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Kommentar zum ESC-Eklat: Das ist nicht fair, Andreas Kümmert!

Zu der Entscheidung gehört Chuzpe: Andreas Kümmert verzichtet vor Millionen TV-Zuschauern auf seinen Sieg. Damit betrügt er nicht nur die Anrufer um ihren Gewinner, sondern foult auch seine Kollegen.

Ein Kommentar von Jens Maier

Nehmen Sie die Wahl an? Diese Frage ist Teil unserer Demokratie. Die Bundeskanzlerin wurde das gefragt, der Bundespräsident und jeder Kleinstadt-Bürgermeister. Auch Erben haben die Wahl: annehmen oder nicht. Und sogar Lottogewinner können am Ende sagen: Nein, ich will die Millionen doch nicht.

Einer, der nicht wollte ist auch Andreas Kümmert. Am Donnerstagabend wurde er von den Fernsehzuschauern des deutschen Vorentscheids "Unser Song für Österreich" zum Sieger gekürt. Der unkonventionelle Sänger mit dem Zottelbart und dem Kapuzenpulli hatte mit seiner rockigen Nummer "Heart of Stone" überzeugen können. Doch dann die Überraschung: "Ich bin nicht wirklich in der Verfassung, diese Wahl anzunehmen", sagte Kümmert am Ende der Live-Sendung und gab seinen Titel an die Zweitplatzierte Ann Sophie ab.

Vieles muss dem Mann mit dem Joe-Cocker-Appeal in den Minuten und Stunden vor seiner Entscheidung durch den Kopf gegangen sein. War er in einer Show, in der es um Trickkleider, Windmaschinen und Bühnenzauber geht, wirklich richtig? Will ich wirklich statt in kleinen Clubs vor 180 Millionen Zuschauern singen? Die Pressekonferenzen, die Interviews mit Journalisten, die Fotos mit Fans - ist das wirklich meine Welt? Vermutlich war die Antwort auf alle diese Fragen nein.

Ehrlich aber dennoch erbärmlich

Seine Entscheidung ist zu akzeptieren. Jeder darf nein sagen. Dass er sie live vor den Kameras ausgesprochen hat, verdient sogar Respekt. Er hätte es sich viel einfacher machen und sich erst in zwei oder drei Tagen aus dem ESC-Zirkus verkrümeln können. Still, heimlich, aus gesundheitlichen Gründen - oder was man dann eben so sagt, wenn man keine Lust mehr hat. Dass er die Entscheidung nicht leichtfertig getroffen hat, nimmt man Kümmert sofort ab. Eine ehrliche Haut, so wirkt er.

Trotzdem war dieser Rücktritt vom Sieg ein grobes Foulspiel. An seinen Fans, an den vielen Zuschauern, die für ihn angerufen haben. Und an seinen Kolleginnen und Kollegen, die ebenfalls nach Wien fahren wollten. Kümmert ist kein Anfänger. Mit 28 Jahren und nach seinem Sieg bei "The Voice" hat er jeden Anspruch auf Welpenschutz verloren. Er ist ein gestandener Musiker, der wissen konnte und musste, auf was er sich beim Abenteuer ESC einlässt. Und da fällt ihm auf der Zielgeraden, gerade dann wenn es droht ernst zu werden, ein, dass er das alles doch nicht will? Das ist erbärmlich.

Das schwere Los der Ann Sophie

Er hat anderen in der Show die Chance genommen, nach Wien zu fahren. Keiner weiß, wie die Abstimmungen ausgefallen wären, hätte Kümmert erst gar nicht teilgenommen: unfair. Obwohl er nicht gerne im Mittelpunkt steht, hat er mit seiner Absage genau das Gegenteil erreicht.

Von der tollen Show, den anderen guten Sängerinnen und Sängern, spricht nach seinem Eklat niemand mehr: unfair. Tausende Zuschauer haben für ihn angerufen und 14 Cent pro Anruf bezahlt, um genau ihn als Sieger zu sehen. Ihre Anrufe waren umsonst: unfair. Dass er nicht mal eine richtige Begründung für all das liefert: unfair.

Am meisten unter Kümmerts Ego-Trip hat jedoch Ann Sophie zu leiden. Sie wird an seiner Stelle nach Wien fahren und wird vermutlich unter dem Makel zu leiden haben, eigentlich nur Zweite gewesen zu sein. Guck mal, das ist die, die nur fahren durfte, weil der Dicke zurücktrat, heißt es dann. Und wenn sie zu allem Unglück eine schlechte Platzierung bekommt wird man sagen: Na klar, das Ding war ja auch von Anfang an verkorkst. Mit dem Kümmert wär' das nicht passiert.

Verdiente Buh-Rufe

Nein, Andreas Kümmert, an diesem Abend in Hannover haben Sie sich als unfairer Sportsmann erwiesen. Spätestens als absehbar war, dass Sie es aufs Siegertreppchen schaffen könnten, hätten Sie die Reißleine ziehen müssen und zum Beispiel bereits nach dem ersten Song aufhören. Schade, dass Sie das nicht getan haben.

Mit Ihrem Verhalten haben Sie nicht nur dem Wettbewerb geschadet, sondern auch Ihren Mitstreitern. Ohne Erklärung, einfach so. Das ist unanständig und verdient keinen Applaus, sondern Buh-Rufe.