Nur ein Abklatsch

18. Februar 2013, 21:10 Uhr

Sie sollen beim Eurovision Song Contest antreten - nun wird Cascada vorgeworfen, ihren Song "Glorious" abgekupfert zu haben. Musikexperten bezweifeln das. Von Sebastian Schneider

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Autoscooter-Pop: Cascada-Sängerin Natalie Horler soll für Deutschland zum ESC©

Nach dem Konfettiregen kamen die Vorwürfe. 2012 gewann die schwedische Sängerin Loreen den Eurovision Song Contest (ESC) mit ihrem Lied "Euphoria" - und wurde als Plagiatorin beschimpft. Sie habe ihren Song nur zusammengeklaut, von Rihanna und David Guetta, hieß es damals.

Jetzt soll die Bonner Band Cascada Deutschland beim diesjährigen ESC in Malmö vertreten. Aber nun wird dem Dancepop-Trio vorgeworfen, sich für seinen Song "Glorious" bei der Vorjahressiegerin Loreen bedient zu haben. War die Band so dreist, bei einem angeblichen Plagiat zu plagiieren? Der NDR hat am vergangenen Samstag ein Gutachten in Auftrag gegeben, das die Vorwürfe klären soll. "Da sich die Betroffenen schlecht selbst verteidigen können, wollte ich eine objektive Sicht von außen", sagt ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber stern.de. Cascada-Sängerin Natalie Horler versucht es trotzdem: "Wir können die beiden Lieder gerne mal übereinanderlegen. Es sind zwei unterschiedliche Lieder."

Melodie nur zu 30 Prozent ähnlich

Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Digitale Medientechnologie (IDMT) in Ilmenau haben genau das am Montag getan. Mit einer speziellen Software verglichen sie beide Songs. Ihre Einschätzung: "Glorious" ist vielleicht ein Abklatsch, aber kein Plagiat. "Mindestens einer der zwei Bestandteile Text oder Musik müsste identisch sein, um in einem Gutachten als Plagiat zu gelten. Aber das ist hier offensichtlich nicht der Fall", sagt Steffen Holly, Geschäftsfeldleiter "Media Management & Delivery" des IDMT zu stern.de

Für den Vergleich nutzte Holly das Programm "Songs2See". Es ist eigentlich zum Notenlernen gedacht - Musiker laden einen Song ihrer Wahl hoch, die Software analysiert das Stück und visualisiert Akkorde, Rhythmus, Melodien und Tonhöhe am Bildschirm. "Legt man damit die Notenbilder beider Songs übereinander, findet man kaum Übereinstimmungen", sagt Holly. Die Melodien der Songs seien sich nur zu etwa 30 Prozent ähnlich. Hollys Abteilung entwickelt beispielsweise "Recommendation Engines", Programme, die die Lieblingssongs ihrer Nutzer analysieren und ihnen ähnliche Musik vorschlagen. "Sicher würde unsere Software den Hörern von 'Euphoria' auch den aktuellen ESC-Beitrag aus Deutschland als sehr ähnlich empfehlen. Aber deshalb kann man noch lange nicht von einem Plagiat sprechen", sagt Holly. Als Erstes aber würde die Software Cascada-Hörern wohl Cascada-Songs nahelegen. Denn deren Stücke ähneln sich vor allem untereinander - klebriger, stampfender Autoscooter-Pop zum Mitklatschen. Die Band hat damit Erfolg, 30 Millionen CDs hat sie verkauft, ihr Song "Evacuate the Dancefloor" war 2009 ein Nummer Eins-Hit in England. Es mag wenig kreativ, aber nachvollziehbar sein, dass die Produzenten versuchen, diesen Erfolg zu kopieren.

Cascadas Problem: der Ermessensspielraum

Ob sie sich dafür bei "Euphoria" bedient haben, kann letzlich nur der Gutachter entscheiden. Er wird die beiden Songs dafür in kleinste Details zerlegen, Note für Note transkribieren und diese dann vergleichen. Software unterstützt ihn bei seinem Urteil zwar - am Ende aber zählen für den Gutachter nicht nur Algorithmen, sondern auch sein subjektiver Eindruck. Dieser Ermessensspielraum kann vor Gericht entscheidend sein. Werden Cascada als Plagiatoren überführt, könnte sie das nicht nur die Fahrt nach Malmö kosten, sondern auch viel Geld. Der Rapper Bushido wurde 2010 verurteilt, weil er Songteile einer französischen Gothic-Band unerlaubt in 16 seiner Stücke verwendet hatte. Er musste mehr als 60.000 Euro Schadensersatz zahlen und sein Platinalbum "Von der Skyline zum Bordstein zurück" aus dem Verkauf nehmen lassen.

Die angeblich beklaute Loreen schweigt zu den Plagiatsvorwürfen gegen Cascada. Sie hat auch 2012 geschwiegen, als sie selbst als Diebin bezichtigt wurde. Die Empörung verglimmte. Ein halbes Jahr nach ihrem Sieg beim ESC veröffentlichte Loreen ihr Album "Heal" - in Schweden stieg es auf Platz eins der Charts.

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