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23. September 2006, 05:40 Uhr

"Gegen die Wirklichkeit verblasst jede Fiktion"

Immer wieder lässt sich der Bestsellerautor John LeCarré von internationalen Konflikten zu gut recherchierten Thrillern inspirieren. Der Held seines jüngsten Romans wird im Kongo in die Kämpfe um Macht und Rohstoffe verwickelt. Im stern erzählt LeCarré von seiner Reise ins Herz der Finsternis.

John le Carré auf einer Landstraße im Kongo. Auf die Wand des Kiosks hat jemand gepinselt: "Ein nahestehender Nachbar ist mehr wert als ein entfernter Verwandter"© Michela Wrong

Es war die seltsamste Reise, die ich je angetreten hatte, und es wird die seltsamste bleiben. Ich zog aus, um meine eigenen Romanfiguren kennenzulernen, in einem Land, in dem ich nie zuvor gewesen war. Die ferne Stadt, um die meine Fantasien sich rankten, war Bukavu im Ostkongo. Bukavu, vormals bekannt als Costermansville, wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von den belgischen Kolonialherren erbaut, am Südende des Kivusees, der mit seinen 1500 Metern so hoch gelegen und so kühl ist wie kein anderer der afrikanischen Großen Seen. Ich hatte meinen Roman in einer Zeit geschrieben, in der ich England aus persönlichen Gründen nicht verlassen konnte. Jetzt - zu spät, wenn meine früheren Bücher ein Maßstab waren - wollte ich seine Menschen und Schauplätze auf ihren Realitätsgehalt überprüfen.

Aber das Buch spielt doch gar nicht richtig im Kongo! - so zumindest sagte ich mir zum Zeitpunkt meiner Abreise. Es ist eine romantische Satire, Himmelherrgott, es will überhaupt nicht wirklichkeitsgetreu sein! Es handelt von Tony Blairs England, von guter alter kolonialer Ausbeutung, politischer Heuchelei, schamlosen öffentlichen Lügen und anderen Unsitten, mit denen ich längst abrechnen wollte. Es handelt von der Identitätssuche in unserer multiethnischen Gesellschaft und der Beschneidung unserer bürgerlichen Freiheiten durch New Labour und einem Dutzend anderer, nicht minder hehrer Themen. Der Kongo ist nur die Kulisse, eine Abstraktion, ein Symbol für ewige koloniale Ausbeutung, für Gemetzel, Hunger und Chaos. Ihn in natura kennenzulernen würde nur das zarte Gespinst der Illusion zerstören - das sagte ich mir, und beinahe glaubte ich es auch.

Der Pfahl in meinem Fleische

Das Dumme war nur, dass der Kongo, noch ehe ich meine Erstfassung beendet hatte, zum sprichwörtlichen Pfahl in meinem Fleische geworden war, gegen den kein noch so hohes Aufgebot an literarischer Sophisterei etwas ausrichtete. Mein Protagonist war der Sohn eines gestrauchelten irischen Missionars und einer kongolesischen Häuptlingstochter. Er war in einem tristen englischen Internat großgezogen worden, und er und ich sprachen die gleiche Sprache; mit ihm verstand ich mich glänzend. Aber sobald meine drei kongolesischen Kriegsherren ins Spiel kamen, jeder eine Art Bannerträger der Miliz oder gesellschaftlichen Gruppierung, die ihn hervorgebracht hatte, fühlte ich mich auf schwankendem Boden.

Weder meine Recherchen noch meine verstohlenen Mittagessen mit Exilkongolesen hatten mir Gewissheit verschaffen können, ob diese Figuren in der wirklichen Welt bestehen. Wenn mein Besuch in Bukavu mir nicht die passenden Vorbilder nachlieferte - sprich: mir die Authentizität ihrer Standpunkte und Überzeugungen bestätigte -, müsste ich meine Geschichte womöglich ganz anders aufzäumen. Wieder bei null anfangen zum Beispiel.

Dunstumschleiertes Shangri-la

Im belgischen Kolonialgedächtnis ebenso wie in meiner Schriftstellerfantasie ist Bukavu ein verlorenes Paradies, ein dunstumschleiertes Shangri-la mit breiten, Bougainvillea-gesäumten Straßen und prächtigen Villen, deren üppige Gärten sich bis zum Seeufer hinabsenken. Die Provinz Südkivu war für Zentralafrika, was das biblische Palästina für Arabien war. Der vulkanische Boden der Berghänge war so fruchtbar, das Klima so mild, dass es kaum eine Blume, ein Gemüse oder eine Frucht gab, die dort nicht gediehen.

Doch wie jedes Paradies trägt auch der Ostkongo den Keim zu seiner Zerstörung in sich: unermessliche Schätze an Gold, Diamanten, Kassiterit und heute Coltan und Uran, die seit Jahrhunderten Raubgesindel jeder Fasson in seine nebelumhangenen Berge und Urwälder locken, von marodierenden ruandischen Milizen bis hin zu den aalglatten Anzugträgern mit geschliffenen Manieren, dicken Scheckbüchern und chromblitzenden Büros in London, Houston, St. Petersburg oder Peking.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 38/2006

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