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10. Februar 2010, 08:08 Uhr

Der ganz normale Casting-Wahnsinn

Die Songs nicht "edgy", die "Tussis" aber "megahot". Das Timbre "funky", "Chapeau Claque" dafür - Jurorin Sarah Connor gab sich polyglott und zeigte gar den Stinkefinger: Schon mit der zweiten Ausgabe wird Stefan Raabs "Unser Star für Oslo" zum ganz normalen Casting-Wahnsinn - und Peter Maffay zum Hellseher. Von Ingo Scheel

Unser Star für Oslo, Stefan Raab, Eurovision Song Contest, Oslo, Raab, Casting

Eine Runde weiter: Jennifer Braun überzeugte mit der gefühlt 183. Castingshow-Version von Anastacias "I'm Outta Love"© Pro7

Noch vor Wochenfrist mochte man den zurückhaltenden Start von Raabs Unternehmen "Eurovision Song Contest" beklagen, der erst vom losgelösten Auftritt einer Abiturientin aus Hannover Feuer unter dem Allerwertesten bekam. Sieben Tage später wehte ein anderer Wind bei "Unser Star für Oslo". In der Vorwoche legten Yvonne Catterfeld und Kollege Westernhagen noch professionelle Dezenz an den Tag und mühten sich um individuelle Einschätzung, am gestrigen Abend war der Gestus ihrer Kollegen dann emotionaler gelagert. Dabei sah es auf dem Papier so aus, als hätten die beiden lediglich ihre Avatare geschickt: Den Typus "deutsche Erfolgssängerin" besetzte diesmal Sarah Connor, das Feld "alternder Deutschrocker" beackerte nun Peter Maffay.

Solitäres Highlight: Moderator Mathias Opdenhövel

Der Sänger gab sich, wie nicht anders zu erwarten, zurückhaltend, universell lobend und erwies sich damit für den harten Jury-Alltag mit einem zu weichen Herzen ausgestattet. Sarah Connor dagegen drehte auf ihre Art am Rad. Wurde bei der Premiere noch das Unaufgeregte dieser neuesten Casting-Version beklagt, lockte die Sängerin, mit einem Slang zwischen Nagelstudio-Smalltalk und Realschulen-Raucherecke ausgestattet, diesmal auch Bohlen-Fans und RTL2-Prekariat zu ProSieben. Nicht unbedingt hörenswert, aber quotensteigernd.

Jana zum Beispiel, die Pinks "Who knew" die Luft rauslässt, aber tolle Haare hat, löste bei Frau Connor "megahotten Tussi-Alarm" aus, und auch ihr "Monsterbody", ihr "Monsterblick" waren "supersexy" und nicht von schlechten Eltern. Kandidatin Franziska bescheinigte sie, trotz Kleid aus Küchengardine und Faschingsperücke, einen "guten Style" zu haben. Zahntechniker Benham, der John Legends "Save Room" zerdehnte, wünschte sie dagegen "mehr Eier". Und das, obwohl sie "verliebt in sein Timbre" war, und er "sehr warm" und "sehr groß" auf sie wirkte. Mehr Eier hatte da schon Moderator Mathias Opdenhövel, der - ein solitäres Highlight im Moderatoren-Gebrabbel des Abends - Sarah Connor mit einer Pointe, auf ihr kurzes Geplänkel mit Ex-Werder-Star Diego abzielend, aus der Fassung brachte. Die Diseuse aus Delmenhorst streckte daraufhin die ausgestreckten Mittelfinger Richtung Studiodecke - from Sarah with Love.

Maffay - ein milder Musikus von Waldorfschulen-Format

Und während Stefan Raab sich bemühte, die Fahne der musikalischen Integrität hochzuhalten, zumindest da und dort ein wenig krittelte, gab Maffay den milden Musikus von Waldorfschulen-Format: Befand "prrrima", was eigentlich schief klang. Lobte "grrroßartig", was höchstens okay war und sagte "hervorrragend", wo es genau das nun wirklich nicht war.

Am Ende schwang er sich, dann doch ein Juror von Format, zum Seher auf, nannte auf die Frage nach den Kandidaten für die nächste Runde fünf Namen und behielt vollständig recht: Leon, der "schwarze Grönemeyer". Christian, der Gitarrenrocker, der so gut mit der Studioband, den Heavytones, harmonierte. Straßenmusikerin Maria Lisa, dazu Jennifer mit der gefühlt 183. Castingshow-Version von Anastacias "I'm Outta Love" und Sharyhan, die mit Whitney Houstons "I Have Nothing" überzeugte - sie alle sind eine Runde weiter.

"Monsterbody" und "Tussenalarm" reichen nicht

Die anderen kehren in ihre Welt zurück und werden am letzten Mai-Wochenende das Geschehen beim Finale in Oslo höchstens vor der Mattscheibe verfolgen: Vermögensberater Benjamin, der Jack Johnsons "Better Together" noch ein wenig schläfriger als das Original klingen ließ. Benham, der Zahntechniker mit der Sympathie für die iranische Oppositionsbewegung. Alex, der selbst Maffay nicht "edgy" genug war, Franziska, die dann doch zu "funky" agierte und auch Jana, "Monsterbody" hin, "Tussenalarm" her - sie alle sind raus.

In der nächsten Woche geht das Spektakel mit den jeweils fünf Siegern der ersten beiden Sendungen weiter und beantwortet dringliche Fragen: Wie machen sich Nena und König Boris (Fettes Brot) in der Jury? Wer hat die besten Chancen gegen Lena Meyer-Landrut, die Siegerin der Herzen aus der ersten Sendung? Und wird Moderatorin Sabine Heinrich endlich wieder einen geraden Satz sprechen?

Deutschlands Weg nach Oslo Insgesamt 20 Kandidaten haben live auf ProSieben ihr Talent bewiesen. In der ersten beiden von acht Ausgaben des deutschen Vorentscheids zum Eurovision Song Contest 2010 schafften zehn Musiker den Sprung in die nächste Runde, die ebenfalls von ProSieben ausgestrahlt wird. Halbfinale und Finale sendet die ARD, in der letzten Show am 12. März fällt dann die Entscheidung, welcher Interpret beim Eurovision Song Contest (Finale: 29. Mai) in Oslo Deutschland vertritt.

Von Ingo Scheel
 
 
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