Bitte sagen Sie jetzt nichts... Nachruf auf einen großen Künstler, der die Deutschen seit mehr als einem halben Jahrhundert damit amüsiert, dass er sie liebevoll durchschaut hat. Von Rolf Dieckmann
Ob er eine Erklärung für seine außerordentliche Beliebtheit habe, wurde Loriot einmal gefragt. "Nun, das mag daran liegen", antwortete er, " dass man die Liebenswürdigkeit, die ich ausstrahle, versehentlich auf das, was mitgeteilt wird, überträgt."
Das war nicht von Anfang an so. Als er 1954 für den stern die Serie "Auf den Hund gekommen" zeichnete, in der Mensch und Hund die Rollen tauschen und ein kleiner Mann mit Bowler, Cut und Stresemann, von einem Hund an der Leine geführt, an jedem Baum das Bein hebt, war für eine Gruppe humorbefreiter Zeitgenossen der Spaß vorbei. Besonders in klerikalen Kreisen sah man die Krone der Schöpfung aufs Schlimmste herabgewürdigt, und der Protest wurde so heftig, dass Chefredakteur Henri Nannen die Serie aus dem Blatt warf. "Der weiß genau, warum er seinen Namen verschweigt", kommentierte Nannen diesen Akt. "Um seiner Familie die Schande zu ersparen!"
In der Rückschau war es eine gute Idee, sich den Namen des Pirols (franz. Loriot) aus dem Familienwappen zu geben. Kurz und einprägsam. Das pfiffige Pseudonym taugte jedenfalls weit besser für eine Humoristen-Karriere als der Taufname Bernhard Victor (Vicco) Christoph Carl von Bülow.
Allerdings konnte er seine Herkunft und Erziehung aus preußischem Adel niemals ganz verbergen. Sein aristokratisches Auftreten, seine umfassende Bildung, seine Disziplin, seine Ernsthaftigkeit in der Arbeit, sein Hang zur Präzision wiesen darauf hin. Der private Vicco von Bülow verkörperte eigentlich nicht das, was sich der Laie unter einem Humoristen vorstellt. "Erlauben Sie, ein Dichter, der Tragödien schreibt, weint ja auch nicht den ganzen Tag", so seine Erklärung.
Dass neben dem genialen zeichnerischen Talent noch ganz andere Fähigkeiten in dem jungen preußischen Edelmann schlummerten, wusste damals noch niemand. Nur sein langjähriger Freund, der Zeichner und Autor Peter Neugebauer, mit dem er in den 50ern ein Atelier in Hamburg teilte, hatte bereits eine Ahnung, dass da noch mehr war, was nur darauf wartete, an die Öffentlichkeit zu treten. "Vicco war schon immer ein Meister der Parodie. So ahmte er Leute nach, die wir beide kannten und das war damals schon perfekt."
Es war stets eine Mischung aus Zufall und Instinkt, die Loriot dazu bewog, ein Kapitel in seinem künstlerischen Schaffen zu beenden und ein neues aufzuschlagen. Als der Fernsehsender Radio Bremen ihn 1967 bat, die Moderation für die Sendung "Cartoon" zu übernehmen, konnte noch keiner ahnen, dass damit der Grundstein für einen der dauerhaftesten Fernseherfolge gelegt wurde, der bis heute Generationen zum Lachen gebracht hat. Schon nach wenigen Sendungen hatte er sich selbst zum tragenden humoristischen Element dieser Reihe gemacht. Sowohl durch seine Moderation, als auch durch eigens von ihm produzierte Zeichentrickclips. Und schließlich durch seine Parodien bekannter Fernsehgrößen in beeindruckenden Masken. Etwa als Panorama-Chef Peter Merseburger oder als Frankfurter Zoodirektor Professor Bernhard Grzimek, der dem staunenden Publikum die inzwischen zum Klassiker gewordene Steinlaus präsentierte.
Neben dem zeichnerischen und dem schauspielerischen Talent konnte Loriot nun vorführen, wie er mit Sprache umging. Alle, die einmal mit ihm zusammengearbeitet haben, können ein Lied davon singen, wie lange der Perfektionist an einem Satz tüftelte. Meistens waren dies Sätze, die gestörte Kommunikation zum Inhalt hatten - sein Lieblingsthema. Oder Missverständnisse, die durch übertriebene Höflichkeit entstehen. Und ganz besonders solche, die zwischen den Geschlechtern gepflegt werden und in dem Stoßseufzer endeten: "Männer und Frauen passen nun einmal nicht zusammen!"
Sein Schaffen als Zeichner war beendet, nur im Jahre 1971 erschien noch einmal ein herausragendes Beispiel. Für die ZDF-Quizshow schuf er den Hund Wum, der zu allem Überfluss auch noch mit dem Song "Ich wünsch' mir 'ne kleine Miezekatze" für Wochen auf Platz eins der Deutschen Schlagerparade landete. Gesungen von Loriot höchstpersönlich.
Zeichner, Texter, Schauspieler, Autor, Bühnenbildner, Dirigent, TV- Kino- und Opernregisseur. Die Talente des Vicco von Bülow, in gleich bleibender Qualität ausgeführt, waren mehr als erstaunlich. Obwohl er anlässlich seines 80. Geburtstages in der ihm eigenen Bescheidenheit anfügte, dass es ihm dennoch "in 80 Jahren nicht gelungen sei, mich dauerhaft einer Tätigkeit zu verschreiben, die man allgemein hin als Beruf bezeichnet".