. .
Musik-News
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
17. August 2009, 11:25 Uhr

Ist das Urheberrecht noch zeitgemäß?

Pro & Contra

Wie soll die Politik auf illegale Downloads reagieren? Dieter Gorny fordert die klare Akzeptanz geltender Gesetze. Jens Seipenbusch von der Piratenpartei möchte das Recht bürgerfreundlicher gestalten.

Alles! Immer! Umsonst! Sofort!

Alles, immer, umsonst und sofort. Mit diesen vier Worten lässt sich kurz und kompakt die Position der Piratenpartei beschreiben, wenn es um das Thema Urheberrecht in der digitalen Welt geht. Musik, Filme, Bücher, Software, Zeitungen und Zeitschriften. Alles, wofür wir in der analogen, physischen Welt bisher bezahlen mussten, soll nach dem Willen einer selbsternannten Netzelite künftig immer und überall verfügbar und natürlich möglichst kostenlos sein. Das selbstverständlich zum Wohle aller:

- der geknebelten Musiker, Drehbuchschreiber, Schauspieler, Autoren und Softwareentwickler, die endlich die Fesseln einer repressiven Unterhaltungs- und Medienindustrie abstreifen können, um sich frei zu entfalten und mit ihren Fans und Lesern in direkten Kontakt zu treten.
- der Konsumenten, die endlich nicht mehr mit vorgehaltener Pistole dazu gezwungen werden, für kulturell minderwertige Massenware oder fehlerhafte Software überhöhte Preise zu bezahlen.
- der Wirtschaft, weil die Befreiung von den Besitzrechten des geistigen Eigentums ungeahnte ökonomische Kräfte freisetzen wird.

Schöne neue Welt, wenn da nicht das blöde Urheberrecht wäre.

Das Web ist eine tolle Sache

Um es hier nur einmal klar und deutlich zu sagen: Es geht in keiner Weise darum, das Rad in eine vermeintlich bessere Vergangenheit zurückdrehen zu wollen. Im Gegenteil. Das Internet ist eine tolle Sache. Es hat das Leben erleichtert, neue Kommunikationsformen geschaffen, den Zugang zu einem riesigen Reservoir von Kultur und Wissen ermöglicht und trägt damit wesentlich zu einer Demokratisierung unserer Welt bei. Das hat nach zögerlichen Anfängen auch die Musikindustrie erkannt. Mit zehn Millionen Songs online zu günstigen Preisen ab 49 Cent, einer Vielzahl neuer Services vom Online-Musikverkauf über Abo-Modelle, Flatrates und Streaming-Angeboten bis zu werbefinanzierten Konzepten hat sie heute den höchsten Digitalisierungsgrad aller klassischen Unterhaltungsindustrien erreicht. Andere Branchen werden folgen.

Aber das Netz ist nicht per se gut, wie uns einige der neuen Techno-Propheten gerne glauben machen wollen. Der Kampf um die uneingeschränkte Freiheit im Netz hat religiös-ideologische Formen angenommen, bei dem nach dem Willen seiner Gralshüter hinter der Unantastbarkeit des Internets bestehende gesellschaftliche Vereinbarungen - wie beispielsweise das Urheberrecht - zurückstehen müssen. Und weil der Weg durch die politisch-gesellschaftlichen Institutionen eher mühsam ist, wird versucht, erstmal ohne Rücksicht auf Verluste Fakten zu schaffen. Da wird unter Missachtung bestehender Gesetze heruntergeladen und kopiert, was das Zeug hält, und wer dabei erwischt wird, beschwert sich, ob des eigenen illegalen Tuns "kriminalisiert" zu werden. Diese Selbstbedienungsmentalität ist nicht nur undemokratisch. Sie ist auch eine Verhöhnung all derjenigen, die sich weiterhin korrekt verhalten, und eine Respektlosigkeit gegenüber denjenigen, die Zeit, Energie, Talent und Geld in die Schaffung, Vermarktung und Verbreitung kultureller Werke investieren.

Die große Mehrheit der Künstler ist zufrieden

Das wesentlich auf dem Urheberrecht basierende System der Kultur- und Kreativwirtschaft mag nicht perfekt sein. Aber es hat - neben viel Massenware - auch eine einzigartige Vielfalt qualitativ hochwertiger Künstler und Kulturgüter hervorgebracht. Und wer glaubt, dass Labels, Verlage oder Filmproduktionen seelenlose Unternehmen sind, deren einzige Leistung darin besteht, das Talent und die kreative Leistung anderer maximalkapitalistisch auszubeuten, der sollte sich einmal mit der schweigenden Mehrheit zufriedener Künstler oder Autoren unterhalten, die mit ihrem Label oder Verlag in partnerschaftlicher Beziehung zusammenarbeiten.

Ob Musik, Bücher, Filme, Nachrichten oder wissenschaftliche Informationen - die überwiegende Masse der Inhalte, auf die wir heute über das Internet zugreifen können, wurde und wird unter klassischen ökonomischen Prinzipien auf Basis des bestehenden Urheberrechts erstellt. Dagegen ist das Internet beispielsweise im Bereich der Musik immer noch den Beweis schuldig geblieben, dass es auch nur ansatzweise die bessere Alternative zu den bestehenden Strukturen ist.

Erst diskutieren, dann herunterladen

Ja, es gibt Künstler wie Radiohead, die mit geschickter PR das Internet als Marketing- und Vertriebskanal perfekt zu nutzen wissen. Nur sind diese schon vorher in der Unterhaltungsindustrie groß geworden. Ja, es gibt Bands wie die Arctic Monkeys, die es geschafft haben über das Internet bekannt zu werden. Aber es muss doch auch den glühendsten Gegner der Unterhaltungsindustrie stutzig machen, dass sie sich trotzdem unter das Dach eines Labels begeben. Ja, es gibt auf MySpace Millionen Artist-Websites, auf denen sicherlich die eine oder andere Perle zu finden ist. Aber wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Künstler und Konsument angesichts der schieren Masse des Angebotes zusammenfinden? Und Net-Labels, bei denen Künstler ihr erstes Album durch Fans finanzieren lassen, sind bisher keinen Deut erfolgreicher als die klassische Musikindustrie.

Das Internet hat Künstlern und Kreativen neue Möglichkeiten eröffnet, sich unabhängig von bestehenden Strukturen selbst zu vermarkten. Niemand wird dazu gezwungen, einen Platten- oder Buchvertrag abzuschließen. "Creative Commons" oder "Public Domain" sind alternative Ansätze zum traditionellen Urheberrecht und sollten sich mit ihm im freien Wettbewerb messen. Es gehört aber zum demokratischen Grundverständnis, im Gegenzug auch die Rechte derjenigen zu respektieren, die weiterhin das bestehende System des Urheberrechts nutzen wollen. Sich nur wegen der technischen Machbarkeit für das Neue und gegen das Bewährte zu entscheiden, wäre falsch. Wenn die Piratenpartei und ihre Anhänger Demokraten sein wollen, dann wird erst zu Ende diskutiert und dann heruntergeladen. Sonst bleibt von ihrem wichtigen Impuls zu einer längst überfälligen gesellschaftlichen Debatte nur billiger Populismus.

Dieter Gorny, Jahrgang 1953, hat in der deutschen Musiklandschaft in den letzten 30 Jahren nahezu sämtliche wichtige Positionen bekleidet und die Branche aus allen Perspektiven kennengelernt. Nach dem Musikstudium spielte er zunächst in mehreren Orchestern und lehrte an den Musikhochschulen in Köln und Hamburg. Er gründete das Rockbüro-NRW und rief 1989 die Musikmesse Popkomm ins Leben. 1993 gehörte er zu den Mitbegründern des deutschen Musiksenders Viva und wurde dessen Geschäftsführer, nach der Umwandlung in eine AG dann Vorstandsvorsitzender. 2004 trat Dieter Gorny in das Präsidium des deutschen Musikrats ein. Seit November 2007 leitet er den neu gegründeten Bundesverband Musikindustrie, der die Interessen der Musikindustrie in Deutschland vor allem in wirtschaftlicher und rechtlicher Hinsicht vertritt.

MEHR ZUM ARTIKEL
Streit um Google Books "Erst fragen, dann nutzen"

Seit Wochen setzt sich Kulturstaatsminister Bernd Neumann im Streit um Google Books vehement für die Rechte deutscher Autoren ein. Im stern.de-Interview erklärt er die transatlantischen Kulturunterschiede - und weshalb es sich lohnt, für das Urheberrecht zu kämpfen. mehr...

Urheberrecht im digitalen Zeitalter Beraubt Google deutsche Autoren?

Seit einiger Zeit machen deutsche Autoren im sogenannten "Heidelberger Appell" Front gegen den Versuch von Google, Bücher zu digitalisieren und ins Netz zu stellen. Sie sehen das Urheberrecht gefährdet. Worum geht es bei der Auseinandersetzung genau? mehr...

MEHR ZUM THEMA
powered by wefind WeFind
 
stern testen, Serie sichern

Jetzt den stern inklusive der aktuellen Gesundheits-Serie testen! Jetzt sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (7/2012)
Unser täglich Fleisch