Da ist sie wieder, die lang ersehnte Spargelsaison. Kenner warten auf die lokale Ware, denn je schneller und frischer die Stangen auf den Tisch kommen, desto besser schmecken sie. Von Pit Falkenstein

Spargel sollte in ein blütenweißes Tuch eingeschlagen und dann serviert werden. Es hält die Stangen warm und verhindert, dass sie beim Vorlegen tropfen© Hans Hansen
Adieu "Kartoffelfresser"- die
Deutschen lieben heute
Tomaten und geben dafür
mehr Geld aus als für
Kartoffeln. Bye-bye "Krauts" - auch Weißkohl, ob sauer oder
nicht, ist die längste Zeit unsere
Lieblingsspeise gewesen. "Spargels"
sollten uns die Nachbarn
besser nennen. Keinem anderen
Gemüse (Kartoffeln sind keins)
räumen wir so viel Anbaufläche
ein wie der weißen, leicht süßlichen
Stange. Von Nord bis Süd,
von Winsen/Luhe bis ins bayerische
Schrobenhausen, sind es
fast 19.000 Hektar, fast doppelt so
viel wie vor zehn Jahren.
Deutsch muss der Spargel sein,
der bei uns auf den Tisch kommt.
Kein anderes Volk pflegt das
noble Gemüse so sehr wie wir.
Nirgends schmeckt es aber auch
so gut wie bei uns. Klar gibt es
immer
ein paar Präpotente,
die
zur Frühware aus Griechenland
greifen. Doch das ist Supermarktware,
dafür kramt kein Kenner
den Sparschäler heraus.
Der wahre Stangenverehrer
harrt in der Regel bis Mai aus und
macht sich erst über den hiesigen,
den frisch gestochenen Spargel
her. In diesem Jahr deutete alles
auf eine späte Ernte hin. Nasskälte
im Februar, Frost im März und späte
Schneefälle schienen den Lauf
der Natur zu verzögern. Der Frühling
war im Vergleich zu den Vorjahren
drei Wochen später dran.
Nützliche Wendefolien
Auch Alfons Hester im westfälischen
Waltrop musste sich gedulden.
Sonst ist er in der Gegend
der Erste, der den Spargel sticht,
denn über eingegrabene Rohrschlangen
beheizt er seine Felder
mit der Abwärme eines Kraftwerks,
was den Spargel sprießen
lässt. Doch in diesem Jahr war
seine Anlage, für die er vor neun
Jahren 200.000 Mark ausgegeben
hatte, nutzlos. Das Stromkraftwerk
war tagelang abgeschaltet -
offenbar mangels Bedarfs wegen
der Wirtschaftskrise.
Aber jetzt herrscht Kaiserwetter,
und der Spargel schießt. Bis
zu sieben Zentimeter wächst er
an einem Tag, und die Bauern
helfen, das ist heutzutage üblich,
mit riesigen schwarz-weißen Wendefolien
nach. Damit selbst spärliche
Sonnenstrahlen den Boden
wärmen, wird erst die schwarze
Seite nach oben gespannt - so
wächst der Spargel schneller. Später
im Mai, wenn die Temperaturen
steigen, drehen die Bauern
die Bahnen um. Die weiße Seite
wirkt lichtabweisend
und hält die
Wärme ab, dann kommen die
Stangen nicht so schnell, und die
Preise bleiben stabil.
Was empfindsamere Gemüter
vielleicht als widernatürliche Gewächshaustechnologie
betrachten,
sorgt jedenfalls dafür, dass der
Spargel feiner wird. Professor
Peter-Jürgen Paschold, Fachgebietsleiter
Gemüsebau an der
Forschungsanstalt in Geisenheim,
preist die Folie: "Sie sorgt für eine
gleichmäßige Reife, speichert zudem
die Feuchtigkeit und wirkt
dadurch einer vorzeitigen Verholzung
entgegen. Das verbessert
insgesamt den Geschmack."
Die Suche nach der vollkommenen Sorte
Fleißige Züchter tragen überdies
dazu bei, dass die "Schmeichelei
des Gaumens", wie der
ältere Cato das feine Gemüse
einst nannte, möglichst früh im
Jahr auf den Markt kommt.
Wahre Wunderpflanzen haben
die Agro-Pioniere geschaffen:
gleichmäßig und von geradem
Wuchs, glatt und mit stets geschlossenen
Köpfen, fast frei von
harten Fasern und widerstandsfest
gegen Schädlinge. Gijnlim
heißt eine in Deutschland sehr
häufig angebaute
Sorte. Sie
stammt von dem Saatzüchter
Limseeds im niederländischen
Horst bei Venlo.

Spargel wird unter Folie gezogen. Die schwarze Seite wärmt, die weiße kühlt den Boden. Geerntet wird von Hand© Michael Urban/DDP
Solche Beschreibungen erinnern
natürlich an die notorisch
makellos aussehenden, stets
wurmfreien Äpfel, die nie braune
Stellen bekommen, aber auch
kaum Aroma haben. Nicht wenige
Spargelbauern trauern deshalb
alten Sorten wie Schwetzinger
Meisterschuss oder Ruhm
von Braunschweig nach. Doch
Paschold hält wenig von derlei
Nostalgie. "Die neuen Sorten
sind hervorragend", sagt er. "Die
Züchter bei uns und in Holland
nehmen sich auch des Themas
Geschmack längst wieder verstärkt
an."
Dennoch kann Spargel höchst
unterschiedlich schmecken - aus
anderen Gründen allerdings als
beim Wein. Am stärksten ist es
die Witterung, die das Spiel der
Aromen beeinflusst. Dabei machen
die Wärme und die Feuchtigkeit
des Bodens ungemein viel
aus. Später Spargel ist deutlich
milder und weniger bitter als
Stangen aus der frühen Ernte.
Die Blamage des "Spargelpapstes"
Die Herkunft? Eher unwichtig,
auch wenn manche Dörfer werben,
bei ihnen wachse die beste
Ware. "Das ist Marketing", sagt
der Herr Professor und lächelt
mild. Anders als beim Wein, dessen
Aromen etwa vom Schiefer
oder Muschelkalk entscheidend
geprägt werden, spielt die Art
des Erdreichs beim Spargel keine
besondere Rolle. Selbst erfahrene Tester können nicht herausschmecken,
ob die Stangen nun
aus Schwetzingen, Walbeck oder
Beelitz kommen.
Und wenn sie es doch versuchen,
können sie sich böse
blamieren: Die Erzeuger in
Schrobenhausen nahe Ingolstadt,
die alljährlich eine Spargelkönigin
wählen und stolz auf ihr Spargelmuseum
sind, werben kräftig
mit dem Spruch: "Auf den Boden
kommt es an." Im Jahr 2004 kündigte
der damalige Bürgermeister
Josef Plöckl - Beiname: "Spargelpapst"
- an, die Köstlichkeiten
aus heimischer Erde unter anderer
Ware blind herauszuschmecken.
Vor laufender Kamera
schnupperte und kaute er. Was er
dann schließlich zweifelsfrei als
seinen Schrobenhausener Spargel
erkannte - "typisches Nussaroma"
-, kam leider aus Polen.
"Für den optimalen Geschmack
von Spargel gibt es vor allem ein
entscheidendes Kriterium", sagt
Paschold, "und das ist die Frische."
Morgens gestochen und
abends auf den Teller, so heißt
seine Empfehlung. Einmal dem Boden entrissen, gibt das Gemüse
ständig Energie ab. Eine Kiste mit
Spargel erwärmt über Nacht einen
kleinen Raum um ein Grad
Celsius. Selbst wenn sie in ein
Tuch eingeschlagen wird, verliert
die Delikatesse an Aroma und verholzt
unaufhaltsam.
Kundige Genießer kaufen ihren
Spargel darum auf dem Wochenmarkt
oder beim Gemüsehändler
ihres Vertrauens. Der weiß, wo
und wann geerntet wurde. Und
wer das Glück hat und in einer
Spargelgegend wohnt, fährt bis
zum Mittag selbst zum Bauern.
Frischer geht's nicht.
Worauf es ankommt
Beim Kauf gilt: Ein paar Stangen
aneinanderreiben - quietschen
sie, dann sind sie frisch.
Ferner die Schnittstellen beachten:
Sind die Enden noch nicht
ausgetrocknet und geben auf
leichten Druck noch etwas Flüssigkeit
ab? Perfekt.
Ein Postversand quer durch
die Republik dagegen kostet viel
Geld und lohnt höchstens bei
wirklich schlechter Versorgungslage.
Auch wenn die Ware aus
Schwetzingen oder Beelitz noch
so einen dollen Ruf genießt - frischer
lokaler schlägt den Bestellspargel.
Und welche Färbung ist nun
optimal? Kleiner Ausflug in die
Malerei: Es gibt ein Bild des
französischen Impressionisten
Edouard Manet, das einen Bund
Spargel mit auffällig violetten
Köpfen zeigt. Was früher die
Regel war, gilt heute als Fehler.
Die meisten Verbraucher wollen
ihren Spargel weiß in weiß. Eine
Violettfärbung entsteht, wenn
die Spargelspitzen für einige Zeit
das Sonnenlicht sehen. Das passiert
aber nur, wenn die Stecher
gepennt haben oder anderweitig
beschäftigt waren.
Aufgeklärte Feinschmecker
fahnden aber nach genau diesen
rosafarben-violetten Stangen. Sie
schmecken nämlich wesentlich
intensiver und enthalten zudem
mehr wertvolle Stoffe, neben Vitamin
B und C vor allem gegen
Krebs vorbeugende Anthocyane.
Preiswerter sind sie auch noch.
Und was schmeckt am besten zur
bleichen Stange? Ganz klar: zerlassene
Butter oder Hollandaise,
natürlich selbst gemacht.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 19/2009