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Eurovision Song Contest 2013 Elfe im Nachthemd gewinnt Grand Prix


Barfuß gegen den Rest Europas: Emmelie de Forest aus Dänemark hat den ESC 2013 gewonnen. Aber ist sie auch die neue Loreen? Die deutsche Teilnehmerin Cascada landete enttäuschend auf Platz 21.
Von Jens Maier, Malmö

Es war ein gutes Omen für Dänemark: Als im Jahr 2000 der Eurovision Song Contest zuletzt in Schweden stattfand, ging der Sieg über den Öresund an den südlichen Nachbarn. Genau 13 Jahre später sollten die Dänen ihren Triumph von damals wiederholen. Nicht mit zwei alternden Herren, die von den "Wings Of Love" singen, sondern mit einer barfüßigen Elfe im Nachthemd.

Emmelie de Forest aus Dänemark ist die Siegerin des Eurovision Song Contest 2013 in Malmö. Obwohl die 20-Jährige insgesamt nur acht Mal die Höchstwertung von zwölf Punkten bekam und damit weniger als der Zweitplatzierte Farid Mammadov aus Aserbaidschan mit insgesamt zehn Mal zwölf Punkten, lag sie am Ende mit ihrer Ethnopophymne "Only Teardrops" souverän vorne. Bereits nach 35 von 39 Wertungen war die Tochter einer Dänin und eines Schweden nicht mehr einzuholen und gewann mit 281 Punkten. De Forest holte die ESC-Trophäe damit zum dritten Mal nach 1963 (Grethe und Jörgen Ingmann) und 2000 (Olsen Brothers) nach Dänemark. Auf dem zweiten Platz folgt Aserbaidschan (234 Punkte) und auf dem dritten Rang die Ukraine mit 214 Punkten.

De Forest ist keine neue Loreen

"Ich möchte in die Fußstapfen der Olsen Brothers treten", hatte de Forest vor ihrem Auftritt selbstbewusst gesagt. Doch jetzt, wenige Minuten nach dem Sieg, wirkt sie aufgelöst, geradezu verzweifelt. Auf dem Weg vom Greenroom zur Siegerehrung tippt sie nervös auf ihrem Handy herum. "Ich habe einen Freund angesimst und ihn gefragt, was ich sagen soll", wird sie später erklären. Doch die Anspannung weicht schließlich erlösendem Jubel. Kreischend und überglücklich lässt sich Emmelie de Forest in der Arena feiern, in der sie dank der vielen angereisten dänischen Fans ohnehin so etwas wie ein Heimspiel hatte. Der Konfettiregen ergießt sich in ein Meer aus rot-weißen dänischen Fahnen. "Ich bin jetzt das glücklichste Mädchen der Welt", sagt sie auf der Pressekonferenz.

Mit ihrem ersten Platz wurde de Forest ihrer Favoritenrolle gerecht und hat verdient gewonnen. "Only Teardrops" war einer der eingängigsten Titel des Wettbewerbs, die 20-Jährige eine der authentischsten Teilnehmerinnen. Mit ihren Zottelhaaren wirkte sie wirklich wie eine elfenhafte Waldfee. Bezaubernd, hilflos, verzückend. Zu Blechflötenklängen und Trommelwirbeln guckte sie mit braunen Kulleraugen in die Kamera - und berührte damit die Zuschauer in ganz Europa zu "Only Teardrops".

Ein wohldosierter Angriff auf die Sinne

Dänemark wollte den Sieg. Der Auftritt war ein dreiminütiger Angriff auf die Sinne. Mit Trommlern, Pyrowasserfall und Konfettitränen zog man alle Register. Das taten andere allerdings auch. Aserbaidschan stellte einen Terrarium-Tänzer auf die Bühne, der schwerelos zu sein schien, die Ukraine schickte den mit 2,50 Metern größten Mann der Welt als Riesen nach Malmö. Warum Dänemark am Ende die Nase vorne hatte? Weil die Dosierung gestimmt hat. Nichts wirkte überdreht. Und mit de Forest als Barfuß-Fee - wie schon Sandie Shaw 1967 und Loreen 2012 - konnte ohnehin nichts mehr schief gehen.

Doch ist die Siegerin von Malmö auch die Siegerin der Herzen? "Zum Glück müssen wir nicht wieder nach Baku", sagt ein deutscher Fan in der Arena, als das Ergebnis feststeht. De Forest sei sympathisch, aber keine so charismatische Siegerin wie Loreen im Vorjahr, "ich kann aber mit dem Ergebnis sehr gut leben." Ähnlich pragmatisch sehen das viele Fans. Dänemark wird als würdiger und sympathischer Gewinner wahrgenommen, de Forest aber nicht als Star. Der große Hype um die 20-Jährige ist in Malmö ausgeblieben. Ob sich "Only Teardrops" wie "Euphoria" über Wochen europaweit in den Charts festsetzen wird, scheint fraglich. Aber es kann eben nicht jedes Jahr eine neue Loreen geben.

Deutschland gibt zwölf Punkte an Ungarn

Die Siegerin der Herzen war eine andere: Anouk aus Holland. Mit der Ballade "Birds" hatte sie die Malmö-Arena zum Träumen und Schunkeln gebracht und wurde schließlich mit einem neunten Platz belohnt - der besten niederländischen Platzierung seit 14 Jahren. Freuen durfte sich auch Margaret Berger aus Norwegen. Mit ihrer experimentellen Elektropopnummer "I Feed You My Love" belegte sie Rang vier, gefolgt von Dina Garipova aus Russland.

Für eine Überraschung sorgte die deutsche Punktevergabe. Nicht nur, dass Lena Meyer-Landrut patzte und aus Versehen zuerst zehn Punkte an Norwegen statt an Dänemark vergeben wollte, auch die zwölf Punkte sorgten für Erstaunen. Die gingen in diesem Jahr überraschend an Gute-Laune-Gitarrensound aus Ungarn. Mit Nerdbrille und Wollmütze hat Alex Márta offenbar nicht nur Berliner Hipster, sondern ganz Deutschland von seinem herrlich entspannten "Kedvesem" überzeugt und kann sich insgesamt über einen neunten Platz freuen.

Cascada gar nicht "glorious"

Glorios gescheitert ist hingegen die deutsche Teilnehmerin Cascada. Mit 18 Punkten und einem 21. Platz schnitt sie schlechter ab als Alex Christensen 2009 in Moskau mit "Miss Kiss, Boom Bang" (20. Platz). Nur aus Albanien (3), Österreich (6), Israel (5), Spanien (3) und der Schweiz (1) erhielt Natalie Horler für ihre Dancenummer "Glorious" Punkte. Dabei hatte sie bei ihrem Auftritt doch alles richtig gemacht. Um 21.54 Uhr betrat Cascada die Bühne. In einem mit Strass besetzten, champagnerfarbenen Kleid stand sie auf einer Showtreppe und verwandelte mit Feuerwerk, Bodennebel und Bässen die Malmö-Arena in eine Großraumdisco. Das vom Balladenbrei eingeschläferte Publikum dankte es ihr mit lautem Jubel und stimmte mit ein: "Tonight we can be - glorious."

Woran lag es also, dass Deutschland drei Jahre nach Lenas Sieg in Oslo und nach Roman Lobs achtem Platz im vergangenen Jahr wieder nach hinten durchgereicht wurde? An der schlechten Startnummer (11)? War die Dancepopnummer zu kommerziell? Oder wurde nicht Cascada, sondern Deutschland und die Politik von Angela Merkel von Europa abgestraft? "Das Ergebnis muss man analysieren, wenn man weiß, wie die Jurys und wie die Zuschauer abgestimmt haben", sagte Thomas Schreiber, bei der ARD für den ESC verantwortlich, zu stern.de. Die Platzierung spiegele nicht wider, was Natalie Horler auf der Bühne geleistet habe. "Wir sind in einer schwierigen Situation. Da stand nicht nur Cascada auf der Bühne, da stand auch Deutschland auf der Bühne", sagte Schreiber.

Die deutschen Fans feierten trotzdem. Den Sieg von de Forest, die gute Show von Malmö und dass der ESC in Skandinavien bleibt. Das dänische Fernsehen stellte schon mal einen Wegweiser auf: "Nur 14 Kilometer bis zum Eurovision Song Contest 2014 in Dänemark", war auf einem überdimensionalen Plakat zu lesen, das in Richtung Kopenhagen auf die Öresundbrücke zeigte. Deutsche Fans hatten das passende Eurovisionslied parat und stimmten "Über die Brücke gehen" an, mit dem Ingrid Peters 1986 den achten Platz belegte. Zum Dank hatten die Dänen einen Tipp, wie's nächstes Jahr besser laufen könnte: "Vielleicht probiert ihr es auch mal barfuß."

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