Eine Essener Klinik für chronisch Kranke setzt gezielt Yoga in ihren Therapien ein. Für viele Patienten ist die indische Bewegungs- und Meditationslehre der erste Schritt zurück ins Leben. Von Birgit Schönberger

Durch Yoga sollen die Selbstheilungskräfte gestärkt werden© Colourbox
Für einen Moment sieht sie aus wie eine Schwertkämpferin, die gerade einen wichtigen Kampf gewonnen hat. Die Wangen glühen. Die Augen strahlen. Die Brust ist stolz nach vorn gewölbt. An einem späten Vormittag in den Kliniken Essen-Mitte sitzt Barbara Wöhrle (Name von der Redaktion geändert), einen Klotz zwischen die Oberschenkel geklemmt, auf einer Massagebank und hält mit gestreckten Armen einen Holzstab waagerecht über den Kopf. Hinter ihr steht Yogalehrer Kai Scheffer, hebt ihr Haupt sanft an, weitet die Schultergelenke, zieht den Stab weiter nach oben und gibt kleine Anweisungen: "Die Außenseiten der Oberarme nach vorn drehen. Den Atem ruhig fließen lassen."
Wöhrle atmet in die Brust und wächst in die Höhe. Millimeter für Millimeter. Ungläubig schaut die zierliche Mittvierzigerin ihren Armen nach, die immer länger und länger zu werden scheinen. Kann es wirklich sein, dass sie, die seit einem Jahr unerträgliche Schulterschmerzen hat und die Arme gestern kaum heben konnte, heute so weit nach oben kommt, in ihrer zweiten Yogatherapiestunde? "Unglaublich, es tut nicht weh. Ich wusste ja gar nicht, was ich noch kann", sagt sie am Ende. Den Stab nimmt sie mit aufs Zimmer, um dort weiterzuüben und das wohlige Gefühl der Dehnung und Öffnung zu genießen.
"Immer wieder kommen Patienten frustriert und skeptisch zu mir herein und gehen nach einer halben Stunde energiegeladen und motiviert wieder raus. Sie sind überrascht, welchen Effekt die Rückenausstreckung an der Wand, eine kleine Drehung oder Dehnung haben kann", erzählt Scheffer, der Yoga nach Iyengar unterrichtet. In der Essener Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin ist die indische Lehre zentraler Bestandteil eines Programms mit schulmedizinischen Behandlungen, naturheilkundlichen Anwendungen und Anleitungen zur Selbsthilfe.
Wer hierherkommt, hat chronische Schmerzen durch Rheuma, Arthrose, Migräne oder Darmentzündungen, leidet an Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Fibromyalgie. Die meisten Patienten - es sind überwiegend Frauen - haben eine Odyssee hinter sich, waren in etlichen Arztpraxen, Krankenhäusern und bei Heilpraktikern, doch nichts hat richtig geholfen. Im Gegenteil: Einige leiden an den Nebenwirkungen ihrer Medikamente. "Drehtürpatienten" werden sie genannt, weil immer neue Symptome auftreten, die mit anderen Arzneien behandelt werden, die wieder neue Symptome produzieren. Eine unendliche Geschichte.
Und jetzt sind sie an einem Ort, der nur mit viel Fantasie an ein Krankenhaus erinnert. Holzfußboden, sonnengelbe Wände, das Foyer lichtdurchflutet, eine baumgroße Pflanze steht in der Mitte. 50 Betten hat die Station. Aus allen Zimmern blickt man ins grüne Ruhrtal.
Die Gesundheitspädagogin Anna Paul leitet den Bereich Mind-Body-Medizin, im Deutschen Ordnungstherapie genannt. "Wer Ordnung in sein Gesundheitshaus bringen will, sollte fünf Säulen stärken. Daran arbeiten wir", sagt sie. Die fünf Säulen, das sind gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung, richtige Atmung, tiefe Entspannung und die Fähigkeit zur Selbsthilfe. Kurz: alles, was die Selbstheilungskräfte stärkt.
"Wir unterstützen unsere Patienten auf allen Ebenen, aber wir fordern auch einiges von ihnen. Unser Ziel ist, dass sie aktiv mit ihrer Erkrankung umgehen, indem sie ihren Lebensstil verändern, zum Beispiel indem sie täglich einige Minuten Yoga machen."
Übernommen aus ...
stern Gesund leben
Ausgabe 06/2011
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