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Kocht Attila Hildmann mit einem Neonazi?

Vegan-Guru, Kochbuchautor und Werbegesicht - Hildmann machte Veganismus in Deutschland populär. Jetzt versucht er, mit vermeintlichen Gangster-Kochvideos auf sich aufmerksam zu machen. Muss das sein?

Von Denise Wachter

Fuck yeah! Vegan-Guru Attila Hildmann ist seit Februar mit einem neuen Format auf Youtube vertreten - "Vegangsta.tv", die Foodporn-Cooking-Show - auf Englisch und in angeblicher Gangsteroptik. Bitte was? Ja, tatsächlich muss Attila Hildmann entweder einen Imagewechsel planen - oder aber ihm ist der Erfolg zu Kopf gestiegen.

Denn wie sonst lässt sich erklären, dass Hildmann zwar vegane Gerichte kocht, aber plötzlich englisch spricht, in jedem zweiten Satz "fucking" oder "bitches" verwendet und die Videos mit Rap-Beats unterlegt sind? Ach, nicht zu vergessen, dass Hildmann in den Intros ein Halstuch vor dem Mund trägt, genauso wie sein Kochkollege "Hippie Smasher" in Folge vier, der übrigens die Nazi-Parole "Ruhm und Ehre" auf seinen Fingern tätowiert hat. Wir wollten wissen: Was ist da los?

Lieber Herr Hildmann, jetzt mal ehrlich: "Vegangsta", ist das Ihr Ernst?
Ich verstehe Ihre Frage nicht.

Ich würde gerne wissen, was hinter Ihrer neuen Kochshow steckt. Wollen Sie provozieren, polarisieren oder ist die Show gar satirisch gemeint?


Hmmm. Also wenn Sie das so betrachten, ist das wirklich unklar, oder?

Ja, definitiv.


Was denken Sie denn? Meinen Sie, im echten Leben stehe ich in der Küche, habe ein Halstuch vor dem Mund, koch mit Butterfly und Baseballschläger und nenne die Frauen bitches?

Nein, eigentlich nicht. Deshalb möchte ich ja wissen, was es mit "Vegangsta" auf sich hat.


Also eigentlich ist es ja so: Die erfolgreichsten Food-Videos auf Youtube, wie zum Beispiel "Epic Meal Time", die haben oft pro Video mehr als 30 Millionen Klicks. Und dort wird ordentlich geflucht, Frauen degradiert und die Message lautet: "Esst so viel Fleisch wie möglich. Das ist männlich und wir haben die geilsten Frauen."

Und genau an diesen Instrumenten habe ich mich bedient, um eine Show auf Youtube international zu etablieren, die sich erst noch entwickeln und deren Format noch klar definiert werden muss. Aber dass man auch mit Dingen spielt, die es vorher so in der veganen Küche noch nicht gab - wie beispielsweise der tätowierte Strongman "Hippie Smasher", der mit mir Pralinen dreht, oder sexy Frauen, die an Eiskugeln lecken. Für mich ist das ein Kunstprojekt und ich bin verwundert darüber, dass viele das überhaupt nicht verstehen - vor allem hier in Deutschland.

Aber was möchten Sie denn mit "Vegangsta" ausdrücken?
Ich spiele eine Rolle und es ist doch eigentlich klar, dass das nicht ich bin. Das ist "Vegangsta", aber es hat nichts mit mir persönlich zu tun. Stallone würde man auch im echten Leben nicht mit Rambo gleichsetzen, Schwarzenegger nicht vorwerfen, ein Killer-Roboter zu sein. Ich verstehe auch nicht, warum ich mich nur in die Schublade "Koch" stecken lassen sollte. Ich kann viel mehr. Dass ich Ambitionen habe, in Hollywood Schauspieler zu werden, das weiß eigentlich jeder.

Achso. Das war mir nicht bekannt.


Ich bin schockiert über diese Einseitigkeit. Warum glauben Sie, dass mir nur der Stempel "Koch" zusteht? Warum kann ich nicht etwas machen, das ein wenig provokanter ist? Ich meine, keiner regt sich darüber auf, wenn 50 Cent halbnackte Frauen in seinem Musikvideo tanzen lässt. Glauben Sie, 50 Cent ist wirklich so im Privatleben? Ich nämlich nicht. Die Message in dieser Welt ist dagegen ziemlich trostlos: sei der coolste, ticke mit Drogen und hab viele "bitches". Der Kern von Vegangsta ist dagegen positiv, dennoch bedient sich die Show dieser Klischees.

Aber Sie vergleichen sich doch nicht mit 50 Cent, oder?


Warum eigentlich nicht?

Das ist Ihre Meinung. Also noch einmal: Was möchten Sie mit diesen Videos erreichen? Wollen Sie andere damit auf die Schippe nehmen und provozieren - oder was ist Ihre Intention?
Das sind einfach Inspirationen, die aktuell da sind - Sex sells einfach. Das ist auch keine Parodie, sondern das ist Teil des Konzepts. Sicherlich sind auch viele Dinge überspitzt und in Folge eins kriege ich eine Schelle dafür, weil ich die Pilze wasche. Also ganz ehrlich: Ich bin ein bisschen über die Humorbefreitheit meiner Follower schockiert. Ich nehme mich ja auch selber auf die Schippe. Das ganze Ding ist auch dafür da, andere Zielgruppen zu erreichen - die Jugend steht auf Gangsterrap und guckt auch mal 'nen Porno. Für mich sind das Stilmittel, um meine Message von veganem Bioessen und Fairtrade in die Welt zu tragen.

Und warum ist die Show auf Englisch?


Ich möchte einfach auch international eine Rolle spielen - gerade auf Youtube. Ich war gerade erst neun Wochen in Amerika und habe meine Geschichte erzählt und war TV-Gast bei CBS, NBC, ABC und so weiter. Mein Ziel ist es, in der Liga wie "Epic Meal Time" zu spielen, deshalb ist die Show auch auf Englisch.

Wie reagieren Ihre Fans in Deutschland auf "Vegangsta"?
Meinen deutschen Fans musste ich erst einmal in einem langen Facebook-Post erklären, dass ich eine Rolle spiele und eine Kunstfigur darstelle, dass das nicht Attila Hildmann ist. Die Show hat einen Shitstorm losgetreten, weil ich plötzlich gewaltverherrlichend und frauenfeindlich sein soll. Viele verstehen das nicht. Aber mein Erfolg beruht schließlich darauf, dass ich mich immer wieder neu erfunden habe. Ob das Körperkult bei "Vegan for Fit" oder Spaß bei "Vegan for Fun" oder Anti-Aging bei "Vegan for Youth" war. Oder auch, dass man als Veganer Porsche fahren darf. Natürlich gibt es am Anfang Widerstände.

Ich werde das Format noch klarer entwickeln und auch mal neue Charaktere einführen, wie die politisch korrekte Emanze oder den dürren Müslijochen. In der nächsten Folge spielt auch meine Mama mit. Sie rügt ihren Jungen für seine Ausdrucksweise - das wird eine lustige Folge!

Aber mit solchen Reaktionen hätten Sie doch rechnen müssen, oder?


Also, dass sich Menschen auf feministischen Portalen darüber aufregen, dass eine Frau an einer Eiskugel leckt - das hätte ich nicht gedacht, nein. Wenn es so einfach ist, Aufmerksamkeit zu bekommen, dann werde ich mir das auf jeden Fall für die nächsten Folgen merken (lacht).

Wie empfinden Sie diese Reaktionen? Lässt Sie das an Ihrem Konzept zweifeln?
Nein, überhaupt nicht. Ich steh voll und ganz dahinter. Denn im Nachhinein wird es sich für mich auszahlen. Mit dem Körperkult, der mir 2011 als Narzissmus vorgeworfen wurde und der Veröffentlichung meines Buches "Vegan for Fit" habe ich schließlich meine erste Millionen verdient. Das sind Erfahrungen, die man mitnimmt.

Genauso mit "Vegangsta", das ist ein Charakter, der viele Dinge möglich macht und da geht es weit über sexuelle Darstellungen und Provokationen hinaus. Es geht nämlich darum, dass man mit diesem wütenden Charakter auch Dinge bezüglich Tierhaltung sagen kann, die ich als Attila Hildmann vielleicht so nicht sagen würde. Und auf der anderen Seite generiert es hoffentlich auch so viel Aufmerksamkeit in Übersee, dass man damit natürlich auch einen Einfluss hat.

Wie wollen Sie denn in Deutschland Aufmerksamkeit generieren?


Das ist ganz einfach: Der nächste Schritt in Deutschland ist für mich eine Fastfood-Kette mit dem Namen "Vegangsta" zu eröffnen. Denn hinter diesem Konzept steht eine ganz einfache Message: koch selber, kauf Bio, lass dich nicht von Teilen der Lebensmittelbranche verarschen. Und ich möchte aufrütteln, dass man durch bewussten Konsum die Lebensmittelbranche verändern kann.

Ich bin unzufrieden mit dem Status quo, den wir hier in Deutschland haben. Ich bin nicht zufrieden, was in der Werbung gezeigt wird und wie die Lebensmittelbranche teilweise die Leute verarscht. "Vegangsta" nimmt diese ganze Wut zusammen und vermittelt mit anderen Stilmitteln, wie krank Massentierhaltung, Tiertransporte eigentlich wirklich sind. Und ich werde weitermachen, denn ein anderer Grund, warum ich "Vegangsta" drehe, ist der Spaß, den ich daran habe. Aber natürlich muss ich in die Rolle noch hineinwachsen - auch, damit die Zuschauer die Comedy dahinter besser verstehen.

Noch eine ganz andere Frage: In Folge vier tritt der "Hippie Smasher" auf, der die Nazi-Parole "Ruhm und Ehre" auf seinen Fäusten tätowiert hat. Kochen Sie mit einem Neo-Nazi?
Ähm. Also. (lacht). Andreas Hordan ist medienbekannter Strongman, der Werbung für einen Autohersteller gemacht hat, bei "Galileo" war und definitiv kein Nazi ist. "Ruhm und Ehre" sind zwei Begriffe, die in einem Nazi-Lied vorkommen. Das ist völlig richtig. Aber deswegen haben die Nazis kein Patent auf diese zwei Worte. Ich habe aktuell auch "Ruhm" und sehe mich als ehrenwerte Person. Für mich persönlich sind diese Begriffe nicht negativ konnotiert. Zumal der Bezug zur NS-Zeit auch durch ein Gerichtsurteil widerlegt wurde. Andreas hat über diesem Tattoo einen Spartanerhelm, darüber S.P.Q.R tätowiert, das für das römische Volk steht. Das ergibt doch gar keinen Sinn, dass er ein Nazi ist. Der angeblich deutsche Nazi mit italienischem Nationalstolz - was da wohl die Kameraden denken? (lacht). Andreas sieht sich als moderner Gladiator, ist mit einer russischen Frau verheiratet und hat viele multikulturelle Freunde.

Er tritt in Folge vier auf, weil er durch sein Aussehen angsteinflössend wirkt. Ich möchte, dass man dem Veganismus gegenüber Respekt entwickelt. Wer traut sich noch, Veganerwitze zu machen, wenn ihm "Hippie Smasher" gegenüber steht?

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