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Eurovision Song Contest: Was läuft schief beim deutschen Vorentscheid?

Ein Lied muss eine Krücke sein: Die deutsche Bilanz der vergangenen drei ESC-Teilnahmen fällt verheerend aus. Mit dem letzten Platz von Ann Sophie stellt sich die Frage nach dem Vorentscheid.

Von Jens Maier

Den Tränen nahe: Ann Sophie im Green Room bei der Punktevergabe

Den Tränen nahe: Ann Sophie im Green Room bei der Punktevergabe

Sie war den Tränen nahe: Aus Österreich: null. Aus der Schweiz: null. Aus Spanien: null. Mit jedem Voting schwand die Hoffnung. Gibt es doch noch ein paar Pünktchen? Gelingt es wenigstens, vor der schlechtesten Nummer des Abends aus Großbritannien zu landen? Immer wieder hielt sich im Green Room einen Fächer vors Gesicht. Verzweiflung. Ratlosigkeit. Am Ende hieß es für Deutschland 39 Mal null Punkte. Letzter Platz. Ein Debakel wie seit 50 Jahren nicht mehr.

Während nebenan der Schwede Måns Zelmerlöw seinen Sieg auf der Pressekonferenz feierte, versuchte ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber das Ergebnis zu erklären. "Der Song und die Performance waren besser als die null Punkte", sagte er dem stern. Voreilige Schlüsse, auch in Bezug auf die Zukunft des deutschen ESC-Vorentscheids, wollte er nicht ziehen. Vielmehr sollen die Votingergebnisse analysiert werden. "Null Punkte sind schon sehr enttäuschend. Wir werden jetzt genau überlegen, wie wir uns auf den ESC 2016 vorbereiten."

Zu tun gibt es einiges. Die deutsche Bilanz der vergangenen drei Teilnahmen fällt verheerend aus. Das erklärte Ziel, in die Top Ten zu kommen, wurde regelmäßig verfehlt. Cascada landete in Malmö auf Rang 21, für Elaiza reichte es in Kopenhagen für Platz 18 und nun der letzte Platz. Da stellt sich die Frage: Läuft beim deutschen etwas schief? Was könnte und muss verändert werden?

Kann Stefan Raab der Retter sein?

Schon werden die Rufe nach lauter. Der Entertainer war Garant für die großen deutschen ESC-Erfolge der vergangenen Jahre. Vier Mal war er an den Beiträgen als Produzent oder Mentor beteiligt, einmal ist er selbst aufgetreten. Heraus kamen nicht nur die Plätze fünf, sieben, acht und zehn, sondern mit Lenas Sieg 2010 der größte deutsche ESC-Erfolg seit Nicole. Also muss nur Raab zurückkommen und schon wird alles gut?

Vermutlich nicht. Denn indirekt ist Raab nach wie vor am deutschen Vorentscheid beteiligt. Seine Firma Brainpool produziert das sogenannte Clubkonzert, bei dem ein Newcomer als Teilnehmer für den eigentlichen Vorentscheid bestimmt wird. Mit Elaiza und Ann Sophie starteten die Sieger des Clubkonzerts nun zwei Mal hintereinander auch für Deutschland beim ESC - mit bescheidenen Ergebnissen. Brainpool produzierte und organisierte in Zusammenarbeit mit dem NDR auch den ESC-Vorentscheid in Hannover. Nein, Stefan Raab reicht nicht.

Eigentlich war ja Andreas Kümmert vom Publikum als Kandidat für Wien bestimmt worden. Ob er dort hätte reüssieren können? Es gibt Stimmen die behaupten, er hätte Siegchancen gehabt. "Mit ihm hätten wir gewonnen", heißt es hinter vorgehaltener Hand beim NDR. Das ist gar nicht so abwegig. Denn genau so einer wie er, mit Norwegerpulli, zerzausten Haaren und Jeans, der mit seiner Stimme alles wegrockt, fehlte in Wien. Beauty never lies.

Insofern wäre es zu voreilig, das deutsche Konzept für gescheitert zu erklären. Es war schon ausgesprochenes Pech, das die ARD mit ihrem Vorentscheid in diesem Jahr hatte. Die Zweitplatzierte fuhr nach . Ann Sophie fehlte jegliche Unterstützung des deutschen Publikums. Weder ihr Song noch sie selbst fanden genügend Fans, um die Mission in irgendeiner Weise auf Erfolgskurs bringen zu können.

Russland kauft Schwedenpop und wird zweiter

Sicher, Deutschland könnte es machen wie Russland. Polina Gagarina trat ohne Vorentscheid an, dafür mit Schützenhilfe aus Schweden. Drei der vier Autoren des russischen Beitrages "A Million Voices" stammen aus dem Siegerland von Måns Zelmerlöw. Heraus kam ein zweiter Platz. Ähnlich machten es auch Aserbaidschan und Georgien, die ihren Beitrag ebenfalls bei schwedischen Komponisten in Auftrag gaben. Aus Schweden lernen heißt beim ESC eben siegen lernen.

Schweden könnte auch das Vorbild für den deutschen Vorentscheid sein. Das dortige "Melodifestivalen" ist Jahr für Jahr die beliebteste nationale Musikshow mit Einschaltquoten von über 70 Prozent. Warum? Weil die Auswahl des Liedes für den Eurovision Song Contest als nationale Aufgabe gesehen wird. Alle namhaften Künstler des Landes treten an. In Deutschland bleibt das Utopie.

Hierzulande hat der ESC mit dem Vorurteil zu kämpfen, eine Ansammlung von Absurditäten und schlechtem Geschmack zu sein. Da ist es schwierig, Vorzeige-Acts wie Rammstein oder Helene Fischer zu gewinnen. Und selbst die wären kein Garant für einen Sieg, wie die Teilnahmen von Patricia Kaas (2009 für Frankreich, Platz 8) oder Anouk (2013 für die Niederlande, Platz 9) belegen.

Scheitern gehört beim ESC dazu

Ziel des deutschen Vorentscheids muss es sein, einen Teilnehmer und einen Beitrag zu finden, der zunächst hierzulande erfolgreich ist. Das kann ein Newcomer ebenso sein (Beispiel Lena) wie ein etablierter Künstler. Mit dieser Rückendeckung muss er oder sie zum ESC geschickt werden. Nur so kann es auch europaweit ein Erfolg werden. Zudem täten die involvierten Plattenfirma gut daran, etwas mehr Mut zu beweisen. Der belgische Beitrag "Rhythm inside" (Platz 4) und Lettland mit der originellen Aminata (Platz 6) machen vor, dass experimentelle Songs beim ESC belohnt werden können.

Ob's dann auch wirklich klappt mit einem der vorderen Plätze, ist schwer vorhersehbar. Scheitern gehört bei diesem Wettbewerb dazu. Wie schnell aus dem "Black Smoke" wieder weißer Rauch und umgekehrt werden kann, beweist Vorjahressieger Österreich. Mit Conchita aus der Asche unzähliger letzter Plätze empor gestiegen, fielen unsere Nachbarn nun ebenfalls wieder zurück auf null Punkte. But you can rise like a Phoenix.

Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo