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Zwangsstörung: Rituale bis zur absoluten Erschöpfung

150 Minuten duschte Benedikt H. jeden Tag - aus Angst vor dem HI-Virus. Vor Scham und Panik isolierte er sich zwei Jahre lang. Er ist einer von 1,6 Millionen Zwangserkrankten in Deutschland. stern.de erzählt seine Geschichte - und wie er dem Teufelskreis entkommen ist.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Es war Benedikt H.s Vater, der es irgendwann nicht mehr ausgehalten hat. Weil der Sohn das Badezimmer täglich blockierte, meistens mehrere Stunden lang. Alleine das Duschen, das dauerte. 150 Minuten mindestens. Zum Händewaschen verbarrikadierte sich Benedikt H. ebenfalls im Badezimmer, sieben Mal täglich, jeweils acht Minuten lang. In der Familie gab es immer wieder Spannungen, "weil der Benedikt ständig das Bad besetzt". Zuletzt war der Vater nahe dran, die Tür einzutreten. Doch anstatt die Nerven zu verlieren, schickte er seinen Sohn zu einer Therapeutin. "Dort lag ich dann auf der Couch, habe viel geredet, gebracht hat es aber absolut nichts", sagt Benedikt H. Nach einem Jahr brach der 25-Jährige die Therapie ab.

Rituale können Stunden dauern

Er sah keinen Ausweg aus der Spirale, die sich immer enger um ihn drehte. Zwei Jahre lang war der junge Mann krank. Die Diagnose: Zwangsstörung. Benedikt H. steht damit nicht allein: Rund 1,6 Millionen Menschen sind deutschlandweit davon betroffen. Frauen und Männer, die sich gezwungen fühlen bestimmte Handlungen wieder und wieder durchzuführen. Je nach Schweregrad der Erkrankung können die Zwangsrituale mehrere Stunden täglich dauern - oft bis zur absoluten Erschöpfung. Da ist der Mann, der extra zwei Stunden früher aufsteht, um, bevor er zur Arbeit geht, zu kontrollieren, ob alle Elektrogeräte ausgeschaltet sind. Da ist die Frau, die abends keine Zeit mehr hat Freunde zu treffen, weil sie jede Badfliese einzeln putzen muss. "Es gibt auch Rituale, die sich ausschließlich in Gedanken abspielen", sagt Nico Niedermeier, Facharzt für Psychotherapeutische Medizin in München. "Wenn beispielsweise auf den Zwangsgedanken, ich könnte jemanden vor die U-Bahn werfen, der Gedankenzwang, 'dreimal bis 20 zählen, dann wird alles gut' folgt."

Ursachen sitzen tief

Außenstehende glauben oft, die Sache ließe sich mit ein bisschen gutem Willen beheben. Doch wer an einer Zwangsstörung erkrankt ist, bei dem sitzt die Ursache tiefer. "Die 'Zwängelei' erscheint dem Betroffenen sinnlos, ist aber dazu da, um innere Anspannungen abzubauen", sagt Nico Niedermeier. "Die Anspannung wird von Gedanken erzeugt, die sich dem Gehirn wiederholt aufdrängen." Zum Beispiel die Angst, dass der Vater sterben oder dass man seinen Arbeitsplatz verlieren könnte. Oder dass man sich möglicherweise mit dem Aidsvirus infizieren könnte, so wie es Benedikt H. befürchtete.

"Die Angst war plötzlich da, einfach so", erinnert er sich. Und auch wenn es, wie er heute sagt, "vollkommener Quatsch" war, hat er alles abgewaschen und gereinigt, was ihm zwischen die Finger kam: "Ich dachte, dass das HI-Virus überall auf mich lauern würde." Deshalb das Duschen, das ständige Händewaschen. Auch war er ständig damit beschäftigt, die Computertastatur abzuwischen und den Bildschirm. "Ich konnte mich einfach nicht dagegen wehren", sagt er.

Im Extremfall zerbrechen sogar Beziehungen

Ruckzuck rutschte er, wie bei Zwangsstörungen üblich, immer tiefer in sein Problem. Da das Ritual nur kurzfristig wirkt, verstärken sich im Laufe der Zeit mit der Anspannung die Anzahl und Häufigkeit der Zwänge. Aus 120 Minuten Duschen werden dann schnell 140 und bald 160 Minuten und so fort. Ein weiteres, sehr ausgeprägtes Phänomen bei Menschen mit Zwangsstörungen ist das Vermeidungsverhalten. Um zum Beispiel zwangsauslösenden Reizen wie Schmutz oder Keimen aus dem Weg zu gehen, vermeidet der Betroffene Berührungen mit anderen Menschen oder Gegenständen. Im Extremfall brechen sogar Beziehungen auseinander, weil die Zwänge keine Intimität mehr zulassen. Auch Benedikt H. hat Vermeidungsstrategien entwickelt. "Ich habe Türklinken nur mit dem Ellbogen berührt", erzählt er, "und schon gar nicht gab ich anderen Menschen die Hand, egal, wie unhöflich das schien." Zuletzt sei er nicht mal mehr mit seinen Kumpels ein Bier trinken gegangen. Stattdessen lag er abends auf seinem Bett und starrte an die Zimmerdecke.

Der Deckel auf den Emotionen

Über das Warum, den Auslöser seiner Zwangserkrankung, hat Benedikt H. oft gegrübelt. "Nach einer Operation hat alles angefangen, da habe ich mich so entsetzlich hilflos gefühlt", sagt er. Vielleicht sei das der Grund, vielleicht liege es aber auch an den vererbten Genen. "Mein Opa hatte bereits einen Waschzwang", sagt Benedikt H. Ob Veranlagung oder Umwelteinflüsse - die Medizin will sich bei der Diskussion um Ursachen nicht festlegen. Vermutet wird ein Zusammenspiel vieler Faktoren. "Oft spielen nicht verarbeitete Gefühle wie Wut und Trauer, die man schon seit Kindheitstagen mit sich rumschleppt, eine Rolle", sagt Nico Niedermeier. Der Zwang setze sich "wie ein Deckel" auf die Emotionen, quasi als Selbstschutz für die Betroffenen.

Gesprochen hat Benedikt H. mit niemandem über seine Zwänge. Zu groß war die Angst. Zu groß die Scham, dass die anderen ihn auslachen würden. Eine typische Reaktion. "Das Thema ist sehr angstbesetzt und wird deshalb unter den Teppich gekehrt", sagt Nico Niedermeier. Viele hätten gelernt, ihre Zwangserkrankung nach außen hin zu verbergen. Im Schnitt dauere es nach Ausbruch der Krankheit sieben Jahre, bis der Betroffene einen Arzt aufsuche. Oder bis er, wie bei Benedikt H., von der Familie zur Therapie gedrängt wird. Nach dem ersten gescheiterten Versuch, wagte Benedikt H. einen erneuten Anlauf und unterschrieb einen so genannten Flooding-Vertrag.

Ein Vertrag gegen den Zwang

"Ich werde während der nächsten 14 Tage keinem Zwang nachgeben und kein Vermeidungsverhalten durchführen", stand in dem Vertrag. Darunter waren Handlungen aufgelistet, die nicht dem entsprachen, was die Zwänge Benedikt H. vorschrieben. Unter anderem sollte er Menschen die Hand schütteln ohne sich hinterher zu waschen. Der Vertrag war der letzte von vielen Schritten zur Vorbereitung auf das "Flooding", das Reizkonfrontationstraining: Zwei Wochen lang, sechs Stunden pro Tag, musste sich Benedikt H. in verschiedenen Übungen mit seiner größten Angst konfrontieren. Nico Niedermeier hat ihn dabei begleitet, auch bis nach Hause. Anfangs hat der Arzt seinem Patienten viele Übungen vorgemacht. Benedikt H. musste sich wieder und wieder überwinden: "Richtig hart wurde es, als ich einen Aidskranken umarmen musste." Und beim Anfassen der Blutkonserven "musste ich erstmal schwer schlucken".

Doch Benedikt H. hat durchgehalten. "Wenn man den Zwängen nicht nachgibt, wenn man sie ignoriert, dann lassen sie langsam nach", sagt er. "Das klingt einfach, ist aber verdammt schwer." Nach zwei Liedern im Radio, maximal zehn Minuten, steigt Benedikt H. heute aus der Dusche, das Händewaschen wird in Sekunden erledigt. Und die Angst vor Aids? "Einfach weg", sagt der Student und lacht. Mit seinen Freunden hat Benedikt H. auch offen gesprochen, nachher, als er seine Zwänge überwunden hatte. Und ist anschließend, zum ersten Mal seit langem, mit ihnen auf ein Bier in die Kneipe um die Ecke gegangen. "Ich lebe wieder", sagt Benedikt H. "Endlich."

  • Sylvie-Sophie Schindler