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12. Mai 2006, 09:49 Uhr

"Es gibt kein Glück ohne Leistung"

Heute, am 12. Mai, ehrt der stern den Publizisten Joachim Fest mit dem Henri-Nannen-Preis für sein Lebenswerk. Die Bücher von Fest - allen voran seine Hitler-Biografie - haben wesentliche Anstöße zur Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit gegeben.

Das Foto zeigt Fest neben einem Porträt aus den 70er Jahren© Karin Rocholl

Herr Fest, Sie haben gerade die Erinnerungen an Ihre Jugend aufgeschrieben. Womit setzen sie ein?

Mit einem Bild. Mein Vater kommt in unsere Wohnung in Berlin-Karlshorst, es muss 1931 oder 32 gewesen sein, mit einer blutigen Mullbinde um den Kopf, zwei Männer stützen ihn. Er war einer der Berliner Führer des "Reichsbanners", der Vereinigung, die den Saalschutz für die republikanischen Organisationen stellte, für die Sozialdemokraten, das Zentrum und die Gewerkschaften. Rotfrontkämpfer und Nazis versuchten, solche Veranstaltungen zu sprengen, mein Vater und seine Leute schützten sie. Meine Jugend ist sehr politisch verlaufen.

Haben Sie Erinnerungen an Hitlers Machtübernahme 1933?

Nicht an diesen Tag, aber an den Reichstagsbrand. Mein Vater fuhr am Tag danach, diesem 28. Februar 33, mit meinem Bruder und mir in der S-Bahn mehrfach die Strecke des Spreebogens hin und her, und wir sahen die dünne Rauchfahne, die noch über dem Reichstag stand. Wir Kinder fanden das ziemlich langweilig und begriffen den ganzen Ausflug nicht. Später hat mir mein Vater dann erklärt, er habe uns die Bedeutung dieses Tages und dieses Ereignisses bewusst machen wollen. Mein Vater war ja auch aktiver Politiker der Zentrumspartei und Rektor einer Schule - und wurde deswegen nach der Machtübernahme durch die Nazis sofort entlassen.

Wovon lebte die Familie dann?

Von 182 Mark Pension. Mit fünf Kindern. Bei uns wurde nichts weggeworfen, und jede noch so zerlöcherte Socke wieder gestopft.

Andere Kinder waren damals in der Hitlerjugend, Sie nicht. War das traurig für Sie?

Nein, es gab bei uns eine Art Verschworenheitsgefühl. Mein Vater hatte das Abendessen der Familie in zwei Durchgänge aufgeteilt. Die kleineren Kinder waren um 18 Uhr dran, dann aß mein Vater mit meinem Bruder und mir um 19 Uhr - er wollte halbwegs frei reden können. Wir genossen dieses Vertrauen. Ich weiß noch, wie mein Bruder mich anstieß und sagte: Wir gegen die Welt! Ich war gerade mal sechs oder sieben Jahre alt und hatte keine Ahnung, was die Welt ist, aber das Gefühl, gegen sie zu stehen, fand ich großartig. Von meinem Vater habe ich auch den Wahlspruch seines Lebens übernommen, das Petrus-Wort aus dem Matthäus-Evangelium: Und wenn alle es tun - ego non. Ich nicht! Das ist auch der Titel meines neuen biografischen Buches.

Welches Bild haben Sie von Ihrem Vater?

Er war ein so großer Held für mich, dass er mich um den Pubertätskonflikt betrogen hat. Ich konnte nie in die offene Opposition zu ihm gehen. Er selbst hat übrigens immer Wert auf die Feststellung gelegt, dass er nicht im Widerstand gegen Hitler war. Mit fünf Kindern könne man kein Widerstandskämpfer sein, fand er. Seine Haltung im Leben war die der klugen, ironischen Distanz. So hat er uns am Beispiel der Gestalt von Goebbels den Schwachsinn der Rassenlehre erläutert. "Ertrage die Clowns", lautete der Rat meines Vaters. Ein guter Satz, wie ich finde. Die Welt ist ja voller Clowns.

Als der Krieg ausbrach, waren Sie 12, als er zu Ende ging, waren Sie 18. Wann hat Ihre Jugend stattgefunden?

Nach dem Krieg. Genauer: nach der Kriegsgefangenschaft. Eigentlich noch später. Das Kriegsende 1945 war ja ein Zusammenbruch, keine Befreiung. Ich weiß noch, dass ich erst 1947 einmal in Freiburg aus dem Laden eines befreundeten Buchhändlers kam mit zwei Büchern, die er mir besorgt hatte, und dann mit den Büchern unter dem Arm die Salzstraße hinunterging und da zum ersten Mal plötzlich ein Gefühl von Freiheit empfand.

Welche Bücher waren das?

"Fiesta" von Hemingway und "Schau heimwärts, Engel" von Thomas Wolfe.

Sie haben Ihre journalistische Laufbahn beim Rias in Berlin begonnen und 1961 beim NDR fortgesetzt, anfangs beim Fernsehspiel, dann als Chefredakteur, der auch für die zeitkritische Sendung "Panorama" zuständig war. Pionierzeiten?

Ja, in jeder Hinsicht. Alles war noch sehr überschaubar, fast familiär, in meiner Abteilung waren vielleicht 80 Leute.

Leute, die überwiegend gegen Sie waren.

Anfangs ja, denn ich war ja in deren Augen der von oben eingesetzte Aufpasser. Aber ich konnte die meisten ziemlich bald von mir überzeugen, weil ich mit Zeitkritik keinerlei Probleme hatte, wenn sie nicht nur Zeitgeist war. Ich habe ja dann auch Eugen Kogon zu "Panorama" geholt und nach seinem Weggang die Sendung zwei Jahre lang selbst moderiert.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 18/2006

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