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8. August 2011, 16:00 Uhr

Nebenwirkung Selbstmord

"Wir haben dem Arzt blind vertraut"

In die Fachinformationen und Beipackzettel ist der Warnhinweis auf die psychischen Nebenwirkungen mittlerweile aufgenommen worden. Doch Ärzte scheinen ihn nicht immer ernst zu nehmen.

"Ralf hatte eigentlich nur eine leichte Akne, die ihn auch kaum gestört hat. Doch der Arzt sagte, es sei ein gutes Mittel", erinnert sich Wolfgang Griesinger, der Freund von Ralf W. "Er erzählte mir auch, dass er den Arzt auf die Nebenwirkungen angesprochen hätte. Doch der sagte wohl, dass es nur Panikmache sei."

Ein Einzelfall ist das vermutlich nicht. "Als wir den Beipackzettel und die Liste an Nebenwirkungen gesehen haben, waren mein Sohn und ich beunruhigt, und ich riet ihm, das Mittel nicht zu nehmen. Doch der Hautarzt wiegelte ab", erinnert sich Thi Tho Pham-Tran. Er habe das Mittel immer weiter verschrieben. "Zuletzt sogar die doppelte Dosis, ohne erneute Warnung."

Anfang 2009 bekam ihr Sohn Lam-Son das Medikament verordnet, Mitte Juli 2010 sprang er vom Dach des Unigebäudes. Kurz zuvor hatte er seinen Geldbeutel verloren. Ohne Isotretinoin hätte dieser Zwischenfall nie zu einer solchen Kurzschlussreaktion geführt, ist die Mutter überzeugt. "Wir haben dem Arzt einfach vertraut, einfach blind vertraut, das hätten wir nicht gedurft", sagt sie. Gegenüber stern.de äußerte sich der Mediziner nicht.

Ärzte verordnen den Wirkstoff zu schnell

Arzneimittelexperten wie Glaeske und Becker-Brüser sind überzeugt: Ärzte greifen zu schnell zu dem gefährlichen Wirkstoff, mitunter schon bei leichter oder mittelschwerer Akne - und klären zu oft nicht hinreichend über die möglichen Nebenwirkungen auf.

5,6 Millionen Tagesdosen Isotretinoin in Tablettenform wurden laut dem aktuellen Arzneimittelreport im Jahr 2009 verordnet. "Das sind, je nach Therapielänge, zwischen 50.000 und 75.000 Patienten, die das Mittel eingenommen haben", sagt Becker-Brüser. "Das wären schon viele, die die Kriterien erfüllen müssten, die in der Zulassung drinstehen."

"Es wird relativ rasch damit therapiert, aber viel zu wenig aufgeklärt", kritisiert auch Arzneimittelexperte Glaeske. Die psychischen Nebenwirkungen seien nicht so präsent in den Köpfen der Dermatologen, meint er. "Doch der Beipackzettel entlastet die Ärzte nicht, sie müssen darüber informieren, bevor sie das Mittel verschreiben."

Fatal ist laut Glaeske auch, dass wohl kaum jemand, der depressiv wird, daran denkt, dass sein Aknemittel daran schuld sein könnte. "Die Menschen landen beim Psychologen oder Psychiater. Und diese Ärzte übersehen den Zusammenhang möglicherweise."

Verharmlosende Informationen im Netz

Und noch ein anderer Aspekt verschärft das Problem: Mittlerweile ist das verschreibungspflichtige Medikament ohne Rezept auch im Internet erhältlich - illegal natürlich. "Auf diesen Seiten finden sich aber nur verharmlosende Informationen zu den Nebenwirkungen", sagt Glaeske. Gerade Jungs mit Akne, die aus Scham einen Hautarztbesuch vermeiden wollen, könnten zum Kauf im Netz verleitet werden, befürchtet er.

In den USA hat die Arzneimittelbehörde FDA schon seit Längerem reagiert - und vorgeschrieben, dass Patienten, die Isotretinoin erhalten, regelmäßig auf depressive Symptome und Suizidgedanken kontrolliert werden müssen. Auch die deutsche Fachinformation verpflichtet Ärzte dazu.

Becker-Brüser ist dennoch überzeugt: Die Ärzte, aber auch die Herstellerfirmen klären nicht deutlich genug auf. "In den USA wird am Anfang der Produktinformation in einem umrahmten Textkasten nicht nur auf die Embryo schädigende Wirkung des Mittels hingewiesen, sondern auch an prominenter Stelle vor den Auswirkungen auf die Psyche gewarnt. In der deutschen Fachinformation steht das auf einer der hinteren Seiten, am Ende einer Bleiwüste von sonstigen Bemerkungen. Das reicht nicht", sagt er.

Gegenüber stern.de verweisen die Pharmaunternehmen darauf, dass es sich um ein zugelassenes Arzneimittel handle und sie sich genau an die Vorgaben der Behörden halten würden.

Thi Tho Pham-Tran hätte sich in erster Linie gewünscht, dass der Hautarzt ihren Sohn und sie deutlich über das Risiko aufgeklärt hätte. Auch wenn es Lam-Son nicht mehr hilft, fordert sie vor allem eins: Dass Ärzte die gefährliche Nebenwirkungen nicht mehr außer Acht lassen und Patienten und Familienmitglieder darüber ausreichend informieren. "Das hilft, Menschenleben zu retten."

Von Lea Wolz
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