Von Wulff bis Ballack - es gibt viele Beispiele dafür, dass es nicht leicht ist, den richtigen Augenblick für einen würdevollen Rücktritt zu erwischen. Thomas Gottschalk sollte schnell handeln. Von Bernd Gäbler

Wie lange hält er noch durch? Thomas Gottschalk sollte sich Gedanken über seinen Abgang machen© Getty Images
Wieder ist eine Woche vergangen und an der Sendung "Gottschalk Live!" hat sich nichts Substantielles verändert. 1,5, 1,36 und 1,15 Millionen – so viele Zuschauer schalteten am Montag, Dienstag und Donnerstag ein. Am Mittwoch fiel die Sendung wegen Skispringen aus. Das Skispringen fiel zwar auch aus, Gottschalk gab es aber dennoch nicht. Stattdessen wurde eine alte Sendung mit Eckart von Hirschhausen aus dem Archiv geholt. 1,43 Mio. Menschen wollten sie sehen – also genau so viele wie sonst die frisch produzierte, teure Vorabendproduktion mit dem zur ARD gewechselten Top-Entertainer sehen wollen. Stabil an "Gottschalk Live!" ist vor allem, dass sie regelmäßig die Vorabendsendung mit der schlechtesten Quote ist.
Das wäre ziemlich egal, wäre die Sendung auch nur im Ansatz das, was sie zu sein versprach: etwas Neues, locker und unterhaltsam, ein frischer, ungewöhnlicher Blick auf den Tag, Haltung und Meinung sollte geboten werden, interessante Gespräche, Themen zwischen Boulevard und Tagesschau. Tatsächlich ist die Sendung vor allem eins: egal.
Weil die Sendung alles sein will - Talk und Magazin, Promi-Parade und Kommentierung – ist sie nichts. Freundlich formulierte der scheidende ZDF-Intendant Markus Schächter, ihr fehle ein "Formatkern". Was nicht immer gilt, hier trifft es zu: Qualität und Quote passen zueinander. Mit der Quote rauschen jetzt auch noch die Werbepreise in den Keller. Damit ist nicht nur kein inhaltlicher Mehrwert vorhanden, sondern auch der ökonomische Sinn der Gottschalk-Verpflichtung ist perdu.
Die letzte Woche nun hat gezeigt, dass Thomas Gottschalk und die Redaktion nicht daran denken, das Ruder herumzureißen und die Sendung substantiell zu verändern, sondern darauf bauen, allein mit Geduld und Durchhaltewille die Zuschauer zu überzeugen. "Und dann werden sie mal sehen, wie ich ihnen fehle", erklärte Gottschalk am Dienstag zur Sendepause am nächsten Tag und verriet, worauf er baut: "Das ist nämlich der Gewöhnungseffekt". Aber ihn vermisst keiner, weil Zuschauer nicht die Tapferkeit des Moderators würdigen, sondern gut unterhalten werden wollen.
Bislang hat Gottschalk viele Prominente zu Gast gehabt: ob Bully Herbig, Anke Engelke, Armin Rohde, Nina Hagen, Helge Schneider, Doris Dörrie, Wim Wenders, Jonas Kaufmann oder Karl Lagerfeld – er hat nichts daraus gemacht. Von den rudimentären Gesprächen ist nichts haften geblieben. Sie waren kaum besonders lustig oder markant, aber auch nicht tiefgründig oder intim.
Haltung will Gottschalk zeigen. Meist wird er dann onkelhaft. Zur Scheidung von Heidi Klum und Seal wusste er, dass es nicht gut gehen kann, wenn beide Partner im Showgeschäft sind. Der Maler Gerhard Richter war ihm unbekannt. Ihm fiel aber ein, dass man solche Bilder mit Buntstiften und Lineal wohl auch hinbekommen würde - ein peinlicher Populismus. In der letzten Woche war die Ivy Quainoo, die Siegerin der Casting-Show „Voice of Germany“, bei ihm zu Gast. "In dieser Show, da ging es um echte Begabung - siehst Du das auch so?", lautete seine erste Frage an die Siegerin. Für sie soll es jetzt richtig losgehen, voll glühendem Enthusiasmus will sie sich in ihre Gesangskarriere stürzen. Ausgerechnet über den Tod von Whitney Houston und die Gefahren des Showgeschäfts aber will Gottschalk mit ihr reden. Er tut es wie ein mahnender Opa gegenüber seiner drogen-gefährdeten Enkelin. Auch seine Mitarbeiter und Redakteure führt er dem Fernsehpublikum gerne vor wie ein jovialer Kumpel. "Benimm Dich artig", gibt er seinem Berlinale-Reporter in schulterklopfender Herablassung mit auf den Weg.