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24. Dezember 2003, 07:32 Uhr

Der englische Patient

Seine Tournee gilt als Pop-Sensation des Jahres, sein Charme ist so überwältigend wie sein Erfolg. Welchen Grund also hat der brillante Entertainer Robbie Williams, an sich und seinem Leben zu zweifeln?

Ein Archivbild vom 6. Juli 2003 zeigt den Popstar Robbie Williams beim Auftritt im Olympiastadion von München© Uwe Lein/ AP

Neulich hat er wieder diese Stimmen gehört. Diese dämonischen Stimmen, die immer nachts kommen und sich in seine Träume stehlen. Du bist ein Versager! Ein Scharlatan! Ein verdammter Hochstapler!, haben sie geflüstert. Nichts von dem, was du erreicht hast, hast du auch verdient. Morgen werden sie kommen und dir alles nehmen, was du hast. Gib das Spiel auf!

Dieser Albtraum quält Robbie Williams, seit er als 16-Jähriger mit der Boygroup Take That berühmt geworden ist. Doch als er an einem Sonntagmorgen im Juli 2003 aus dem Schlaf hochschreckt, geht der Albtraum weiter. Williams ist allein in seiner 26-Zimmer-Villa; sein Hofstaat - bestehend aus zwei Köchen, drei Leibwächtern, zwei Putzfrauen, Gärtner, Fitness-Trainer und Sekretärin - ausgeflogen. "Ich kann nicht alleine sein", erinnert sich der Popstar an jenen Morgen. "Ich darf nicht alleine sein. Ich fuhr ins Kino und sah mir 'Matrix' an, aber das hat auch nichts geholfen. Wieder zu Hause habe ich eine Schlaftablette genommen." Da ist es drei Uhr nachmittags.

Irgendetwas muss schief gelaufen gelaufen sein im Leben von Robbie Williams. Auf den Bühnen seiner diesjährigen 'Escapology'-Tournee wurde er als Pop-Messias gefeiert. Die Tickets zu seinen Konzerten waren binnen weniger Stunden ausverkauft, mehr als eine Million Menschen kam, um ihn zu sehen. Selbstbewusst, selbstironisch, selbstverliebt beherrschte der 29-Jährige die Massen - sein großes Vorbild Frank Sinatra, lebte der noch, würde ihn ohne Zweifel adoptieren.

"Hinterher bin ich einfach nur traurig"

Selten zuvor gab es einen Popstar, auf den sich so viele einigen können: Für die Mädchen ist Robbie Williams neben schläfrigen Schönlingen wie Enrique Iglesias der unberechenbare Chaot, der bei seinen Auftritten auch schon mal die Hose runterlässt. Für die Jungs ist er der coole Hund, der an Drogen und Sexskandalen nichts auslässt. Sein älteres Publikum hat er mit Swingmusik eingefangen - sogar Angela Merkel besuchte sein Konzert in Berlin. Als die Musikkette HMV ihre Kunden nach den "20 besten Musikern des Jahrtausends" fragte, stellten die ihn auf eine Stufe mit Elvis und Mozart. Doch je größer die Verehrung wird, desto mehr verachtet sich der Verehrte selbst. "Das hat mir nie Spaß gemacht. Jeden Abend gehe ich auf die Bühne und zerreiße mich. Und hinterher bin ich einfach nur traurig."

Freunde nennen ihn Rob

Diejenigen, die ihn kennen, sagen niemals Robbie, sie nennen ihn nur Rob. Und für Rob ist der Popstar Robbie Williams nur eine schlechte Erfindung, eine mittelmäßige Rolle, eine aufgeblasene Kunstfigur, auf die er nach Belieben umschaltet, sobald er eine Bühne betritt. "Ich schuf vor langer Zeit diesen Robbie Williams, der die Leute fantastisch unterhält, und dabei merken sie gar nicht, dass ich mich überhaupt nicht amüsiere." In Williams' Wesen steckt eine zerstörische Macht, die ihm jede Freude am Erfolg verdirbt. Selbst seinen Freunden Bono und Elton John gegenüber fühlt er sich unterlegen. "Ich bin es nicht wert, in ihrer Nähe zu sein."

Dickerchen mit Schmalzlocke

August, 1990. Im Vorsprechzimmer einer Modelagentur in Manchester wird aus Robert Peter Williams der Popstar Robbie Williams. Der Besitzer des Ladens heißt Nigel Martin-Smith. Er träumt davon, im Musikgeschäft ein paar Millionen zu machen, obwohl er bislang nur eine Drag-Queen unter Vertrag hat. Seine Idee ist, eine Boygroup nach dem Vorbild der amerikanischen New Kids On The Block für den englischen Markt zusammenzustellen. Take That will er sie nennen, und vier Jungs hat er bereits zusammen: Mark Owen, Howard Donald, Jason Orange und Gary Barlow. An diesem Nachmittag betritt der letzte Kandidat das Zimmer. Robert Peter Williams ist ein dicklicher, schüchterner Junge mit hochgegelter Elvis-Schmalzlocke im Haar. Er kommt zusammen mit seiner Mutter. In seinem Geburtsort, der Arbeiterstadt Stoke-On-Trent, ist der 16-Jährige alles andere als einer, dem die Leute eine große Zukunft zutrauen. In der Schule rasselt er mit seiner Lese- und Rechtschreibschwäche durch alle Prüfungen. Die Mädchen reißen sich nicht gerade um ihn, verhöhnen ihn als "Fatsykins" ("Fettwanst"). Als er seinen Abschluss versiebt, rät ihm ein Lehrer: "Gehen Sie zur Armee. Da können Sie noch was werden."

Charme, Witz und Talent

Doch in dem Schulversager Robert Peter Williams glüht ein hoch begabter Entertainer. Und seine ehrgeizige Mutter Jan Williams, eine Blumenverkäuferin, setzt alles daran, dass die Welt dieses Talent auch zu sehen bekommt. Der Kleine muss auf Hochzeiten Schnulzen trällern, in Kaufhäusern Kindermode vorführen und im Stadttheater in Oliver Twist auf die Bühne. Seinen Charme und Witz hat er von seinem Vater Pete mitbekommen. Der schlägt sich als Kabarettkünstler in den örtlichen Kneipen und Hotels durch, bis er 77 zu einem Fußballspiel nach London fährt und nicht mehr nach Hause kommt.

Auch der Manager Nigel Martin-Smith sieht etwas in dem Jungen. "Seine Mutter hatte ihm offenbar eingetrichtert, wie man richtig aus dem Zimmer geht, so wie man es Mädchen beim Benimmunterricht beibringt. Er hatte dieses Funkeln in den Augen, und ich dachte: 'Du gehörst in die Band'." Nur der Name stimmt noch nicht. Warum nicht Robbie? Das klingt doch witzig, frech und irgendwie wie der Name eines Clowns aus dem Kinderfernsehen. Und tatsächlich wirkt der Neue zwischen den glatt polierten und dauergrinsenden Take-That-Jungs von Anfang an wie ein Außenseiter. Aus Rob wird Robbie, und Rob hasst den Namen vom ersten Tag an.

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