Nach dem Krieg als Beutekunst verschleppte Bücher verschimmeln in Verstecken auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Der Weg zurück in deutsche Bibliotheken wie die Leopoldina in Halle ist lang und mühsam. Auch Ex-Außenminister Genscher kämpft für die Rückführung. Von Nico Wingert, Tiflis

Verschleppt, verstaubt, aber nicht vergessen: Immer wieder tauchen Bücher aus der nach dem Krieg aufgelösten Bibliothek der Universität Halle auf© Marco Steinmann
Anfang des Jahres 1946 keimte bei den Wissenschaftlern der Universität Halle noch einmal kurz die Hoffnung auf, dass ihre wertvolle Bibliothek vielleicht doch nicht in die Sowjetunion abtransportiert worden sei. Denn bei einem feierlichen Festessen zur Wiedereröffnung der Hochschule am 1. Februar 1946 erklärte Generalmajor Kotikow, Chef der sowjetischen Militäradministration (SMA) für die Provinz Sachsen in einer Ansprache: "Es sind Gerüchte im Umlauf, wonach die Bibliothek der altberühmten Leopoldina in die UdSSR abtransportiert sein solle. Ich stelle fest, dass diese Gerüchte falsch sind. Die Bibliothek steht der Universität der Stadt Halle zur Verfügung."
Es war eine Lüge - oder grobe Unkenntnis. Denn der lokale Sonderbeauftragte der Trophäenbrigaden der Roten Armee, Major Worotnikow, schmettere alle Wünsche der Leopoldina auf Herausgabe der Bibliothek ab. Dabei berief er sich auf einen Sonderbefehl von Marschall Schukow - Chef der sowjetischen Besatzer in Deutschland. Dabei hatte der noch kurz zuvor, Ende Juli 1945, in einer Note an die Regierungen der USA und Englands akribisch das Verschleppen von Wissenschaftlern, Patenten und Beutegut dokumentiert und energisch dagegen protestiert. In der umfangreichen Liste ´finden sich unter anderem der Quedlinburger Domschatz, die Reichsbriefmarkensammlung in einem Schacht bei Eisleben sowie die Goldreserven und Ölbilder in einer Kaligrube in Merkers.
Spätestens am 29. März 1946 ist die Bibliothek der Leopoldina, verpackt in rund 600 Kisten, über Berlin in die Sowjetunion verfrachtet worden. Und die Spuren der wertvollen Bücher verlieren sich in den riesigen Weiten des Landes für viele Jahre. Der einzige Hinweis über ihren Verbleib stammt von Major Worotnikow selbst: Die bibliophilen Kostbarkeiten seien an die Akademie der Wissenschaften der Sowjetunion überstellt worden.
Erst elf Jahre später, nach vielen honigsüßen Bettelbriefen ("Es lebe die deutsch-sowjetische Freundschaft") an den Ministerpräsidenten der DDR, Otto Grotewohl, und an den Präsidenten der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, erhält die Leopoldina am 18. Februar 1957 Post aus Moskau. Endlich. Der Inhalt des hochbrisanten Briefes: Eine "kleine Anzahl von Archiv-Materialien Ihrer Akademie" sei aufgetaucht und würde für eine "Übergabe" vorbereitet. Ferner ließ der russische Akademie-Präsident Nesmejanow ausrichten, "auch außerhalb der Akademie" Erkundigungen einziehen zu wollen.
In einem hektisch einsetzenden Briefverkehr zwischen Moskau, Berlin und Halle verdichten sich Hinweise auf den Verbleib der verschollenen Bücher in verschiedenen Städten der Sowjetunion. 3000 Exemplare sollen sich in Moskau befinden, darunter gedruckte Werke, Handschriften und Personalbögen. Im Januar 1957 unterzeichnen die Regierungen der DDR und der UdSSR eine Vereinbarung über die Rückführung der Kulturgüter.