainzelmännchen, Kruzifixe in Klassenzimmern und Ausgehverbote für Jugendliche ein." Dass solche Tricks neuerdings auffliegen, liegt an einer Spezialsoftware namens "Wikiscanner". Die kann relativ präzise zuordnen, von welchen Rechnern aus Manipulationen vorgenommen werden - selbst dann, wenn sie anonym erfolgen. So fand der Wikiscanner heraus, dass auch Scientologen bei Wikipedia mitmischen, dass Angestellte von Pharmakonzernen die eigenen Medikamente verherrlichten und von einem RWE-Rechner aus geschrieben wurde, ein Störfall im AKW Biblis habe "wieder einmal bewiesen, dass das Kraftwerk sehr sicher ist und hervorragend arbeitet".

Die Administratoren entscheiden, was bleibt

Ein erbitterter Kampf herrscht darüber hinaus auf ideologischen Schlachtfeldern. Ob Hitler oder Homöopathie, globale Erwärmung oder Astrologie, Kosovo oder Islam - längst ist diesen und vielen anderen Schlagwörtern ein Riegel vorgeschoben, der Menüpunkt "Seite bearbeiten" gesperrt. Wer hier etwas beitragen will, kann es lediglich versuchen - über das Menü "Diskussion". Dort kann jeder über den Beitrag diskutieren. Am Ende entscheidet ein Administrator, ob er die Änderung zulässt.

Die enorme Kraft des Kollektivs entfaltet sich auch anderswo: So gibt es Rezeptewikis und Reisewikis, "Athpedia" für Atheisten oder "Kathpedia" für Katholiken. Der Musikservice Last.fm lässt seine Hitparaden und Veranstaltungstipps von Nutzern erstellen. Der deutsche Internetdienst Qype bekommt seine Restaurantund Shoppingtipps gratis von freiwilligen Internetsurfern geliefert. Längst versuchen Soziologen, den Erfolg der "Schwarm-Intelligenz" zu ergründen. So schrieb der US-Autor James Surowiecki ein Buch namens "Die Weisheit der Vielen" über die kognitiven Leistungen von Gemeinschaften. Er hat herausgefunden, dass eine willkürlich zusammengestellte Gruppe ganz normaler, durchschnittlich begabter Leute oft exaktere Voraussagen trifft als ein einzelner Experte.

Doch keineswegs jeder teilt diese Euphorie. Ausgesprochen skeptisch etwa sieht Ulrich Fuchs das selbst gemachte Online-Lexikon. Bis 2004 war der Bochumer EDV-Berater und Software-Entwickler selbst einer der aktivsten Autoren und Administratoren, dann hat er sich enttäuscht von Wikipedia abgewendet. "Das System mit der großen Offenheit und den wenigen Richtlinien funktioniert nicht wirklich gut, die meisten schreiben einen Wust von unwichtigem Zeugs und Details." Es gelte das alte Sprichwort: Je mehr Köche, desto schlechter der Brei. "Es gibt eine Reihe von Artikeln, die durch kollektive Mitarbeit nachweislich verflachen", wettert Fuchs. Er hat zum Gegenschlag ausgeholt. Und der heißt "Wikiweise", eine ebenfalls freie Online-Enzyklopädie, bei der sich allerdings jeder Autor registrieren lassen muss und jeder Artikel eine Redaktion passiert. Nachteil: Die Zahl der Schlagwörter wächst schleppend, 5000 sind es nach drei Jahren.

Ähnlich sieht das Klaus Holoch vom Mannheimer Brockhaus-Verlag. Er findet das Wikipedia-Prinzip zwar interessant, aber ein "Lexikon" sei das nicht: "Es ist beliebig und nicht geprüft. Wir arbeiten mit 70 Redakteuren und 1000 Fachleuten, das garantiert eine hohe Sicherheit. Die wird Wikipedia niemals schaffen. Es wird immer Leute geben, die da was Merkwürdiges reinschreiben." Dass bei den Verkäufen des 30-bändigen "Brockhaus" trotz der freien Online-Konkurrenz keine Rückgänge zu verzeichnen sind, erklärt Holoch mit der grundverschiedenen Klientel; "Brockhaus"-Käufer schätzten das gedruckte Buch und würden gern bei einem Glas Rotwein in einem Band blättern.

Die Gemeinde der Wikipedianer sieht selbst Verbesserungsbedarf - wobei am offenen Grundprinzip aber so wenig wie möglich gerüttelt werden soll. Weil über fast alles schon geschrieben worden ist, müsse sich die Arbeit nun auf das Verbessern und Aktualisieren des Bestehenden konzentrieren. "Darüber hinaus werben wir intensiv kompetente Autoren", sagt Arne Klempert, Geschäftsführer des Vereins "Wikimedia Deutschland", dem hiesigen Ableger der US-Stiftung. "Wir gehen gezielt an Unis und sprechen Experten an."

Bald wird das Wissen "gesichert"

Größere Geschütze auffahren will das Online-Lexikon auch gegen den lästigen Vandalismus: Im englischen Bereich dürfen nur registrierte Autoren neue Einträge verfassen, anonyme Schreiber können allenfalls Korrekturen vornehmen. Auch gibt es Überlegungen, Textänderungen künftig nur noch zeitversetzt sichtbar werden zu lassen. Dadurch bekommen Administratoren die Möglichkeit, Falsches zu löschen, bevor es online sichtbar wird. Bereits beschlossen ist, dass in der deutschen Wikipedia demnächst "gesicherte Versionen" eingeführt werden. Das sind Artikel, die nach allgemeiner Ansicht "fertig" sind und nur noch dann geändert werden sollen, wenn es zum Thema wirklich etwas Neues gibt. Von wichtigen Stichwörtern werden dann zwei Versionen parallel existieren: eine "offene", an der weiter geschrieben wird, und eine überprüfte, aber für Änderungen gesperrte "Version 1.0". So oder so will das Schippern durchs klippenreiche Wikipedia-Meer gelernt sein. Besonders an Unis und Schulen, wo die Nachfrage nach dem Wissen dieser Welt am größten ist, besteht Gefahr, auf Grund zu laufen. "Unter Kollegen wird höchst kontrovers diskutiert, ob und inwiefern Wikipedia für schulische Aufgaben als Quelle überhaupt zugelassen werden soll", sagt Uwe Klemm, Lehrer am Jenaer Angergymnasium und medienpädagogischer Fachberater. "Die Meinungen reichen von vorbehaltloser Begeisterung bis zu resoluten Verboten. Es gibt Schulen, die die Nutzung des Online-Lexikons für Schülervorträge und Seminarfacharbeiten strikt untersagen." Nicht nur wegen möglicher Inhaltsfehler, sondern weil Schüler massenhaft aus den Einträgen direkt in ihre Arbeiten kopieren. Selbst Studenten schrecken bei Examensarbeiten davor nicht zurück.

"Verbote machen aber keinen Sinn", sagt der Jenaer Lehrer, "wir müssen den Schülern Informationskompetenz beibringen." Das heißt: Sie müssen lernen, mit Wikipedia umzugehen. Und zwar kritisch. Klemm: "Sie müssen wissen, wie Wikipedia gemacht wird, sie müssen auch die Diskussionsseiten zu einem Artikel lesen, um mögliche Konflikte hinter dem Geschriebenen zu sehen. Und vor allem müssen sie lernen, Wikipedia und andere Internetseiten auf keinen Fall als einzige Informationsquellen zu nutzen." Selbst dann sind nackte Informationen eben nicht alles. Den ganzen Zauber einer "Schachnovelle" erfährt doch nur, wer das Buch von der ersten bis zur letzten Zeile liest. Und dafür gibt es dann sogar noch eine gute Note.

Mitarbeit: Jessica Schweke

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