Experten warnen vor den neuen Glimmstängeln

9. Februar 2012, 11:35 Uhr

Immer mehr Raucher steigen auf E-Zigaretten um. Doch Gesundheitsexperten warnen vor den Risiken des Elektro-Paffens und fordern strengere Kontrollen. Droht der E-Zigarette das Aus? Von Lea Wolz

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E-Zigarette, elektronische Zigarette, Liquide, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

In China wurde die E-Zigarette erfunden. Doch dort darf sie mittlerweile nicht mehr gedampft werden©

Der Raucher von morgen raucht nicht mehr, sondern er dampft - so jedenfalls stellen es sich die Vertreiber von E-Zigaretten vor. Sie bewerben das Elektro-Paffen im Internet als zeitgemäße Form des Rauchens und preisen die E-Zigarette als schadstoffärmere Alternative zum herkömmlichen Glimmstängel an. Sie sei außerdem "sozialverträglicher", da weder Rauch noch Gestank die Mitmenschen belästigen würden. Und sogar beim Ausstieg aus der Nikotinsucht soll das Produkt helfen. Für viele Raucher klingt das verlockend.

Sandra Schink aus Hamburg ist mittlerweile komplett auf E-Zigaretten umgestiegen. "Ich mag keinen Zigarettenqualm in der Wohnung", sagt sie. Zudem habe es sie schon länger genervt, dass Raucher vor die Tür verbannt werden. "Mir geht es mit der E-Zigarette definitiv besser als mit den herkömmlichen Zigaretten", meint sie. "Mein Geschmacks- und Geruchssinn ist sensibler geworden, ich bin nicht mehr außer Atem, wenn ich die Treppen in den fünften Stock zu Fuß nehme."

Gefährliche Liquid-Mixturen

So wie sie greifen immer mehr Menschen in Deutschland zum Elektro-Glimmstängel. Geschätzte zwei Millionen sind es nach Herstellerangaben mittlerweile. Verglichen mit den etwa 20 Millionen Rauchern, die auf herkömmliche Zigaretten setzen, ist die Zahl zwar noch relativ gering. Trotzdem warnen Experten vor dem Trend: Was genau in E-Zigaretten drin ist, sei häufig ebenso wenig klar wie die gesundheitlichen Risiken oder die rechtliche Lage.

"Es gibt Hunderte von Chemikaliengemischen, die als Liquide verkauft werden", sagt Martina Pötschke-Langer vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg (DKFZ). "Deren Zusammensetzung ist für den Verbraucher vollkommen undurchsichtig." Klare Inhaltsangaben würden ebenso fehlen wie Hinweise auf Wirkungen und Nebenwirkungen. Meist wüssten die Verbraucher nur, dass sie Nikotin inhalieren - doch mitunter sei noch nicht einmal genau angegeben, in welcher Konzentration dies in dem Flüssigkeitsgemisch enthalten sei. "Dabei ist Nikotin ein hochwirksames Nervengift."

Gesundheitliche Auswirkungen unbekannt

Dass der Genuss einer E-Zigarette gefährlich sein kann, zeigen erste Vergiftungsfälle, die auch dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) gemeldet wurden. Bei zwei Rauchern seien die typischen Symptome einer Nikotinvergiftung aufgetreten, sagt Frank Henkler vom BfR. "Sie mussten notärztlich behandelt werden." Das BfR hatte bereits 2008 auf die Risiken im Umgang mit E-Zigaretten hingewiesen und das Fehlen aussagekräftiger Studien beklagt. "Daran hat sich bis jetzt nichts geändert", sagt Biochemiker Henkler.

Ähnlich sieht das auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), die ebenfalls vor den Gefahren der E-Zigaretten warnt. "Die gesundheitlichen Auswirkungen sind nicht ausreichend untersucht. Neben dem Suchtstoff Nikotin enthalten die Kartuschen auch andere gesundheitsschädliche Substanzen", sagt die Direktorin der BZgA, Elisabeth Pott.

Vor allem den Stoff, aus dem das Liquid zum größten Teil besteht, betrachten Experten kritisch: Propylenglykol. Die chemische Verbindung ist zwar als Zusatzstoff für Nahrungsmittel und Kosmetikprodukte zugelassen, doch was sie bewirkt, wenn sie langfristig inhaliert wird, kann noch niemand sagen. "Bekannt ist allerdings, dass es bei empfindlichen Personen Atemwegsreizungen oder allergische Reaktionen hervorrufen kann", sagt Pötschke-Langer vom DKFZ. Auch eine erste, kleine Studie von Lungenfachärzten stimmt bedenklich: Demnach verengen sich schon nach fünf Minuten Ziehen an der E-Zigarette auffällig häufig die Atemwege, berichtet die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie.

So funktioniert die E-Zigarette Elektronische Zigaretten sehen mittlerweile den echten Zigaretten zum Verwechseln ähnlich. Beim Elektro-Paffen wird allerdings weder Tabak verbrannt, noch Teer eingeatmet. Eine kleine Leuchtdiode an der Zigarettenspitze simuliert die Glut. E-Zigaretten bestehen in der Regel aus drei Komponenten: einem Akku, einer Kartusche mit einer Nikotinlösung und einem elektrischen Vernebler. Es gibt auch Varianten, die überhaupt kein Nikotin enthalten. Wird an der Zigarette gezogen, schaltet sich das Gerät ein, die Flüssigkeit wird erhitzt und der dabei entstehende Dampf eingeatmet. Die sogenannten Liquide, mit denen die Kartuschen befüllt werden, sind in verschiedenen Geschmacksrichtungen erhältlich - von Cola über Banane bis hin zum klassischen Tabakgeschmack.

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