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Streit um Homöopathie - wirken Globuli oder nicht?

Globuli statt Tabletten: Viele Deutsche schwören auf Homöopathie. Sogar einige Krankenkassen übernehmen die Kosten für die Behandlung. Allein: Der Nutzen der Methode ist nicht erwiesen. Viele Ärzte bringt das auf die Palme.

Homöopathische Mittel: Wirksamkeit nicht bewiesen

Homöopathische Mittel: Wirksamkeit nicht bewiesen

Das Programm des 72. Homöopathischen Weltärztekongresses in Leipzig liest sich in Teilen wie ein Siegeszug der alternativen Heilmethode: Ein Vortrag beschäftigt sich mit dem "außerordentlichen Erfolg der Homöopathie bei Epidemien". Ein anderer informiert über den Stand der Behandlungsoptionen bei Multipler Sklerose. Auch Übergewicht, Autismus und fortgeschrittene Tumorleiden werden mit den Kügelchen behandelt - darüber berichten drei weitere Vorträge. Mehr als 1200 Mediziner und Gäste aus 60 Ländern nehmen an der Tagung teil, die noch bis diesen Samstag stattfindet. Sie diskutieren über neue Erkenntnisse auf dem Gebiet der Homöopathie - während in der Fachwelt und Öffentlichkeit ein Streit um den grundsätzlichen Nutzen der alternativen Heilmethode tobt.

Beim Thema Homöopathie scheiden sich die Geister. Für die einen ist sie Humbug, andere empfinden sie als letzte Hoffnung, wenn von der Schulmedizin weniger Hilfe und Rat kommt als erwartet. "Similia similibus curentur" - Ähnliches wird durch Ähnliches geheilt - ist für Homöopathen das Leitmotiv. Die verwendeten Substanzen werden sehr stark verdünnt und meist als Tropfen, Tabletten oder Kügelchen - sogenannte Globuli - verabreicht. Dadurch sollen die Selbstheilungskräfte des Körpers aktiviert werden. Gesicherte wissenschaftliche Grundlagen und Nachweise fehlen. "Es gibt aus naturwissenschaftlicher Sicht keine Erklärung, wie das Verfahren funktionieren kann", sagt Norbert Aust, Mitbegründer des Informationsnetzwerks Homöopathie in Freiburg.

Warnhinweise für Homöopathie?

Der Bremer Gesundheitsexperte Gerd Glaske fordert sogar Warnhinweise für homöopathische Präparate. Es müsse deutlich gemacht werden, "dass eindeutige Hinweise auf Wirksamkeit und Nutzen fehlen", sagte der Wissenschaftler der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Warnhinweise dienten dem Schutz von Patienten, "die Homöopathie noch immer als Alternative zur Schulmedizin anwenden".


Die Konzentrationen der verabreichten Mittel seien viel zu klein, als dass sie wirken könnten, so Aust. Die vermeintliche Wirkung beruhe rein auf der Vorstellungskraft von Patienten und Therapeuten. Würde sich die Homöopathie nicht als medikamentöse Heilkunde, sondern als spezielle Form der Gesprächstherapie sehen, ginge er damit durchaus konform, so Aust, der von Haus aus Ingenieur ist. "Homöopathen nehmen sich in der Regel viel Zeit für ihre Patienten und Gespräche können durchaus positive Effekte hervorrufen."

Dann wäre aber auch klar, dass Homöopathie nicht zur Behandlung schwerer Erkrankungen geeignet ist, sagt er. Erst kürzlich sorgte ein Fall in Italien für Entsetzen: Ein Siebenjähriger aus Cagli in den Marken starb an einer eigentlich leicht behandelbaren Mittelohrentzündung, weil seine Eltern auf homöopathische Mittel statt Antibiotika setzten - selbst dann noch, als es dem kleinen Francesco über Tage immer schlechter ging.

Ein ähnlicher Fall sorgte auch in Deutschland für Schlagzeilen: Im Gehörgang eines vierjährigen Mädchens entdeckte ein HNO-Arzt aus dem oberbayerischen Weilheim zersetzte Globuli-Kügelchen. Die Eltern des Kindes hatten versucht, die Mittelohrentzündung ihrer Tochter mit dem Mittel zu kurieren und es fälschlicherweise in den Gehörgang gegeben. Der Arzt twitterte über den Vorfall und löste damit eine hitzige Debatte im Netz aus. (Der stern hat mit dem behandelnden Arzt ein Interview geführt, das Sie hier nachlesen können.)

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung () forderte erst im Mai, dass die gesetzlichen Krankenkassen grundsätzlich keine homöopathischen Leistungen finanzieren dürften. Es sei absurd, wie viel Geld manche gesetzliche Versicherung für solche Kügelchen und Tinkturen aus dem Fenster werfe, so KBV-Chef Andreas Gassen.

Der Arzt und Moderator Eckart von Hirschhausen ist nicht überrascht vom Anklang, den alternative Verfahren bei manchen Menschen finden.
"Wir treiben durch die ökonomisierte Medizin die Menschen geradezu weg von der wissenschaftsbasierten Medizin", sagte er vor einiger Zeit. "Weil Apparate und Eingriffe überbezahlt werden, Zuhören und Zuwendung aber im Fallpauschalensystem nicht vorkommen, gibt es ein Zuviel an Herzkathetern, Rückenoperationen und Knieprothesen." Das Grundvertrauen von Patienten in die Medizin werde zerstört. "Viele Patienten fühlen sich von dem Arzt, der da die ganze Zeit nur auf seinen Monitor guckt, im wahrsten Sinne des Wortes nicht gesehen."

Homöopathen fordern gemeinsamen Weg mit Schulmedizin

Homöopathische Ärzte plädieren dagegen für eine Art Mittelweg: Eine schulmedizinische Behandlung könnte beispielsweise mit homöopathischen Mitteln unterstützt werden, um so das Beste aus beiden Disziplinen zu vereinen. "Homöopathie kann vieles, sie kann aber nicht alles", sagt Monika Kölsch, praktizierende homöopathische Ärztin aus Leipzig und Mitorganisatorin des Homöopathie-Kongresses in Leipzig. Es komme deshalb darauf an, mit anderen medizinischen Disziplinen zu kooperieren. "Wir wollen keinen Grabenkrieg."

Homöopathie und Schulmedizin sollen Hand in Hand arbeiten? Eine Idee, die Natalie Grams entschieden zurückweist. Grams arbeitete jahrelang selbst als Homöopathin, kehrte der Lehre dann den Rücken zu und gilt heute als scharfe Kritikerin der Methode. "Das bedeutet doch nur, dass man wissenschaftliche Medizin und Humbug verbindet", erklärte sie jüngst in einem Gespräch mit Spiegel Online. "Wie soll das dem Patienten nutzen?"


Ilona Kriesl/Sabine Fuchs/DPA/AFP

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