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Kampf gegen Corona Kassenärzte-Chef Gassen zweifelt an Erfolg von Lockdown – Widerspruch von Drosten und Lauterbach

Coronavirus-Lockdown
Sehen Sie im Video: Weihnachten, private Treffen, Job – diese Regeln gelten im Lockdown.




Private Treffen sind weiterhin auf den eigenen und einen weiteren Haushalt begrenzt. Es dürfen höchstens fünf Personen zusammenkommen. Kinder bis 14 Jahre werden nicht mitgezählt. An Weihnachten vom 24. bis 26. Dezember gilt eine Sonderregelung. Dann sind Treffen im engsten Familienkreis mit vier über den eigenen Hausstand hinausgehenden Personen möglich. Gottesdienste dürfen stattfinden, wenn der Mindestabstand von 1,50 Metern gewahrt bleibt und die Gläubigen einen Mund-Nasen-Schutz tragen. An Silvester und am Neujahrstag gilt bundesweit ein An- und Versammlungsverbot. Der Verkauf von Pyrotechnik wird verboten. Der Einzelhandel wird weitgehend geschlossen. Ausnahmen sind etwa der Lebensmittelhandel, Apotheken und Drogerien, Poststellen und Zeitungsverkauf. Auch Dienstleistungsbetriebe der Körperpflege wie zum Beispiel Friseursalons, Kosmetikstudios oder Massagepraxen werden geschlossen. Restaurants bleiben geschlossen. Speisen dürfen geliefert und abgeholt werden. Die Schulen werden grundsätzlich geschlossen oder die Präsenzpflicht wird ausgesetzt. Es wird eine Notfallbetreuung sichergestellt. Arbeitgeber werden dringend gebeten, durch Betriebsferien oder großzügige Home-Office-Lösungen die Betriebsstätten geschlossen zu halten.
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Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, zieht den Nutzen des seit Mittwoch geltenden Lockdowns in Zweifel. Experten wie der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach widersprechen deutlich.

Der Epidemiologe und SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hat scharfe Kritik an den Aussagen des Chefs der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, zur Bewältigung der Coronavirus-Pandemie geübt.

Gassen hatte in einem Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) insbesondere den Erfolg des am Mittwoch begonnen sogenannten harten Lockdowns in Zweifel gezogen. "Ich gehe nicht davon aus, dass wir bis zum 10. Januar eine relevante Absenkung der Infektionsraten und schon gar nicht der Todesfälle erreichen werden", sagte der Mediziner. Es sei nur schwer vorstellbar, dass durch die verhängten Kontaktbeschränkungen, Ladenschließungen und Co. die Zahl der Neuinfektionen auf 50 pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche gedrückt werden kann. "Egal, ob der Lockdown nun drei oder zehn Wochen dauert."

Karl Lauterbach verteidigt Lockdown zur Coronavirus-Bekämpfung

SPD-Politiker Lauterbach zeigte sich verstört von den Äußerungen Gassens. Dessen ständiger Zweifel am Lockdown bestätige nur die, "die sich nicht daran halten wollen", erklärte der Bundestagsabgeordnete bei Twitter. "Für sie ist dann klar: selbst die Ärzte sagen das bringt nichts, wir brauchen dann nicht erst mitmachen." Dies schade und sei "falsch". Anderen Ländern wie etwa Irland sei es gelungen, mit einem solchen Lockdown die Infektionszahlen signifikant zu senken. Auch die Akademie der Wissenschaften Leopoldina hatte Anfang Dezember erklärt, es sei "unbedingt notwendig, die weiterhin deutlich zu hohe Anzahl von Neuinfektionen durch einen harten Lockdown schnell und drastisch zu verringern".

Gassen bezeichnete den Lockdown im RND-Interview als "keine geeignete langfristige Strategie in der Pandemiebekämpfung". Er sei allenfalls eine "Notbremse". Der KBV-Chef forderte, "die verletzlichen Bevölkerungsgruppen grundsätzlich deutlich besser als bisher zu schützen", etwa durch mehr Tests in Pflegeeinrichtungen und die Verwendung von FFP2-Masken dort. Zudem brauche es Konzepte, "um die Kontakte zu reduzieren oder sicherer zu machen, ohne das öffentliche Leben lahm zu legen". Als Beispiel nannte er die Entzerrung von Menschenströmen durch den Einsatz von mehr Bussen und Bahnen. "Der öffentliche Personennahverkehr ist doch derzeit ein einziger Hotspot." Die offiziellen Zahlen des Robert-Koch-Instituts belegen diese Einschätzung jedoch nicht. Nur ein verschwindend geringer Anteil der Ausbrüche ist demnach eindeutig auf die Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln zurückzuführen:

Orte von Coronavirus-Ausbrüchen laut Robert-Koch-Institut
Orte von Coronavirus-Ausbrüchen laut Robert-Koch-Institut
© Robert-Koch-Institut

Auch Christian Drosten kritisierte Gassens Einlassungen. Er frage sich, "wem solche Verlautbarungen helfen sollen". Niemand würde einen Lockdown als langfristige Strategie vorschlagen, schrieb der Berliner Virologe.

Dass er mit seiner Kritik am Lockdown auch Beifall aus der Ecke der Infektionsschutzgegner und selbsternannten "Querdenker" bekommen könnte, hat Kassenärzte-Chef Gassen offenbar eingepreist. Der Orthopäde, Unfallchirurg und Rheumatologe stellte in dem RND-Interview jedoch auch klar: "Ich möchte kein Kronzeuge für Bekloppte oder Radikale sein." Die Gesellschaft müsse auf einen "rational ausgewogenen Diskurs" zurückgeführt werden.

"Nicht dauerhaft Rücksicht auf Impfverweigerer nehmen"

In einem besteht jedoch Einigkeit zwischen Gassen, Lauterbach und Drosten: Dass die anstehende Impfkampagne ein entscheidender Baustein bei der Bewältigung der Pandemie ist. Eine Impfflicht lehnt der KBV-Vorsitzende – wie auch die Bundesregierung – zwar ab, aber: "Wer sich bei breiter Verfügbarkeit eines Impfstoffes nicht impfen lassen will, muss dann auch mit dem Risiko leben, an Covid-19 zu erkranken oder gar daran zu sterben", sagte er. "Es kann nicht sein, dass der Rest der Gesellschaft dauerhaft auf Impfverweigerer Rücksicht nehmen muss."

An diesem Donnerstag meldete das Robert-Koch-Institut 26.923 Neuinfektionen mit dem Coronavirus. 698 Menschen sind in den 24 Stunden zuvor an oder mit Covid-19 gestorben. Dies ist der zweithöchste Wert seit Beginn der Pandemie. Um die weitere Ausbreitung des Virus zu stoppen, ist die Reduzierung von menschlichen Kontakten untereinander ist ein wirksames Mittel. Dies ist erklärtes Ziel des von Gassen kritisierten Lockdowns.

Quellen: Redaktionsnetzwerk Deutschland, Karl Lauterbach, LeopoldinaRobert-Koch-Institut (1), Christian Drosten, Robert-Koch-Institut (2), Nachrichtenagentur DPA


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