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Hören, wann die Erbsen gar sind

Können Blinde kochen? Brennt der Braten an, wenn man nichts sehen kann? Einer der besten Küchenchefs Deutschlands, Michael Hoffmann vom "Margaux" in Berlin, hilft - mit einem grandiosen Kochbuch.

Von Anja Lösel

Wie merkt man, ob das Fleisch kross ist und das Gemüse durch? Wie misst man 50 Gramm Mehl ab? Und woran kann man erkennen, ob der Salat noch frisch ist oder schon ein paar braune Stellen hat? Für Blinde sind das schwierige Fragen.

Sternekoch Michael Hoffmann, der sich mit seinen grandiosen vegetarischen Menüs längst an die Spitze der Zunft gekocht hat, stellte sich diesen Problemen und erarbeitete das erste Kochbuch für Blinde und Sehende. Es ist ein sinnliches Buch geworden, in dem es um Schmecken und Tasten geht, um Gerüche und Geräusche.

Über eine Millionen Blinde gibt es in Deutschland. Roswitha Röding, 72, ist eine davon. Mit sieben Jahren bekam sie Diphterie und Scharlach, seitdem kann sie nicht mehr sehen und nur schlecht hören und riechen. Kochen und essen mag sie trotzdem gern. Nun steht sie in Michael Hoffmanns Restaurant "Margaux" Unter den Linden und blättert im druckfrischen Buch "Trust and Taste". Blitzschnell gleiten ihre Finger über die Braille-Schrift, die in die Seiten gestanzt ist. Für Sehende ist das nur ein hübsches Muster, für Blinde lebensnotwendiger Informationsträger. Plötzlich lacht sie. "Feiner Erbsenschaum mit grünem Spargel. Sechs Erbsen. Die werden tatsächlich abgezählt", amüsiert sie sich.

Abwaschbare Buchseiten

Aber wie sonst sollen Menschen, die nicht sehen können, Mengen abschätzen und berechnen? Roswitha Röding macht es nach Gefühl. Aber bei einem Sternekoch geht das natürlich nicht. Deshalb wird Michael Hoffmann zum Erbsenzähler oder erfindet neue Maßeinheiten wie "eine Espressotasse".

Alle Buchseiten sind abwaschbar. "Sogar das rote Paprikapulver, das man für die gefüllten Paprika braucht, ging problemlos weg", erzählt Hans Maier. Er ist Hobbykoch, Informatiker und blind, seit er als Kind einen Tumor im Kopf hatte. Für Michael Hoffmann war Maier der Praxis-Tester, jedes der Rezepte hat er nachgekocht.

Wie geht denn nun das blinde Kochen? "Ganz einfach", sagt Maier. "Aufs Fleisch tippe ich mit dem Finger, um zu prüfen, ob es gar ist." Schon mal dabei verbrannt? "Na, sie sehen ja: alle Finger sind noch dran." Und das Gemüse, verschmurgelt das nicht? "Nein. Ich kann hören, wann es gar ist. Weil zum Beispiel Pilze zu 80 Prozent aus Wasser bestehen, brutzeln sie weniger, wenn das Wasser verdampft ist und sie fertig sind. Auch wenn die Butter aufschäumt, kann ich das hören. Und wenn die Zwiebeln goldgelb angebraten sind, dann rieche ich's."

Aufgeregt wie bei der Gesellenprüfung

Michael Hoffmann hat viel gelernt aus der Zusammenarbeit mit Hans Maier. "Ich stehe seit 25 Jahren hinter dem Herd, aber so aufgeregt wie vor dem ersten Essen mit Blinden war ich zuletzt bei meiner Gesellenprüfung", sagt er. "Als Koch bin ich gewöhnt, alle Sinnesorgane einzusetzen. Aber ich habe gemerkt, das ich noch viel mehr fühlen, riechen, schmecken und sogar hören kann." Und dass Blinde ganz wunderbar kochen können.

Manches allerdings geht eben doch nicht allein. Olivenöl aus der Flasche dosieren etwa. Schmorbraten im Ofen zubereiten. Oder Eischnee schlagen. Da braucht auch Hans Maier einen Koch-Partner, der hilft und guckt. Deshalb ist das Buch für Blinde und Sehende gemacht, mit prächtigen Bildern, Texten in Normal- und Brailleschrift, einfachen, aber leckeren Rezepten wie Curryhuhn mit Früchten oder Schokoladenroyal mit Beeren. Am besten kocht es sich ohnehin zu zweit - ob blind oder nicht. Macht einfach mehr Spaß.

Trust in Taste - Kochbuch für Blinde und Sehende. Justina-Verlag München, zwei Bände, 264 Seiten + eine CD mit allen Rezepten und Koch-Musik, 125 Euro

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