Das Erste sendet die 500. Folge von "In aller Freundschaft". Mit durchschnittlich 6,2 Millionen Zuschauern ist die Heile-Welt-Schmonzette die quantitativ erfolgreichste ARD-Serie überhaupt. Aber warum? Eine Abrechnung von Bernd Gäbler

Klinikleiter Prof. Dr. Simoni - gespielt von Dieter Bellmann - feiert bald seinen 500. Auftritt© Thomas Schulze/DPA
Richtig wäre: "Sachsenklinik". Aber das hat sich der MDR zum Start der Serie am 26. Oktober 1998 nicht getraut. Das wäre zu nah an der legendären "Schwarzwaldklinik" gewesen. Und richtig gut lief die Serie zunächst auch nicht. Aber sie hatte sofort einen wichtigen treuen Fan, den damaligen ARD-Programmdirektor Dr. Günter Struve, der stets mit Verve für das eintrat, was seinem eigenen Geschmack nicht entspricht. Für die Massen sollte das dann gerade gut sein. Also gefiel ihm die Simpel-Serie "In aller Freundschaft" außerordentlich gut.
Im Jahr 2010 nun lief die für das 17-köpfige Kernteam um Klinikleiter Prof. Dr. Simoni (Dieter Bellmann) erfolgreichste Staffel. Zwar schauen nur alte Leute zu - aber immerhin 6,2 Millionen im Schnitt. Der Erfolg und die 500. Folge sollen gebührend gefeiert werden - mit einem Gaststar! Nachdem in früheren Folgen schon Mariella Ahrens, Johannes Heesters und Pierre Brice die Mull-Serie künstlerisch bereicherten, ist nun wahrhaftig Horst Köhler angekündigt! Es handelt sich nun aber nicht um den ehemaligen Bundespräsidenten, sondern um einen anderen Mann, der im wahren Leben Horst Köhler heißt. Der Künstlername dieses Horst Köhler ist "Guildo Horn" - er spielt in der 500. Folge "Vier in einem Boot" einen Julius Doberer, der sich eine Kopfverletzung zuzieht. Und er darf natürlich auch singen. Mit diesem Auftritt bleibt sich die sächsische Skalpell-Serie treu: Immer erhält die Billig-Variante den Vorzug.
Der Mensch braucht Rituale. Der Sinn des Fernsehens scheint oft darin zu liegen, die Menschen mit dem Gewohnten zu überraschen. So funktioniert auch "In aller Freundschaft". Die Zuschauer bekommen exakt das, was sie schon kennen und folglich erwarten. Wer nicht zur treuen Gemeinde gehört, kann kaum fassen, was da gezeigt und wie da geredet wird. "Ich weiß einfach nicht mehr, was ich machen soll". "Aber du liebst ihn" "Empfindet er genauso für dich wie du für ihn?" "Es gibt Menschen, die bringen sich für weniger um." "Noch ist sie nicht tot." Die 14 parallel arbeitenden Drehbuch-Autoren schreiben wie eine einzige Maschine - und zwar immer genau solche Sätze, die jeder halbwegs ambitionierte Autor vermeidet. Immer auf die Zwölf, nie etwas andeuten, immer klingen die aufgesagten Sätze wie gerade aus dem Lore-Roman kopiert. Nach jeder Frage kann man die Antwort schon mitsprechen. Ein Fernsehen der Minimierung geistiger Anstrengung.
Obwohl die Serie erst 1998 startete, haftet ihr auf eigenartige Weise ein Ost-Geruch an. Als einzigen Preis hat sie bisher folgerichtig die "Goldene Henne" bekommen, das "Ostzonen-Bambi" der "Super-Illu". Diese Zeitschrift ist es auch, die Wohl und Wehe der Klinikstars andächtig begleitet. In keiner anderen Arztserie spielt die Medizin eine so geringe Rolle. Zwar sind die Produzenten stolz darauf, bisher schon 260-mal grüne OP-Kleidung für 794 Operationen und 300 Liter Filmblut verbraucht zu haben, für ein "ER"- oder "Dr. House"-geschultes Publikum aber ist das gemächliches Laientheater. Da pulsieren keine inneren Organe, da spritzt kein Blut, da tropft kein Eiter, gibt es nur ganz selten kranke Kinder - erst recht keine komplexen medizinischen Probleme. Vom Blinddarm bis zum Gehirn wird in der "Sachsenklinik" einfach alles munter hintereinander weg operiert. Dazu reicht das Hantieren an grünem Tuch. Klinik, Krankheit und Kanülen sind nur die Folie für die menschlichen Konflikte, die genauso aseptisch dargestellt werden. Mit einem gerüttelt Maß menschlicher Vernunft sind sie stets sauber lösbar.
Nicht nur, dass die "Sachsenklinik" simpel ist, sie blendet auch gesellschaftliche Konflikte aus, ereifert sich unser Kolumnist Bernd Gäbler. Lesen Sie mehr auf der nächsten Seite!
Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags - das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat.1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.