22. Juni 2012, 17:40 Uhr

Keine Experimente mehr

Thomas Gottschalk und Dieter Bohlen werden ab Herbst bei RTL gemeinsam über vermeintliche "Supertalente" richten. Für die Quote hängt Gottschalk damit sämtliche Ideale an den Nagel. Der Erfolg ist ihm sicher. Aber um welchen Preis? Von Katharina Miklis

Dass es einmal so weit kommen würde, hätte er selbst wahrscheinlich am wenigsten gedacht. Doch das einsame Dahinvegetieren im ARD-Vorabendprogramm hat Thomas Gottschalk altersmüde gemacht. Er flüchtet sich in die sichere Obhut des Marktführers RTL. Ab Herbst schippert er gemeinsam mit Dieter Bohlen in den sicheren Hafen der Quotenehe und wird mit ihm in der Jury von "Das Supertalent" sitzen.

Thomas Gottschalk und Dieter Bohlen - das war jahrelang ein einziger Kampf. Um Quoten, um die Aufmerksamkeit junger Zuschauer. Um Anspruch und Unterhaltung im deutschen Fernsehen. Wenn Thomas Gottschalk mit "Wetten, dass..?" und Dieter Bohlen mit dem "Supertalent" oder "Deutschland sucht den Superstar" an Samstagabenden gegeneinander antraten, dann ging das nicht selten mit öffentlicher Kritik einher. Gottschalk jammerte über das niedrige Niveau der RTL-Konkurrenz, Bohlen hielt Gottschalk dagegen vor, dass er es nicht mehr verstünde, die Jugend zu unterhalten. Die Zuschauer nahmen sie sich gegenseitig weg. Die Quotenkurve zeigte bei beiden Titanen nach unten.

Gottschalk ergibt sich

Jetzt machen also Gottschalk und Bohlen gemeinsame Sache und werden in dem RTL-Kuriositätenkabinett "Das Supertalent" vereint nach vermeintlichen Talenten suchen. Die Zusammenarbeit mit Bohlen in einem Format wie diesem widerspricht allem, was Gottschalk in den vergangenen Jahren in Bezug auf Castingshows von sich gegeben hat. Wieso tut er das?

Gottschalk, der mit seinem Vorabendformat in der ARD so furios scheiterte, sagt, dass das Publikum ihn auf der großen Showbühne brauche - und RTL ihm diese angeboten habe. Die Wahrheit steht wohl zwischen den Zeilen. Jahrelang hatte Gottschalk die niederen Instinkte beklagt, die Bohlen in dem Castingformat bediene. "Das Schlimmste, was ich der Menschheit antue, sind die Klamotten, die ich trage. Und daran wird sich auch nichts ändern", versprach Gottschalk einmal. Nun lobt er das Format, in der sich etwa Kandidaten Feuerwerkskörper in den Hintern stecken, als "erfolgreichste Showreihe im deutschen Fernsehen" - nicht als die beste, wohlbemerkt. Das Bündnis, das Gottschalk mit seinem größten Quotenfeind eingeht, zeigt, was die jahrelangen Diskussion um sinkende Zuschauerzahlen bei "Wetten, dass..?" und letztlich das desaströse Scheitern der Vorabendsendung "Gottschalk Live" aus dem Showtitan gemacht haben: Er wagt keine Experimente mehr. Er sucht nicht mehr den Kampf.

Bankrotterklärung und Lebensversicherung

Gottschalks Überlauf vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen zum "Supertalent" ist Bankrotterklärung und Lebensversicherung zugleich: Er, der stets die Methoden Bohlens und die Trashformate von RTL verteufelte, droht dadurch im schlimmsten Fall seine Glaubwürdigkeit zu verlieren. Die Quote ist ihm jedoch sicher. Gegen das neue Titanen-Duo dürfte es Markus Lanz mit seiner Version von "Wetten, dass..?" im Herbst im ZDF schwer haben.

Keine Frage, dass diese kuriose Kooperation auch Bohlens zuletzt etwas schwächelnden Castingshow neuen Aufwind bereiten wird. Dass Thomas Gottschalk 20 Jahre nachdem er auf RTL die Late-Night-Show "Gottschalk Late Night" moderierte, zum Privatsender zurückkehrt, ist eine Sensation - und wird Schaulustige anziehen. Die Personalie zeigt jedoch auch, dass sämtliche Versuche Dieter Bohlens, das Quotenniveau der Show zu halten, zuletzt nicht von Erfolg gekrönt waren. Die Götterdämmerung im deutschen Fernsehen, die Thomas Gottschalk und Harald Schmidt straucheln ließ, verdunkelte auch Bohlens Quotenträume.

Drittes Jurymitglied wird demnächst verkündet

Wenn es also allein um den Zuschauerzuspruch geht, dürften sowohl Gottschalk als auch Bohlen gewinnen. Tiefer als in der ARD wird Gottschalk - was die Quoten angeht - bei RTL nie fallen. Bohlens Dicklippigkeit wird ein ebenbürtiger Partner gut tun. Dass die beiden sich im Grunde sehr gut verstehen, ist bekannt. Bei den Sommer-Ausgaben von "Wetten, dass..?" aus Mallorca wurde die Männerfreundschaft regelmäßig auf Thommys Couch zelebriert.

Die Frage ist, was RTL nun aus diesem Doppel macht. Bisher verrät der Sender nur, dass man sich konzeptionell komplett neu aufstellen will. Das Zusammenspiel der zwei alten Show-Titanen birgt in jedem Fall dramaturgische Möglichkeiten. Wenn RTL Bohlen und Gottschalk als Statler und Waldorf des deutschen Fernsehens inszeniert, dürfte es tatsächlich unterhaltsam werden. Doch leider wird RTL das Duo nicht sich selbst überlassen. Auf Nachfrage versichert der Sender stern.de, dass es bei der Dreierkonstellation in der Jury bleiben werde. Einen Chef-Juror gebe es nicht. Die dritte Personalie sei so gut wie fix und soll in Kürze verkündet werden. Harald Schmidt stünde sicherlich bereit.

 
 
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