Berlin, die Hauptstadt der Galerien und Museen, schickt sich an, auch Hauptstadt der privaten Kunsträume zu werden. Filzpantoffelbewehrt und eisschlürfend kann man oft wahre Raritäten entdecken - denn "alle Sammler sind Triebtäter"! Von Anja Lösel

Erika Hoffmann, Privatwohnung in den Sophienhöfen, seit 1997 Kunst von Frank Stella, Jean-Michel Basquiat, Gerhard Richter u.a., offen jeden Samstag, Zutritt nur nach vorheriger Anmeldung und mit Führung© Albrecht Fuchs
Würden Sie Ihre Wohnung öffnen für jeden x-Beliebigen, der mal einen neugierigen Blick hinein werfen möchte? Erika Hoffmann macht das schon seit zehn Jahren. Und immer mehr Berliner Sammler tun es ihr nach: Sie zeigen ihre Kunstsammlung in den eigenen, ganz privaten Räumen. Offenbar ein Genuss für beide Seiten: Manche Besucher sind "so überwältigt, dass sie in Tränen ausbrechen", sagt die Sammlerin. "Und mich berührt es sehr, wie berührt die Leute sind."
Leicht macht sie es ihren Besuchern nicht. Sie müssen sich anmelden, Filzpantoffeln anziehen, eine Führung buchen - und sich mit schwieriger Kunst auseinander setzen. Mit den Fotos alter, nackter Frauen aus Japan etwa: schockierend und doch seltsam würdevoll und schön. "Hier ist es eher anstrengend als unterhaltend", sagt die feine, zarte Erika Hoffmann, die selbst ein bisschen wie eine vornehme Japanerin wirkt. "Es ist eine bewohnte Sammlung." Jeden Sommer wird neu geordnet, ausgetauscht, frisch gehängt. Und so wandelt man dann auf Filzpantoffeln durch die edel und sparsam möblierten Räume, vorbei an Desinger-Sofas und einsamen Sitzecken, bis man als Höhepunkt der Tour das große, hohe Wohnzimmer erreicht mit der riesigen Arbeit von Frank Stella auf der einen Seite und dem Bild von Sigmar Polke auf der anderen.
Erika Hoffmann und ihr 2001 gestorbener Mann Rolf waren die ersten in Deutschland, die ihre private Sammlung in den eigenen Räumen der Öffentlichkeit zugänglich machten. Als sie 1995 die ehemalige Fabrik für medizinische Geräte in der Sophienstraße kauften, war der Backsteinkomplex unansehnlich und heruntergekommen. 1997 zogen die Hoffmanns ein und nahmen sich vor "die Diskussion zwischen Ost und West anzuregen." Das hatten sie zuvor schon in Dresden versucht, waren aber gescheitert mit ihren Plänen eines privaten Sammlermuseums. Weil sie "nicht mit der Enttäuschung sitzen bleiben wollten", sahen sie sich in Berlin um. "Wir wollten etwas anbieten, was hier fehlte."
Nun machen immer mehr Sammler es ihnen nach. Berlin, die Hauptstadt der Galerien und Museen, schickt sich an, auch Hauptstadt der privaten Kunsträume zu werden. Der Reiz daran: Sie sind unabhängig von öffentlichen Geldern und dem Zwang zu Ausgewogenheit. Deshalb glänzen sie mit Kunst, die nirgendwo anders zu sehen ist: unbequem, skandalös, vergessen oder einfach nur unentdeckt. Das können Werke von renommierten Künstlern wie Thomas Demand oder Olafur Eliasson sein, die in der Stadt leben und arbeiten, aber in keinem Berliner Museum ausgestellt sind. Oder Arbeiten junger Künstler wie Thomas Moren, die einfach noch keiner kennt. Sammler, die sich bisher hinter verschlossenen Türen an ihren Gemälden ergötzten, zeigen nun, welche Schätze sie hüten: in ihren Wohnungen, in angemieteten oder neu gebauten Ausstellungsräumen.

Christian Boros, Bunker an der Reinhardtstrasse in Berlin, bisher noch keine Eröffnung seiner privaten Kunstsammlung© Albrecht Fuchs
Oder an extravaganten Orten wie dem Bunker des Wuppertaler Werbers Christian Boros. Der Mann muss verrückt sein, denkt man als erstes, wenn man seine Räume betritt. Aber er ist einfach nur besessen von der Kunst. Der Inhaber einer Wuppertaler Werbeagentur hat sich einen Bunker mit drei Meter dicken Wänden gekauft. Mitten in Berlin. Mehr als vier Jahre ist das her, und alle hatten ihm damals abgeraten, das Ding für seine Kunstsammlung umzubauen: zu eng, zu schwierig, zu teuer. Aber: "Mich hat nie interessiert, was leicht zu haben ist", sagt Boros. Er legte einfach los, ließ mit Diamantsägen Wände und Decken herausfräsen, bis eine raffinierte Raumfolge über fünf Stockwerke entstand. Am Ende kostete alles doppelt so viel wie geplant: "Ein zweistelliger Millionenbetrag". Ab April sollen im Bunker spektakuläre Werke von Damien Hirst, Jonathan Meese, Daniel Richter und vielen anderen Platz finden. Denn nur in Berlin, so glaubt Boros, gibt es genügend Leute, die wirklich schätzen, was er da in den letzten 17 Jahren angehäuft hat.
Der Clou: Auf das Dach des Bunkers setzte Boros ein megaschickes Wohnhaus im Stil Mies van der Rohes: mit viel Glas, rohen Betonwänden und Muschelkalkboden, Pool und Garten. Dort verbringt er schon jetzt mit Ehefrau Karen und den beiden Söhnen seine Wochenenden über den Dächern von Berlin. Und lädt regelmäßig Freunde und Künstler zum Essen, um "die Bilder mit anderen zu teilen". Niemals käme er auf die Idee, Picasso zu sammeln: "Mit dem kann ich ja nicht reden."