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Ich habe ein Jahr keinen Alkohol getrunken - diese neun Dinge habe ich gelernt

Traditionell wird Anfang des Jahres erst einmal ausgenüchtert. Zumindest für ein paar Wochen. Das reichte unserem Gastautor Anchu Kögl aber nicht. Er verzichtete ein Jahr auf Alkohol - und hat dabei einiges gelernt.

Ein Jahr ohne Alkohol

Ein Jahr ohne Alkohol: Das hat Gastautor Anchu Kögl gelernt

Ich habe es tatsächlich geschafft. Ich habe das ganze Jahr 2016 auf verzichtet. Nicht ein Schluck Bier oder Wein, keine Cocktails mit exotischen Namen, keine Gin-Tonics und keine Caipirinhas. Noch nicht einmal eine Praline mit Schnapsfüllung habe ich heimlich genascht. Ich war der einzige nüchterne Gast auf einer Hochzeit, ich habe an meinem Geburtstag mit Tee angestoßen und auf Dates alkoholfreies Bier getrunken. Ob ich stolz auf mich bin? Verdammt ja! Die meisten Menschen vergessen ihre Neujahrsvorsätze schneller als den letzten Gewinner von "Germanys next Topmodel". Für viele Menschen ist der Konsum von Alkohol so selbstverständlich wie Pornos für Jugendliche. Alkohol ist ein soziales Schmiermittel, ein Stimmungsmacher, ein Sorgenvergesser. Alkohol ist die Volksdroge Nummer eins.
Auch für mich war Alkohol lange Zeit selbstverständlich. Ob auf Parties, beim Grillen mit Freunden, auf Dates oder beim schicken Italiener um die Ecke. 

Doch was passiert, wenn man ein Jahr lang keinen Alkohol trinkt? Verändert sich etwas? In einem Satz: Ja, sogar verdammt viel.

1.  Ich habe aufgehört, davonzurennen. Wir allen haben es schon mal getan. Trinken, um zu vergessen, zu verdrängen, etwas nicht spüren zu wollen. Das Trinken hilft kurzfristig, unangenehme Gefühle und Situationen zu bewältigen.

Viele Menschen trinken – oder besser gesagt saufen – jedes Wochenende, um zu verdrängen, was für ein ödes, langweiliges und eintöniges Leben sie von Montag bis Freitag führen. Viele Männer trinken auf Partys, damit sie endlich den Mut haben, eine Frau anzusprechen. Und nicht wenige Frauen trinken vor dem ersten Sex mit einem neuen Mann, um sich besser zu entspannen.
Nur allzu gerne betäuben wir unsere Ängste mit Alkohol und benutzen ihn, um unangenehmen Gefühlen und Situationen aus dem Weg zu gehen. In dem Jahr, in dem ich nicht getrunken habe, konnte ich nicht davonlaufen. Dies war nicht immer einfach, aber es hat mir verdammt gut getan.

2. Ich bin emotional stabiler. Alkohol hat eine Menge kurzweilige Auswirkungen. Wenn wir Alkohol trinken, sind wir ungehemmter, direkter, redseliger und oftmals auch fröhlicher. In Abhängigkeit der konsumierten Menge fühlen wir uns am nächsten Tag ein wenig groggy und verpeilt oder aber auch richtig beschissen.

Doch Alkohol hat auch eine langfristige Auswirkung auf unsere Gefühlswelt. In dem Jahr, in dem nicht getrunken habe, war ich emotional deutlich stabiler. Ich hatte weniger Stimmungsschwankungen und war generell besser gelaunt.
Als ich das einem Freund aus Italien erklärte, meinte er: "Das glaub ich dir sofort. Je mehr und je häufiger ich trinke, desto düsterer werden meine Gedanken und desto schlechter fühle ich mich oftmals. Manchmal geht es sogar soweit, dass ich,  wenn ich viel trinke, das Gefühl habe, leicht depressiv zu sein." Leider vergessen wir häufig, dass Alkohol auch langfristige Folgen hat.

3. Alkohol ist eine anerkannte Droge. Eine der nervigsten Sachen im vergangenen Jahr war, anderen immer wieder zu erklären, warum man keinen Alkohol trinkt. Auf jeder Party muss man sich rechtfertigen. Und wiederholt und mit Nachdruck sagen: "Nein, ich mach heute keine Ausnahme. Und nein, ich werde auch nicht nur ein Glas mit dir trinken." Warum muss man sich dafür rechtfertigen, dass man seinen Körper und seinen Geist nicht kaputt macht? Denn letztendlich ist Alkohol eine Droge - und zwar eine gefährliche, weil sie sozialverträglich ist.

Zirca zehn Millionen Menschen in Deutschland konsumieren Alkohol in gesundheitlich riskanter Form. 1,8 Millionen Menschen sind in Deutschland alkoholabhängig. 2,6 Millionen Kinder und Jugendliche wachsen in Familien mit mindestens einem alkoholkranken Elternteil auf. Und mindestens 74.000 Menschen sterben jedes Jahr an den Folgen ihres Alkoholismus. Doch nicht nur in Deutschland wird zu viel getrunken.
Ich reise seit über vier Jahre um die Welt -  und in den allermeisten Ländern wird gerne und viel gebechert.

 4. Partys machen weniger Spaß. Ich werde hier nicht irgendeinen Mist erzählen. Ja, man kann auch nüchtern auf Partys Spaß haben. Aber genauso viel, wie wenn man trinkt? Leider nein. Und jeder, der etwas anderes erzählt, weiß schlichtweg nicht, wie man trinkt. Oder er nimmt Drogen.
Auf der anderen Seite werden die Wochenenden ohne Alkohol angenehm lang. Selbst wenn ich bis früh morgens unterwegs war, war ich am nächsten Tag spätestens um elf Uhr wach - und fit.

5. Ich habe viel Geld gespart. Da wir gerade bei Partys waren: In dem Jahr, in dem ich nicht getrunken habe, habe ich viel Geld gespart. Im Durchschnitt ein paar Hundert Euro im Monat. Nicht selten habe ich früher in einer wilden Nacht 80 bis 100 Euro ausgegeben. Hier ein Drink, dort eine Runde geschmissen - schwupp ist die Kohle weg.


6. Ich sehe besser aus. Ich habe mein Leben lang Sport gemacht und war immer einigermaßen in Form. Aber mein Waschbrettbauch sah noch nie so gut und definiert aus, wie im letzten Jahr. Und das, obwohl ich weniger Sport als je zu zuvor gemacht habe.

Alkohol hat eben eine Menge Kalorien. Und die setzen sich eben genau da an, wo man sie nicht haben will.
Abgesehen von einem flacheren Bauch, ist auch meine Haut deutlich reiner geworden. Haare sind mir allerdings nicht nachgewachsen.

7. Dating wird ehrlicher und unkomplizierter. Früher hat für mich - wie für die meisten Menschen - Alkohol zu einem Date dazugehört.
Man ist weniger gehemmt, fröhlicher und die Stimmung lockert sich. Das hilft, wenn wir dem anderen näher kommen wollen. Jemanden zum ersten Mal an die Hand zu nehmen, der erste Kuss und auch der erste Sex sind Dinge, die uns häufig Angst machen. Aber keine Sorge, dein Freund und Helfer Alkohol ist zur Stelle!
Im vergangenen Jahr hatte ich einige Dates. Doch statt mich auf Alkohol zu stützen, musste ich nun lernen, meine Ängste zu überwinden und direkter zu sein. Und das hat mein Datingleben deutlich einfacher und unkomplizierter gemacht.
8. Sex ist nüchtern besser. Früher hatte ich gerne betrunken Sex. Ich dachte, es wäre intensiver, wilder und hemmungsloser. Nachdem ich an Neujahr zum ersten Mal seit einem Jahr wieder betrunken Sex hatte, kam es mir langweilig vor. Ich spürte wenig, konnte das Ganze nicht so richtig genießen und war nicht präsent. Ich hatte das Gefühl, nicht ganz dabei zu sein und alles nur gefiltert wahrzunehmen.

Mir wurde der Unterschied besonders stark bewusst, weil ich die Frau, mit der ich im Bett war, im vergangenen Sommer kennengelernt hatte und bis zu diesem Abend immer nur im nüchternen Zustand mit ihr Sex hatte. Wenn man lernt, loszulassen, sich zu entspannen und dem anderen zu vertrauen, ist Sex im nüchternen Zustand viel lustvoller, schöner und intensiver.

9. Ich liebe die Klarheit. Nach einem heftigen Saufabend ist der nächste Tag meistens der totale Horror. Ich bin zum Glück jemand, der trotz Kater einigermaßen fit ist. Doch heftiger Kater hin oder her, spätestens am übernächsten Tag ist man wieder hergestellt  – oder man denkt es zumindest.

Wenn man Wochen beziehungsweise Monate lang keinen Alkohol trinkt, erhält man eine neue Form von Klarheit. Man sieht sich selbst und sein Leben in einem anderen Licht und es werden einem Dinge bewusst, die man vorher nicht gesehen hat - oder nicht sehen wollte.
Mit der Zeit gewöhnt man sich an diese Klarheit und wird süchtig danach. Es ist ein verdammt angenehmes Gefühl, immer voll da zu sein und das Gefühl zu haben, dass der Verstand immer mit Hochleistung funktioniert.

Werde ich in Zukunft etwas ändern?

Seit dem 1. Januar 2017 trinke ich wieder. Doch schon nach einigen Wochen Alkoholkonsum spüre ich, dass es zwar Spaß macht, aber auch negative Seiten hat. Hätte man mich vor meinem alkoholfreien Jahr gefragt, ob ich mir ein Leben ohne Alkohol vorstellen könnte, hätte ich vermutlich Nein gesagt. Jetzt sehe ich das anders.

Dennoch: Ich trinke wieder Alkohol. Und da ich gestern Abend bis drei Uhr morgens mit einer Russin erst zwei Flaschen Wein und dann noch ein paar Bier getrunken habe, schreibe ich über meine alkoholfreies Jahr verkatert. Ironie des Lebens.

Anchu Kögl arbeitet als Autor. Auf seinem Blog gibt er ungewöhnliche Lebenstipps, Dating-Ratschläge und Hilfe zur richtigen Berufswahl. Manche behaupten, er habe ihr Leben verändert, andere meinen, er wäre ein Idiot.

Anchu Kögl arbeitet als Autor. Auf seinem Blog gibt er ungewöhnliche Lebenstipps, Dating-Ratschläge und Hilfe zur richtigen Berufswahl. Manche behaupten, er habe ihr Leben verändert, andere meinen, er wäre ein Idiot.

Anchu Kögl arbeitet als Autor. Auf seinem Blog gibt er ungewöhnliche Lebenstipps, Dating-Ratschläge und Hilfe zur richtigen Berufswahl. Manche behaupten, er habe ihr Leben verändert, andere meinen, er wäre ein Idiot. http://anchukoegl.com/

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