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14. März 2010, 11:35 Uhr

Wenn der Spiegel zum Feind wird

Das Krankheitsbild ist so unbekannt wie unaussprechlich: In Deutschland leiden zwei Prozent der Bevölkerung an Körperdysmorphophobie. Sie hassen sich und ihr Aussehen - ganz ohne Grund. Von Sylvie-Sophie Schindler

gestörte Körperwahrnehmung, Magersucht, Depression, Körperdysmorphophobie, Zwangsstörung

Der Blick in den Spiegel wird zum Zwang: Was Betroffene dort sehen, halten sie für eine Katastrophe© Colourbox

Bei den Freunden hatte Carsten seinen Ruf weg. "Mann, bist du eitel", hieß es oft. Carsten, heute 28 Jahre alt, konnte an keinem Spiegel und an keinem Schaufenster vorbeigehen, ohne sich selbst darin zu betrachten. Aber nicht etwa, weil er vor Selbstverliebtheit platzte, sondern weil er nichts so sehr hasste wie sein Aussehen. "Ich musste mich immer wieder davon überzeugen, wie hässlich ich bin", erzählt Carsten. Besonders zu schaffen machten ihm seine Augen. Wieder und wieder dachte er: "Die stechen wie Froschaugen aus meinem Gesicht heraus." Auch Brustkorb und Arme waren ihm "nicht männlich genug". Und erst die Zähne! "Eine Katastrophe", so sein Urteil. Manchmal verbrachte er zwei, an anderen Tagen drei und mehr Stunden vor dem Spiegel. Verzweifelt dachte er: "Ich sehe aus wie ein Zombie."

Kein Kino mehr, keine Kneipenbesuche

Heute weiß Carsten, dass er sich das alles nur eingebildet hat. Jahrelang schuf er sich seine eigene Hölle. Seine Geschichte ist typisch für Menschen, die wie Carsten unter Körperdysmorphophobie leiden. Ein Zungenbrecherwort, abgeleitet aus dem Griechischen. "Dys" bedeutet "schlecht" und "morphe" steht für "Gestalt". Eine Diagnose, die gestellt wird, wenn die eigene Körperwahrnehmung gestört ist. Etwa zwei Prozent in Deutschland leiden darunter. Keine reine Frauenkrankheit übrigens - die Hälfte der Erkrankten sind Männer. "Die Betroffenen fühlen sich hässlich, obwohl sie das, objektiv betrachtet, nicht sind. Im Gegenteil, einige sind sogar besonders gutaussehend", sagt Ulrike Buhlmann. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Psychologie an der Berliner Humboldt-Universität hat sich auf die körperdysmorphe Störung (KDS) spezialisiert. Oft werden die Nase oder andere Gesichtsmerkmale als Makel betrachtet. Männer reden sich häufig ein, ihr Penis sei viel zu klein. "Der Makel ist gar nicht oder nur leicht vorhanden, und alles dreht sich darum. Irgendwann ist es nicht mehr möglich, ein normales Leben zu führen", sagt die Expertin. Und manchmal werde die Belastung sogar so groß, dass es nur einen Ausweg zu geben scheint: "24 Prozent der Betroffenen versuchen, sich umzubringen."

Carsten entschloss sich irgendwann, nicht mehr aus dem Haus zu gehen. Kino, Kneipenbesuche, Spaziergänge - alles gestrichen. Auch die Universität, er studierte BWL, besuchte er nicht mehr. Nur einmal in der Woche traute er sich nach draußen, zum Supermarkt um die Ecke. "Eine Tortour", erinnert er sich. "Ich hatte das Gefühl, alle starren mich an". Die Freunde, von denen er sich ebenfalls zurückgezogen hatte, schüttelten den Kopf. Niemand verstand, was mit ihm los war. Und so richtig rückte Carsten auch nicht heraus mit der Sprache. "Ich schämte mich dafür, dass ich rund um die Uhr nur noch mein Aussehen im Kopf hatte. Und noch mehr schämte ich mich dafür, wie ich aussah." Wenn er nicht vor dem Spiegel stand, lag Carsten auf seinem Bett und starrte an die Decke. Wie sollte es weitergehen?

Skalpell statt Therapie

Kaum ein Betroffener weiß, dass er unter KDS leidet. Wer einen Therapeuten aufsucht, der tut das, wenn überhaupt, aufgrund einer typischen Begleiterkrankung, beispielsweise Depression oder Magersucht. "Oft tauchen die Betroffenen auch beim Schönheitschirurgen auf und wollen so ihr Problem in den Griff kriegen", sagt Ulrike Buhlmann. Skalpell statt Therapie - keine Lösung. KDS gehört zu den Zwangsstörungen. Und das heißt: je länger man sie unbehandelt lässt, desto hartnäckiger hält sie sich. Unter Fachleuten ist die Krankheit bereits seit über 100 Jahren bekannt, auch der Psychoanalytiker Sigmund Freund beschrieb bereits eine Patientin mit KDS, über die Ursachen weiß man trotzdem noch wenig.

Unter anderem werden genetische Komponenten vermutet. "Gefährdet ist auch, wer von Kindheit an auf sein Äußeres reduziert wurde", sagt Ulrike Buhlmann. Beispielsweise Mädchen, die wie Prinzessinnen herausgeputzt und bereits mit fünf Jahren zur Kosmetikerin geschickt werden. "Viele Patienten haben erfahren: Nur wenn ich schön bin, bin ich okay", so die Psychologin. In der Pubertät - mit den ersten Pickeln - kommt häufig die erste Krise. Besonders wenn es Hänseleien von Mitschülern gibt, festigt sich das Hässliche-Entlein-Gefühl. "Die Betroffenen haben nichts mehr, worauf sie ihr Selbstwertgefühl stützen können." Das Wetteifern um Schönheit, das Streben nach einem perfekten Körper - auch die Gesellschaft macht heutzutage immer mehr Druck. "Der heutige Schönheitskult ist sicher auch eine Komponente. Aber er ist nicht die Ursache der körperdysmorphen Störung", sagt Buhlmann.

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