Sie sind Deutschlands bekannteste Gerichtsmediziner: Michael Tsokos im wirklichen Leben, Jan Josef Liefers im "Tatort" aus Münster. Der stern traf beide zum Obduktions-Gipfel. Heraus kam ein Austausch über Qualitätssicherung bei Toten, das Frühstück nach der Obduktion und Angehörige im Sektionssaal. Von Werner Mathes, Berlin

Michael Tsokos und Jan Josef Liefers im Medizinhistorischen Museum© Steffen Roth
Wir sind verabredet in der Kapelle des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité. Der Schauspieler Jan Josef Liefers, 46, spielt im WDR-"Tatort" aus Münster den kauzigen Rechtsmediziner Karl-Friedrich Boerne, der sich ständig mit dem mindestens ebenso eigenwilligen Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl) kabbelt - zudem wohnt Thiel auch noch in Boernes Haus. Mit dem ungewöhnlichen Ermittler-Duo ist der Münsteraner "Tatort" zu einem der beliebtesten und meistgesehenen deutschen TV-Krimis geworden. Professor Dr. Michael Tsokos, 43, ist Chef des Instituts für Rechtsmedizin der Berliner Charité und zugleich Direktor des Landesinstituts für gerichtliche und soziale Medizin Berlin - und der wohl bekannteste unter den rund 250 klassischen Rechtsmedizinern in Deutschland. Die beiden kennen sich bereits länger und duzen sich. Tsokos hat Liefers schon bei den Dreharbeiten in Münster besucht, Liefers den Professor in dessen Institut in Berlin-Moabit.
Herr Liefers, Sie waren selbst schon mal in einem Sektionssaal und haben bei mehreren Obduktionen zugesehen. Ist Ihnen da nicht schlecht geworden?
Jan Josef Liefers: Nein. Der ersten Obduktion habe ich in der Pathologie in Münster beigewohnt. Anders als in der Rechtsmedizin wird hier überprüft, woran genau jemand in der Klinik gestorben ist. Das ist eine Art Qualitätssicherung: Stimmt das überein mit der Diagnose? War die Therapie richtig? Natürlich hat man sich anfangs dort große Sorgen um mich gemacht ...
Michael Tsokos: Bei uns etwa nicht?
Liefers: Nee, du hattest mich nur gefragt, ob ich was gegessen hätte. Man weiß ja nicht, ob man vorher was essen soll oder nicht. Wenn man nichts isst, wird einem eher schlecht, und wenn man was isst, kommt dann einfach mehr raus. Ich hatte jedenfalls gefrühstückt, bevor ich in euren Sektionssaal kam.
Was unterschied Münster von Berlin?
Liefers: Den Unterschied zu Münster habe ich schon gemerkt, als ich hier in den Saal kam. In Münster wurde gerade mal ein Toter obduziert, und hier gingen an einem einzigen Tag zwölf über die Tische - vom Alkoholiker, dessen Todesursache ungeklärt war, bis zu einem Mann, der in seiner Wohnung gefunden worden war, nachdem er vier Wochen tot an der Heizung gelehnt hatte. Da gehört nicht sehr viel Fantasie dazu, sich vorstellen zu können, wie der ausgesehen hat.
Was hat Sie am meisten beeindruckt?
Liefers: Die Schwelle, die man überschreitet, wenn man zum ersten Mal einen Toten auf so einem Tisch liegen sieht. Was danach kam, hat mich eher fasziniert. Zumal mir äußerst sachlich und wissenschaftlich erklärt wurde, was da gerade passiert und was weshalb gemacht wird.
Herr Tsokos, was halten Sie von Ihrem Kollegen Karl-Friedrich Boerne, der im "Tatort" von Jan Josef Liefers gespielt wird?
Tsokos: Ich finde die Figur gut, weil sie überzogen ist. Ich schau mir den "Tatort" ja nicht als Rechtsmediziner an, sondern als Privatperson, die unterhalten werden will. Und das gelingt da exzellent - gerade im Zusammenspiel Boernes mit dem Hauptkommissar Thiel, den der Schauspieler Axel Prahl verkörpert. Boerne gefällt mir auch aus einem anderen Grund: dass er mit Leib und Seele bei der Sache ist. Er will ganz genau wissen, was passiert ist - beißt sich dabei aber nicht fest, sondern denkt flexibel. Das ist der Charakterzug jedes guten Rechtsmediziners.
Würden Sie auch gern zu Opernarien obduzieren?
Tsokos: Nein, dann würden sich womöglich die Kollegen beschweren, die gerade an den anderen Tischen arbeiten.
... oder seelenruhig in ein Leberwurstbrötchen beißen, während Sektionsassistentin Alberich die Leiche wieder vernäht?
Liefers: Moment. Das gab es bei uns im Münsteraner "Tatort" noch nie, das würden wir auch nicht machen. Ist nämlich verboten wegen der Hygienevorschriften, soweit ich weiß.
Tsokos: Richtig. Aber dein Boerne schert sich doch auch sonst nicht um Verbote. Wir Rechtsmediziner dürfen zum Beispiel nicht selbst ermitteln. Ich erinnere mich nur an eine Folge, wo Boerne gewaltsam ein Garagentor öffnet und etwas später die Polizisten, die dort eintreffen, höflich hereinbittet. Das ist Hausfriedensbruch und selbstverständlich verboten. Wir beteiligen uns auch nicht an wilden Verfolgungsjagden oder bereiten Festnahmen vor.
Fehlt Ihnen das?
Tsokos: Nein. Sonst wäre ich zur Polizei gegangen.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Rechtsmediziner Michael Tsokos beim "Tatort" grinsen lässt.
Spannende Fälle ... Michael Tsokos
Dem Tod auf der Spur
272 Seiten, 8,95 Euro
Ullstein Verlag
... aus der Praxis des Rechtsmediziners Michael Tsokos
Der Totenleser
256 Seiten, 8,95 Euro
Ullstein Verlag
Die Hörbücher dazu hat der audio media verlag herausgebracht - gelesen von, klar!, Jan Josef Liefers.