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Der große Cannabis-Flop

Eigentlich soll Cannabis auf Rezept in Deutschland jetzt erlaubt sein, der Alltag sieht anders aus: Es gibt kaum Ärzte, die es verschreiben, Krankenkassen verweigern oft die Erstattung, und in den Apotheken fehlt der Nachschub. Schuld daran ist auch ein schlampiges Gesetz.

Seit März dürfen Ärzte in Deutschland ganz legal auf Rezept verschreiben. Die Blüten sollen Patienten helfen, chronische und starke Schmerzen zu ertragen. Was patientenfreundlich klingt, erweist sich fünf Monate nach Start als Flop – und als großes Problem für viele Schwerkranke. Krankenkassen wollen fast jedes zweite Rezept nicht erstatten, Ärzte trauen sich kaum, Medizinal-Hanf zu verschreiben - und in Apotheken gibt es eklatante Lieferengpässe.

Vor allem der Umgang der großen Kassen mit den Cannabis-Patienten ist rigide: Die – die mitgliederstärkste Organisation - erhielt bis Ende Juli knapp 3300 Rezepte samt Bitte um Erstattung. "Etwa die Hälfte der Anträge" sei bisher bewilligt worden, sagt der Sprecher des AOK Bundesverbands. Bei der Techniker Krankenkasse (TK) wollten sich bis Mitte August gut 1250 Patienten Hanf-Blüten per Rezept erstatten lassen. Gut 41 Prozent der Antragsteller bekamen eine Absage. Bei der Barmer gingen 1420 Rezepte ein, erstattet wurden 54 Prozent.

Bundesweit lief also fast die Hälfte dieser knapp 6000 Anträge ins Leere. Fast jeder zweite Patient bekommt eine Absage. Das liegt auch an der schwammigen Wortwahl des neuen Gesetzes. Danach dürfen Ärzte die Blüten oder Extrakte nur verschreiben, wenn Standardtherapien nicht helfen oder eine "nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf spürbare positive Entwicklung auf den Krankheitsverlauf" besteht. Klingt wolkig und verlagert das Problem in die Praxen.

Medizinal-Hanf lindert Schmerzen bei MS und Krebs

Die Ärzte haben es schwer: Weil Cannabis so lange verboten war, sind die Wirkungen der Inhaltsstoffe kaum erforscht. Helfen soll Marihuana bei mehr als 50 verschiedenen Erkrankungen. Demnach kann Hanf die Schmerzen bei Multipler Sklerose lindern und epileptische Anfälle mindern. Es kann den Appetit von Aidspatienten und Krebskranken anregen und die Übelkeit bei der Chemotherapie dämpfen. Auch ADHS-Patienten und Menschen mit Depressionen profitieren davon.

Doch die Kassen bleiben skeptisch: Ärzte würden vielfach einreichen und nicht ausreichend oder unvollständig begründen, warum Cannabis die "richtige Therapieform" sei oder ob es bessere Optionen gebe, heißt es beim AOK Bundesverband und bei der TK. Diese Klärung sei schwierig, sagt der Sprecher des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). "Das Gesetz definiert keine klaren Kriterien." Auch deshalb lassen die Kassen die Rezepte durch ihre Medizinischen Dienste prüfen. Schließlich spart jede Ablehnung viel Geld, das zeigen Daten der Techniker Krankenkasse: Demnach kostet eine Behandlung mit Cannabisblüten bis zu 23.310 Euro pro Jahr.


Das ist weit mehr als im Gesetz vorgesehen – und es liegt an der nicht einkalkulierten Preisexplosion: Bis März kostete ein Gramm Cannabis zwischen zwölf und 15 Euro in der , heute sind es fast doppelt so viel. Denn seit der Reform des Betäubungsmittelgesetzes gilt Cannabis offiziell als Rezepturarzneimittel, deshalb nehmen die meisten Apotheker dafür Aufschläge von bis zu 100 Prozent.

Was absurd ist: Schon vor dem Gesetz durften 1061 Patienten getrocknete Cannabis-Blüten aus der Apotheke per Ausnahmegenehmigung beziehen. Doch viele von ihnen bekommen die Blüten jetzt nicht erstattet von den Kassen. Trotz Rezept und obwohl eine staatliche Stelle das erlaubt hatte: das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm). "Ich weiß von vielen Patienten mit Besitzerlaubnis, dass Krankenkassen die Kosten für die Medizin nicht erstatten", sagt Frank Tempel, Gesundheitsexperte der Linken im Bundestag. Sein Eindruck sei, dass vorrangig Patienten mit psychischen Problemen, Depressionen und AHDS Schwierigkeiten bei der Erstattung hätten.

Ein ungewolltes Gesetz

Das Gesetz versagt also ausgerechnet bei denjenigen Schwerkranken, für die es eigentlich gemacht wurde. Das könnte an seiner Genese liegen: Es war ein ungewolltes und daher halbherziges Projekt. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) reagierte damit auf ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts: Vor gut einem Jahr hatten die höchsten Richter einem MS-Patienten den Anbau von Cannabis zu medizinischen Zwecken erlaubt. Das aber wollte die CDU/CSU gerne weiter verhindern und hat es auch geschafft: Durch die Reform wurde Verschreiben und Erstatten von Cannabis legal – doch der Eigenanbau bleibt verboten.

Nicht nur die Krankenkassen stellen sich quer. Häufig finden Schwerkranke erst gar keinen Kassenarzt, der ihnen Cannabisblüten auf Rezept verschreiben will. Zu groß ist die Unsicherheit im Umgang mit der unbekannten Arznei. Viele zögern, weil ihnen medizinisches Wissen fehlt und sie den zusätzlichen Papierkram fürchten. "Das Gesetz erweist sich in der Praxis als Bürokratiemonster", sagt der Arzt Franjo Grotenhermen, der sich seit Jahren für Cannabis als Medizin engagiert. Die Verschreibung berge für Mediziner ein hohes finanzielles Risiko, sagt er. "Ärzten droht wegen der hohen Kosten für Cannabis ein Regress wegen Überschreitung ihres Budgets."

Warten auf das heilende Gras

Doch selbst wer als Patient diese Hürden überwunden hat, muss auf das heilende Gras weiter warten. In Hamburg etwa seien Cannabisblüten kaum noch lieferbar, sagt Kai-Peter Siemsen, Präsident der Hamburger Apothekerkammer. Bundesweit sieht es ähnlich schlecht aus: "Viele Patienten melden uns seit zwei, drei Wochen, dass sie ihre Rezepte in der Apotheke nicht mehr einlösen können", sagt Florian Rister vom Deutschen Hanfverband. Bislang importiert die Blüten komplett aus den Niederlanden und aus Kanada. Doch angesichts der rasanten Nachfrage stockt nun der Nachschub. Vor allem beim holländischen Hersteller Bedrocan seien "nicht genügend Medizinal-Cannabisblüten vorhanden", um die Bestellungen zu bedienen, sagt eine Sprecherin des Bfarm.

Doch bis die kanadischen Lieferanten diese Lücke füllen, müssen Patienten weiter warten, befürchtet auch der Hamburger Apotheker Siemsen. "Es kann meiner Einschätzung nach eine längere Zeit dauern, bis wieder ausreichend Menge zur Verfügung steht."


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